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Glosse zum Schweizer HochdeutschWie wir die Deutschen verblüffen

«Schön, sind Sie da.» «Das Kind ist dreijährig.» Schulreise, Traktanden, Ende Woche: Alles Wendungen und Wörter, die Deutschsprachige von jenseits der Grenze erstaunlich finden. Und wir sind uns dessen oft nicht einmal bewusst.

Online-Werbung der Airline Swiss. Schön, liest man mal wieder urchiges Deutsch.
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Foto: PD

Diesen Sommer publizieren wir die besten Reportagen, Interviews und Hintergründe der letzten Monate nochmals. Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2020.

Margarete Stokowski wundert sich auf Twitter über die Schweiz, genauer über eine hierzulande kursierende grammatikalische Besonderheit. Am Flughafen Zürich begrüsst die Swiss Rückkehrer aus dem Ausland mit dem Satz: «Grüezi Welt. Schön, bist du zurück.» Dazu schreibt die deutsche Autorin und «Spiegel»-Kolumnistin: «Ich mag so, dass die Schweiz diese weirde Satzkonstruktion hat, will, dass alle das so machen schön, habt ihr diese Grammatik, warum lieb ich das so, völlig unklar.»

Weirde Satzkonstruktion (von weird, englisch für sonderbar, bizarr)? Als ich den Begrüssungssatz der Swiss heute an der Redaktionskonferenz den Kolleginnen und Kollegen vorlas, fand niemand, dass daran irgendetwas «weird» sei. Aber offensichtlich muss das in richtigem Hochdeutsch heissen: «Schön, dass du zurück bist.» Und offensichtlich klingt die Schweizer Variante in deutschen Ohren, zumindest in jenen von Stokowski, zwar anregend, aber auch seltsam.

Anruf bei Christa Dürscheid, Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich und Leiterin von variantengrammatik.net - eines Onlineprojekts, auf dem grammatikalische Varianten des deutschen Sprachraums erfasst und erläutert werden. Der Zufall will es, dass Dürscheid auf ihrem Twitterkanal vor kurzem genau das grammatikalische Phänomen aufgegriffen hat, das Stokoswski so entzückt.

Eines stellt Dürscheid unmissverständlich klar: «Schön, bist du zurück» ist kein grammatikalischer Fehler, sondern eine Standardformulierung des Schweizer Hochdeutschen, also der Hochdeutsch-Variante, die in der Schweiz gesprochen wird. «Es ist sogar eine schöne Formulierung», sagt Dürscheid, weil es im Vergleich zum bundesdeutschen «Schön, dass du zurück bist» einen Nebensatz komprimiere, das Verb von der letzten an die zweite Stelle versetze und das Ganze schneller und eleganter mache. «Eigentlich ist es erstaunlich, dass man das in Deutschland nicht genauso macht», sagt Dürscheid, und erklärt damit wohl Stokowskis Begeisterung.

Eine Auswertung von Variantengrammatik.net zeigt jedoch, dass es diese Konstruktion innerhalb des deutschen Sprachraumes nur in der Schweiz gibt. Weitere Beispiele sind: «Gut, haben wir miteinander gesprochen.» «Ich bin froh, nimmt sie keine Drogen mehr.» Dürscheid nennt auch ein tückisches Beispiel: «Schön, hat sie gesungen.» In der gesprochenen Sprache, in der man das Komma nicht hört, kann das heissen: Sie hat schön gesungen. Oder: Es ist schön, dass sie gesungen hat.

«Schön, sind Sie da» – das sagt man nur in der Schweiz.
«Schön, sind Sie da» – das sagt man nur in der Schweiz.
variantengrammatik.net

Das Schweizer Hochdeutsch unterscheidet sich vom bundesdeutschen Hochdeutsch vor allem im Wortschatz, durch sogenannte Helvetismen: Finken, Tram, Reduit, Traktanden. Es gibt aber auch kniffligere Fälle: Hätten Sie gewusst, dass in Deutschland das Wort «Schulreise» seltsam klingt und man stattdessen «Klassenfahrt» verwendet? Von «Schullager» spricht jenseits der Grenze erst recht niemand, aber das hat historische Gründe.

