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Interview mit Konjunkturforscher«Wir sind weit, weit von einer Normalisierung entfernt»

Obwohl der Bundesrat die Massnahmen gegen das Coronavirus lockert, rechnet Jan-Egbert Sturm mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit – weit über dieses Jahr hinaus.

Er gibt keine Entwarnung: Jan-Egbert Sturm, Leiter Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.
Er gibt keine Entwarnung: Jan-Egbert Sturm, Leiter Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.
Foto: Dominique Meienberg

Der Bundesrat lockert die meisten Einschränkungen auf den 6. Juni. Läuft dann die Wirtschaft wieder normal?

Es wäre schön, wenn die Wirtschaft wieder wie vorher funktionieren könnte. Aber wir sind weit, weit von einer Normalisierung entfernt. Die Konsumentenstimmung im Inland muss sich zuerst richtig erholen, und dann hat die Schweiz als Exportland vor allem das Problem, dass die internationale Konjunktur noch lange nicht wieder so läuft wie vor der Krise.

Warum?

In der Schweiz glauben wir, die gesundheitliche Krise überwunden zu haben. Aber in vielen Ländern ist das nicht der Fall, vor allem in wichtigen Absatzmärkten der Schweizer Wirtschaft nicht, zum Beispiel in den USA, Grossbritannien oder auch in der Europäischen Union.

Ist trotz den Lockerungen mit einer Rezession zu rechnen?

Ja. Wir werden zwar in gewissen Bereichen eine Erholung sehen, besonders im Detailhandel und im Dienstleistungsbereich. Aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir waren. Vor allem in der Industrie befürchte ich, dass die Krise erst richtig begonnen hat. Dort konnte man noch Aufträge von Anfang Jahr abarbeiten. Aber jetzt leeren sich die Auftragsbücher, und es kommen kaum Neue nach. Und dort wo es Aufträge gibt, kommt es zu Produktionsengpässen, weil Lieferketten nicht mehr da sind und deshalb Vorleistungsprodukte fehlen. In diesen Branchen wird die Krise noch sehr viel länger dauern.

Wann wird sich die Weltkonjunktur erholen?

Das ist schwierig zu sagen, weil es vom Verlauf der Pandemie abhängt. In China läuft die Wirtschaft wieder einigermassen gut, das macht Hoffnung. Aber für die Schweiz sind die USA und die EU besonders wichtig.

«Ein rasches Ende der Unterstützung kann zu Arbeitslosigkeit führen.»

Kann man die Unterstützungsmassnahmen, seien es jene des Bundes oder der Kantone, bereits aufheben?

Da muss man aufpassen. Ein zu rasches Ende der Unterstützung kann zu Arbeitslosigkeit führen. Es werden nicht alle Unternehmen rasch aus der Kurzarbeit herauskommen, und es wird einige geben, die trotz Lockerung der Massnahmen aufgeben. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

Braucht es ein Konjunkturprogramm, wie es von den Gewerkschaften gefordert wird?

Der Staat sollte sich auf jeden Fall überlegen, wie er den Motor der Wirtschaft schneller in Gang bringen kann. Ich könnte mir geldpolitische Massnahmen vorstellen, zum Beispiel könnte die Nationalbank eine Erhöhung der Sozialbeiträge verhindern, indem sie die Arbeitslosenversicherung stützt. Oder dann könnte man das in der Not geschaffene Instrument der Kredite vorläufig beibehalten und daraus ein Instrument machen, um Investitionen der Unternehmen anzukurbeln. Aber eben, damit wird sich die Weltkonjunktur nicht erholen. Da ist und bleibt die Schweiz abhängig vom Ausland.

Ist mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen?

Ja. Die Arbeitslosigkeit reagiert immer mit Verzögerung auf einen wirtschaftlichen Einbruch. Auch wenn die Kurzarbeit Stellen gerettet hat, werden nicht alle an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Das bedeutet aber auch, dass wir die Spitze der Arbeitslosigkeit noch nicht erreicht haben. Wir rechnen dieses Jahr im Durchschnitt mit 3,6 Prozent. Im nächsten Jahr mit 4,3 Prozent. Daran sehen Sie, dass wir von negativen Auswirkungen der Krise bis weit ins nächste Jahr ausgehen. Solche Werte sind ausserordentlich für die Schweiz. Die wirtschaftliche Krise ist noch längst nicht ausgestanden.

«Ich wäre schon froh, wenn die Steuern nicht erhöht würden.»

Bürgerliche Politiker fordern, man müsse nun deregulieren und die Steuern senken.

Ich wäre schon froh, wenn die Steuern nicht erhöht würden. Die Staatsschulden der Schweiz werden schnell steigen, und dann wird es Forderungen geben, die Steuern rasch zu erhöhen, um diese wieder abzubauen. Doch im jetzigen Umfeld ist das nicht möglich und könnte verheerende Folgen haben.

42 Kommentare
    Ueli Keller

    Wenn „zurück zur Normaliät“ bedeuten soll: „über die Verhältnisse leben“, dann gute Nacht.