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Verblüffendes Corona-ProjektWir singen einen Bankraub

Erfolgreicher «Notdienst an der singenden Bevölkerung»: Hunderte Schweizerinnen und Schweizer singen sich seit dem Shutdown gemeinsam online ein. Wir haben uns eingeklinkt.

Youtube, Kanal «Einsingen um 9», 8.59 Uhr: Der Bildschirm ist orange, die Fusszeile zeigt 231 Wartende an, ich bin eine davon. Dann gehts los: Barbara Böhi erscheint vor der Kamera und begrüsst uns zum Einsingen zum Thema Krimi. Wenn sie «Krimi» sagt, oder «Banküberfall», dann knallen die Konsonanten: Da spricht eine Sängerin, unüberhörbar. Jetzt blendet sie ein Bild aus dem Film «Ladykillers» ein, wir sehen die reizende Mrs. Wilberforce und die etwas weniger reizenden Bankräuber, die sich als angebliches Streichquintett bei ihr einmieten. Und wir aktivieren unsere Zungenmuskulatur: Tgtgtgtgtg, klingt wie ein Maschinengewehr. Beinahe.

Wer je in einem Chor gesungen hat, weiss es: Das Einsingen ist zwar nötig, aber in der Regel nicht besonders prickelnd. Die Atem- und Tonübungen geben musikalisch wenig her; sie sind nur dazu da, die Stimme vorzubereiten für das, was dann wirklich zähltob das nun eine Bach-Kantate sei oder ein Gospel.

Auch für geübte Choristen ist das eine ungewohnte Situation.

Hier nun, auf dem Youtube-Kanal, kommt nach dem Einsingen nichts mehr. Kein Wunder, zusammen singen kann man ja nicht im Netz. Wir hören zwar Barbara Böhi, an drei Tagen pro Woche; oder Julia Schiwowa, ebenfalls an drei Tagen; oder Daniel Pérez, jeweils am Sonntag. Aber sie hören uns nicht. Und wir hören die anderen Sängerinnen und Sänger nicht. Uns selbst dafür umso besser: auch für geübte Choristen eine ungewohnte Situation.

9.06 Uhr: Inzwischen sind 507 Menschen online. Während wir uns warmsummen, rattern an der Seite Kommentare über den Schirm, man schickt Grüsse, nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus Österreich, aus der Lüneburger Heide, aus Meran. Auch die Frage, von wem das Streichquintett in «Ladykillers» stammt, wird im Chat beantwortet (es ist Boccherini).

Chorsingen ist ein sozialer Anlass. Während des Lockdown fehlte vielen nicht nur die Musik, sondern auch das Geplauder dazwischen und das Bier danach. Das ist vielleicht das Verblüffendste an diesem Online-Einsingen: dass es gelungen ist, eine «Community» aufzubauen.

Die Ankündigung verbreitete sich geradezu viral: Schon am ersten Tag waren 430 Menschen dabei.

Die Idee zu diesem Corona-Projekt kam spontan, «als Notdienst an der singenden Bevölkerung»: So formuliert es Barbara Böhi, nun nicht auf Youtube, sondern live beim Kaffee, ganz ohne betonte Konsonanten. Sie hat bei ihrer Arbeit als Gesangspädagogin im Singstimmzentrum Zürich oft mit Choristen zu tun und weiss, wie wichtig das Singen vor allem für die älteren unter ihnen ist; «für manche ist es das Wichtigste überhaupt». Und sie hat sofort realisiert, was der Lockdown für sie bedeutet: Risikogruppe, zu Hause bleiben, keine Tagesstruktur, «da kann man schon in ein Loch fallen».

Dieses Loch wollte sie füllen, und ihre Kollegin Julia Schiwowa war sofort mit dabei. Ein Versuch sollte es sein, «wir haben uns gesagt, wenn wir nach zwei Wochen nicht mehr als zwanzig Leute online haben, hören wir wieder auf». Aber die Ankündigung verbreitete sich geradezu viral in der Schweizer Chorszene, schon beim Start am 23. März waren 430 Leute dabei, bald waren es über tausend. Und viele sind geblieben nach dem Lockdown: Täglich sind über 600 Menschen dabei, die meisten zwischen 55 und 85 Jahre alt; rund 1200 holen das Einsingen zu einem späteren Zeitpunkt nach.

9.07 Uhr: Bei der nächsten Übungwir singen Terzen auf «schlau-schlau-schlau» – ermuntert uns Barbara Böhi zu feuchter Aussprache, so allein im Wohnzimmer ist das erlaubt. Man kommt sich nur im ersten Moment etwas blöd vor dabei.

