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Wir und die Gier

Der Lockdown hat unseren «Alles und sofort»-Akkord jäh unterbrochen. Wollen wir die Normalität wirklich zurück?

Kunden stehen Schlange vor dem Chanel-Laden an der Zürcher Bahnhofstrasse.
Kunden stehen Schlange vor dem Chanel-Laden an der Zürcher Bahnhofstrasse.
Foto: Keystone

Springflut der Emotionen am letzten Montag: Restaurants empfangen wieder Gäste, Schüler sitzen am Pult, in den Bars füllen sich Gläser und Tassen, in den Läden piepsen die Kassen. Vorsichtig lösen wir uns aus der Geiselhaft des Coronavirus. Schon nach ein paar Stunden registrieren wir, wie gewisse Hygienevorschriften des Bundes völlig übertrieben sind: Beim Italiener muss der Koch alle fünf Minuten seine Plastikhandschuhe entsorgen. Als würde er da gleich auch den gesunden Menschenverstand in den Kübel schmeissen.

Wir sind wieder ein Stück weit zurück in der Normalität, ist überall zu hören und zu lesen. Aber was definieren wir nun als Normalität nach diesen zwei aussergewöhnlichen Monaten, die uns so viel abverlangt und viele Menschen in die Verzweiflung getrieben hat? Die Normalität: Da waren gestresste Manager, die viermal pro Woche nach London an ein angeblich wichtiges Meeting flogen. Da war eine Gesellschaft, die an der «Höher, weiter, schneller, mehr»-Mentalität beinahe erstickte. Die, getrieben von Börsengewinnen und Dividendenzahlungen, in höchstem Tempo produzierte, ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt, um die aus ihrer Sicht wichtigste Errungenschaft im 21. Jahrhundert zu veredeln: Wohlstand. Unter Normalität verstanden wir auch Mobilität ohne Grenzen, das Verbrennen fossiler Rohstoffe, Bespassung rund um die Uhr oder militärisch stramme Büropräsenz von neun oder mehr Stunden.

Doch von einem Tag auf den anderen wurde unser «Alles und sofort»-Akkord jäh unterbrochen. Als hätte man der Kugel den Stecker gezogen. Die neuen Helden und Heldinnen im Alltag trugen plötzlich keine Anzüge mehr, sondern weisse Kittel. Dafür gab es Applaus von Balkonen. Die Manager realisierten, dass vier Businessflüge wöchentlich nach London purer Unfug sind, wenn zu Hause Laptop und WLAN funktionieren. Ein dreitägiger Shoppingtrip nach New York wirkte schon vor Corona nicht mehr cool, sondern dekadent, die Krise hat diesen Eindruck verfestigt. Und die zentimeterdicke Blütenstaubschicht auf dem Auto: Stört sie wirklich, wenn die Karre mal eine Woche lang nicht benutzt worden ist?

Neue Erkenntnisse gab es auch für die Vorgesetzten im Büro. Homeoffice funktioniert, natürlich nicht immer und überall, aber viele Mitarbeitende wirkten am Bildschirm spürbar entspannter und motivierter. Die neue Normalität im Lockdown führte uns ein Stück weit zurück auf Feld 1 des Lebens, an den Start. Die wahren Werte zählten wieder: die Umarmung mit den Grosseltern, das Gespräch mit Freunden, der Austausch mit Angehörigen. Ein gutes Buch, den Keller entrümpeln. Gemeinsame Entdeckungen, während draussen still der See ruht.

Doch die Romantik offenbarte schnell auch ihre Fratzen. Innert ein paar Wochen haben wir die Wirtschaft beinahe an die Wand gefahren und Tausende Existenzen in den Ruin getrieben. Die schmerzhafte Erkenntnis ist nicht neu, aber noch tiefer ins Hirn eingebrannt: Wenn wir aus dem Diktat des Wachstums ausscheren und nicht mehr derart viel produzieren, produzieren wir Arbeitslosemit dem ganzen sozialen und politischen Rattenschwanz, garniert mit einer geplünderten Staatskasse.

Produzieren wir jedoch im Akkord unsere Konsumgüter weiter, vernichten wir die natürlichen Lebensgrundlagen dieses Planeten. Davor warnen Wissenschaftler und Klimaforscher schon seit Jahren. Natürlich ist der Klimawandel im Bewusstsein vieler in den Hintergrund gerückt, doch die Thematik drückt auch in der Region schon wieder durch; am Donnerstag haben in Basel einige Politiker und Unternehmer eine Klimagerechtigkeitsinitiative 2030 lanciert.

Auch ohne missionarischem Schaum vor dem Mund lässt sich festhalten: Die Chancen auf Veränderung stehen besser als auch schon. Viele Menschen haben zu Hause im Lockdown ein Gefühl dafür entwickelt, dass es möglich ist, den Weg der Umwandlung mitzugehen. Doch dies allein reicht nicht; es braucht Programme aus Politik und Wirtschaft, die Anreize schaffen für einen nachhaltigen Umbau der Marktwirtschaft. Gefragt sind hier in erster Linie die Grünen; sie sollten weniger verbieten, sondern die Bürgerlichen und mit ihnen das Stimmvolk mit neuen Technologien überzeugen.

Dies ist zweifellos eine gigantisch schwierige Aufgabe. Der Reiz, zurück in alte Muster zu verfallen, ist mindestens so gross; die Gier ist älter als der Kapitalismus. Es ist viel einfacher, dem Pflegepersonal auf dem Balkon zu applaudieren, als im Parlament Steuermillionen zu erwirken, die den Schwerarbeitern in Weiss höhere Löhne bescheren würden. Es ist so bequem und vor allem billiger, von zu Hause aus Klamotten aus dem Internet zu ordern, als die Geschäfte in der Innenstadt vor Ort mit einem Barkauf zu unterstützen. Und noch schnell für dreissig Franken übers Wochenende nach Mallorca fliegen? Ist definitiv reizvoller, als sich zwei Tage lang mit Bahn und Bus Richtung Süden zu quälen.

Die Corona-Krise haben wir grösstenteils gemeistert, weil die meisten schnell dazugelernt und sich wie Erwachsene verhalten haben. Dass wir nun zügig die Wirtschaft wieder ankurbeln und auch dem Büezer von nebenan helfen, seine Geschäfte wieder in Gang zu kriegen, ist nur richtig. Wir brauchen das Geld einer florierenden Konjunktur, um die Wirtschaft grüner und nachhaltiger zu machen. Wir brauchen den sozialen Frieden, um mit Mut und Innovation die Zukunft zu planen.

In der neuen Normalität wird es irgendwann einen Impfstoff gegen das Virus geben, gegen den Klimawandel nicht.

In der neuen Normalität wird es irgendwann einen Impfstoff gegen das Virus geben, gegen den Klimawandel nicht.