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Glosse zur MaskendebatteWir sind doch keine Sauniggel

Schweizerinnen und Schweizer sind prädestiniert dafür, im ÖV eine Maske zu tragen. Denn ihre Geschichte ist eine Geschichte der Sauberwerdung.

Macht man heute eigentlich nur noch zum Spass: Mann gräbt Loch.
Macht man heute eigentlich nur noch zum Spass: Mann gräbt Loch.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Im dunklen Mittelalter machte der Eidgenoss auf den Boden, bestenfalls in ein Loch. Er kannte es nicht anders, und es ging nicht anders. Man muss es leider so drastisch sagen: Wir waren ein einig Volk von Sauniggeln.

Ferne Zeiten, zum Glück. Seither hat die Schweiz eine stupende Hygiene-Karriere hingelegt. Ihre Reinlichkeit ist stereotyp geworden. Man denke an «Asterix bei den Schweizern»: Zimmer, so sauber, dass die Barbaren erschreckt wieder abreisen. Verkehrsschilder, frisch poliert und blitzeblank.

Zugegeben, momentan zieren wir uns ein wenig, Masken im ÖV zu tragen. Doch nicht mehr lange: Wenn das Büro seine Menschen zurückruft und die Busse und Züge wieder vollgestopft sind mit – na ja – uns, dann wird jede freie Nase peinlich sein wie der Furz im Lift.

Stolze Schulzahnpflege

Allerdings waren strenge Zuchtmeisterinnen nötig, damit die Schweiz zur Championne der Sauberkeit werden konnte. Die Cholera zum Beispiel: Sie zwang die Stadt Zürich, ab den 1860er-Jahren konsequent Toiletten mit Wasserspülung einzuführen, schreibt der Medizinhistoriker Flurin Condrau.

Der gemeine Schweizer hörte erst auf mit der Unsitte, seinen Rotz auf den Boden zu spucken, als der schwindsüchtige Spuk der Tuberkulose umging und das Spucken unter Strafe verboten wurde.

Und der Kobold Karies wurde ab den 1960ern aus dem Land vertrieben. Lehrer hatten sich über Schüler beklagt, deren kaputte Zähne so höllisch schmerzten, dass an Rechnen und Lesen nicht zu denken war.

Seither polieren sich Frau und Herr Schweizer jeden Abend brav die Beisserchen. Die Schulzahnpflege sei «zu einem Markenzeichen der Schweiz geworden», sagt stolz Giorgio Menghini, Zahnmediziner der Uni Zürich.

Wie Schiller schon sagte

Im 20. Jahrhundert hoben wir den Putzfimmel auf ein neues Level. Auf die Bahnhofstrasse könne man eine Minestrone schütten und von dort wieder auflöffeln, stellte James Joyce fest, derart sauber sei es dort. Vergleichsweise wenig befleckt kam die Schweiz aus den Weltkriegen heraus, sie putzte, säuberte und waschte sich weiter und raffinierter (auch Geld, versteht sich).

Und nun eben das Coronavirus. Es lehrt uns, wie unappetitlich das ständige Schneuzen und Schnuddern ist, was für Grässlichkeiten in unseren Mäulern hocken können. Dass es in Ordnung ist, sich eine Maske davorzuklemmen. Wie heisst es doch in Schillers «Wilhelm Tell», vierter Aufzug, erste Szene? «Wirf alle Schaam hinweg, der Mund der Wahrheit». Wenn das keine Aufforderung ist.