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Gastbeitrag zur Prostitutionsdebatte
Wir müssen die Ursachen, nicht die Symptome bekämpfen 

Für Markus Theunert geht es in der Diskussion rund um Sexarbeit um grundsätzlichere Fragen: Prostituierte im Juni 2021 an der Langstrasse.
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Prostitution ist ein Problem, und es ist wichtig, sie nicht einfach hinzunehmen. Deshalb ist die erneut aufgeflammte Diskussion darüber zu begrüssen. Ich kann auch den Impuls verstehen, verbieten zu wollen, was schwer erträgliche Folgen hat: die Gewalt und die Ausbeutung in der Prostitution. Wenn wir aber nur das Symptom bekämpfen und die Ursachen unbearbeitet lassen, wird das Problem nicht gelöst, sondern dorthin verschoben, wo das Leid noch schwerer zu verhindern und zu lindern ist: in den Untergrund.

Vor einigen Jahren war ich Teil einer Studiengruppe, die sich vor Ort ein Bild über die Wirksamkeit des schwedischen Sexkaufverbots machte. Es war eine lehrreiche Reise. In meinem Bericht schrieb ich: «Für die Mitte der schwedischen Gesellschaft hat Prostitution mit Sex nichts zu tun. Prostitution ist Gewalt. Immer und in jedem Fall. Nämlich eine Veräusserung des eigenen Körpers und damit Gewalt an sich selbst.» In dieser Logik ist die Prostituierte keine Dienstleisterin, sondern Opfer – und der Freier nicht Kunde, sondern Krimineller. 

Okay, das ist mal eine Ansage. Aber stimmt die Gleichung überhaupt? Dass die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen immer auch grenzverletzend ist, seelische Schäden verursacht, patriarchale Machtverhältnisse reproduziert und männliche Dominanzbedürfnisse befriedigt: Da gehe ich mit. Aber dass gekaufter Sex deswegen kein Sex mehr ist? Für mich klingt das nicht plausibel. 

Klar, Prostitution ist kein Markt wie jeder andere und Sex kein normales Konsumgut. Weil er die Anbietenden gefährdet. Und weil die Nachfragenden – ähnlich wie auf dem Drogenmarkt – konsumieren, auch wenn die Kosten explodieren. 

Eine zentrale Facette dieser Analyse ist die Frage: Was genau und was alles suchen Männer im Bordell?

Ob ich damit sagen will, dass Männer von Sex abhängig sind? Ich muss kurz ausholen: So wie wir Jungs zu Männern machen, müssen sie lernen, Bedürftigkeit zu überspielen oder auszublenden. In den Arm genommen werden wollen, Trost suchen, kuscheln: All das steht im Konflikt mit dem Leitbild des souveränen, selbstgenügsamen Mannes. Es gibt eine Ausnahme, in der Nähe, Verbindung, Hingabe und Verschmelzung als «männlich» gelten: Sex. Deshalb lernen Männer, alle möglichen Bedürfnisse sexuell zu deuten. Und in diesem Sinn sind viele Männer tatsächlich von Sex abhängig. Nicht weil es in ihrer Natur liegt. Sondern weil sie es nicht anders gelernt haben. 

Gleichzeitig ist das Aushandeln sexueller Begegnungen kompliziert geworden. Zum Glück dürfen sich Männer heute nicht mehr nehmen, was sie begehren. Die Zahlen legen jedoch nahe, dass sich die Verhältnisse schneller weiterentwickeln als die Männer. Es ging ja kein Ruck durch die Gesellschaft, der männliche Emanzipation fördert und Männer in der Entwicklung ihrer emotionalen und sozialen Kompetenzen unterstützt. Es gibt bloss den unablässig wiederholten Anstandsappell, den viele Männer reflexhaft an sich abperlen lassen. Ich bedaure das, kann sie aber verstehen. Denn sie nehmen ganz realistisch wahr: Was sie brauchen, ist der Gesellschaft erst mal egal. Es gibt keine Bereitschaft, das historisch privilegierte Geschlecht des Verlusts seiner Privilegien wegen zu bedauern. Empathie für männliches Leiden ist nicht realistisch. Ist es da wirklich realistisch, dass der Anstandsappell «dank» Strafandrohung plötzlich funktioniert? Für mich klingt das genauso unplausibel. 

Markus Theunert ist einer der bekanntesten Vertreter der progressiven Schweizer Männerbewegung und der erste staatliche Männerbeauftragte im deutschen Sprachraum.

Fazit: Wenn ein Sexkaufverbot mehr Nutzen als Schaden bewirken soll, müssen wir zuerst die Ursachen bearbeiten. Eine zentrale Facette dieser Analyse ist die Frage: Was genau und was alles suchen Männer im Bordell? Wie könnten sie anders damit umgehen? Und welche Kompetenzen und Rahmenbedingungen brauchen sie dafür? Klar ist: Jungen und Männer brauchen mehr emotionale Bildung und eine Gesellschaft, die ihnen das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und Empfindungen zugesteht. Sie brauchen mehr sexuelle Bildung und eine Gesellschaft, die Sexualität als Form der Verbindung und Begegnung wertschätzt.  

Als Gesellschaft brauchen wir ein gemeinsames Verständnis, was wir uns unter «gerechten Geschlechterverhältnissen» vorstellen. Dabei müssen wir uns auch an grundsätzlichere Fragen wagen. Beispielsweise, wie wir Sex so organisieren, dass alle macht-, ausbeutungs- und gewaltfrei ausleben können, was sie erfüllt. Das sind komplexe Fragen, die kleinteilig nicht zu klären sind. Höchste Zeit für ein nationales Forschungsprogramm!

Markus Theunert ist Gesamtleiter des Dachverbands progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen, Männer.ch.