Dürscheid sagt: «Wenn ein Wort oder eine Konstruktion aus dem Schweizer Dialekt in die Schriftsprache gelangt und mit einer gewissen Häufigkeit in Schweizer Zeitungen vorkommt, dann ist es kein Dialektwort mehr, sondern eine Standardvariante des Schweizer Hochdeutschen.» Wir sollten, empfiehlt uns die deutsche Professorin, solche Wendungen selbstbewusst verwenden.

Grammatikalische Helvetismen sind verglichen mit lexikalischen selten. Weitere grammatikalische Beispiele neben «Schön, sind Sie da» sind laut Dürscheid die prädikative Verwendung von Altersangaben. «Das Kind ist dreijährig» muss in Deutschland «Das Kind ist drei Jahre alt» lauten. Und Formulierungen wie «Ende Woche», «Ende Monat». Da beharren die Nachbarn auf der Konstruktion mit Genitiv: «Ende des Monats.» Hingegen haben sie nichts gegen «Ende Juli».

Und nun kommen wir zum humoristischen Teil: eine Umfrage unter Redaktorinnen und Redaktoren des «Tages-Anzeigers» mit dem Arbeitstitel «Wie wir die Deutschen sprachlich verblüfft haben». Die Beispiele können selbst erlebt oder zugetragen sein.

  • Ein Schweizer Journalist hat die Mundartwendung «Dr Fünfer und s Weggli» ins Hochdeutsche übersetzt: der Fünfer und das Brötchen.
  • Ein Kollege bestellte in einer Berliner Bäckerei ein «Eingeklemmtes» statt ein Sandwich. Offenbar hat ihn die Frau hinter dem Tresen angeschaut wie einen Perversen.
  • Ein nettes, etwas schlüpfriges Beispiel, das einem Kollegen bei der Bestellung in Berlin oder München widerfahren ist: Er verlangte zusammen mit seiner Partnerin gut schweizerisch nach etwas Wein, also: «Wir hätten gerne ein Dreierchen.» Als ihn die Bedienung verständnislos anschaute, korrigierte er: «Also, einen Dreier.» Machte die Sache auch nicht besser.
  • Während seiner Zeit in Hamburg wurde ein Kollege oft missverstanden, wenn er den Ausdruck «Gehen wir in den Ausgang?» verwendete.
  • Die junge Zürcherin, die auf einer Interrailreise in Deutschland in eine Bar geht und sagt: «Ich hätte gerne eine Stange Bier.»
  • Eine Redaktorin hat im Hochdeutschen schon das Wort «Badekleid» für Badeanzug verwendet und niemand hat verstanden, was sie meinte.
  • Ein Tagi-Redaktor hatte eine Freundin in München. Als er sie fragte: «Wollen wir heute zusammen nachtessen?» fragte sie lachend zurück, ob sie da gar nichts anziehen dürfe.
  • Deutsche Freunde haben einer Redaktorin schon gesagt, dass man an der Aussage «Ich hatte eine strenge Woche» sofort erkennt, dass sie Schweizerin sei (abgesehen vom Akzent natürlich), und ob sie «anstrengend» meine.
  • Ein in Deutschland tätiger Schweizer Journalist während einer Redaktionssitzung: «Ich mach nachher grad schnell ein Telefon.»
  • Die Mutter einer Freundin würdigte das Parfum einer deutschen Tischnachbarin im Hotel mit den Worten: «Sie schmecken aber heute gut.»


Noch ein Wort zu Stokowski: Ein bisschen merkt man es ihrem Tweet schon an, dass die Deutschen nicht nur den Schweizer Dialekt, sondern auch den Schweizer Akzent sowie die lexikalischen und grammatikalischen Besonderheiten des Schweizer Hochdeutschen als niedlich, gemütlich, putzig, auf liebenswerte Weise skurril empfinden.

Na ja, seis drum. Sollte irgendwann mal wieder eine CD mit geklauten Schweizer Bankdaten von deutschen Steuerhinterziehern auftauchen, renkt sich das mit dem niedlich wieder ein.