Was die Stimmbildnerinnen leisten in diesem Einsingen, merkt man, wenn man kurz pausiert. Man hört dann, wie Barbara Böhi die Übungen vorsingt, ohne Klavierstütze und Korrekturmöglichkeit. Oder man sieht ihre Kollegin Julia Schiwowa, die mit Gummigesicht Gummitöne produziertim Wissen, dass ein Screenshot jetzt wenig vorteilhaft wäre. Was normalerweise im Proberaum bleibt, wird hier verewigt und für die ganze Youtube-Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

«Sehr gut!», ruft Barbara Böhi manchmal, obwohl sie ja nichts hört.

Sie habe das lernen müssen, sagt Barbara Böhi, «ich bin Kameras lange ausgewichen». Aber die Überwindung lohnt sich. Sie erzählt von den Briefen und Mails, die sie täglich erhält, von den Blumenbildern, die ihr eine Sängerin schickt, und vom Kater Rasputin, den eine andere immer im Chat erwähnt hat; nach seinem Tod wurde er mit einem Lied gewürdigt.

Die Atmosphäre ist tatsächlich erstaunlich persönlich in diesem Stream. «Sehr gut!» ruft Barbara Böhi manchmal, obwohl sie ja nichts hört. Sie spüre die Leute, sagt sie, «und ich weiss ja, wenn etwas schwierig war».

9.16 Uhr: Jetzt gehts in die Höhe. Und noch höher. In einem analogen Chor würde ich mich nun ausfädeln, denn es klingt wirklich nicht mehr gruppentauglich, sondern brüchig und schrill. Aber egal, ich will jetzt wissen, was die Stimmbänder hergeben. Das Gefühl danach: irgendwie entrostet.

Dass das Einsingen nach dem Lockdown weitergeführt wurde, hatte zwei Gründe: Erstens meldeten sich immer mehr Sängerinnen und Sänger, die spenden wollten für das, was eigentlich gratis gestartet war. «Das hat uns gezeigt, wie wichtig es ihnen ist,» sagt Barbara Böhi. Der Kanal ist nun ein Teilzeitjob, «solange wir das finanzieren können, machen wir weiter».

«Paris», «Coupe Dänemark», «Hühnerhof»: Die Stimmübungen werden nach Themen ausgerichtet.

Zweitens: Die Chorstimmbildnerinnen sorgen für Abwechslung. Barbara Böhi ist eine dezidiert klassische Sängerin; Julia Schiwowa hat ein Flair für Chansons, Tangos und Blues; auch Daniel Pérez ist zwischen E- und U-Musik unterwegs. Und dann sind da die Themen, mit denen sie die Übungen immer wieder anders ausrichten und in Geschichten verpacken: «Paris» oder «Coupe Dänemark», «Mozart» oder «Hühnerhof». Und diese Woche nun eben «Krimi».

9.19 Uhr: 654 Menschen sind live dabei, wenn nun der schönste Moment kommt: ein Kanon nämlich, die Melodie ist simpel, der Text passt zum Thema: «Im Geigenkasten liegt ein Maschinengewehr / die Pistole liegt im Mantel hier / und ich kenne eine Bank mit viel Geld im Tresor / ich treff dich dort um vier.» Mit ein paar Proberunden hat man das drin, es folgt das «Konzert»: Barbara Böhi singt, ich singe versetzt. Und ja, das macht jetzt wirklich Spass.

Wenn man Gründe sucht für den erstaunlichen Erfolg dieses Einsingens, dann findet sich einer davon zweifellos bei den Kanons. Denn sie ermöglichen, was online eigentlich unmöglich ist und das Chorsingen überhaupt erst attraktiv macht: Mehrstimmigkeit. Der Aufwand, um in diesem Rahmen tatsächlich mehrstimmige Werke zu proben, wäre riesig, das Resultat dünn (da man ja doch nie mehr als zwei Stimmen hört). Beim Kanon dagegen genügt es, eine Melodie zu kennenund schon klingt es nach etwas.

Über 100 Kanons hat die Einsing-Gemeinde seit dem Start eingeübt, schlichte und raffinierte, klassische und solche auf «schwabidua». Letzte Woche gabs zum zweiten Mal ein Kanon-Special mit allen drei Leitern und einer Pianistin. Live und nachträglich haben weit über 3000 Leute das Video aufgerufen.

Irgendwann einmal, sobald Corona es erlaubt, würde sie gern einen riesigen Saal mieten und alle diese Leute zu einem realen Einsingen einladen, sagt Barbara Böhi. Dass der Saal voll würde: Darauf würde man wetten.