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Lockerungen vs. WissenschaftWie sich die USA in Planet Trump und Planet Fauci spalten

Donald Trumps Corona-Politik nimmt absurde Züge an: Der Präsident bejubelt den Sieg über das Virus, seine wissenschaftlichen Berater hingegen warnen vor hastigen Lockerungen.

Auf seinem Planeten wird besorgt verfolgt, wie schnell Trump und viele Republikaner die Einschränkungen des täglichen Lebens beim Kampf gegen den Erreger lockern wollen: Im April spricht Fauci an der Pressekonferenz des Weissen Hauses.
Auf seinem Planeten wird besorgt verfolgt, wie schnell Trump und viele Republikaner die Einschränkungen des täglichen Lebens beim Kampf gegen den Erreger lockern wollen: Im April spricht Fauci an der Pressekonferenz des Weissen Hauses.
Foto: Alex Brandon (KEYSTONE)

Die mit Entscheidungen und Einschätzungen beauftragten Corona-Verantwortlichen in Amerika leben derzeit auf zwei weit voneinander entfernten Planeten: Wissenschaftler, führende Demokraten im Kongress und in den Hauptstädten der Bundesstaaten sowie einige republikanische Senatoren und Gouverneure sind Bewohner des Planeten Fauci. Der Rest hat sich auf dem Planeten Trump versammelt.

Für den Planeten Fauci sprach gestern vor dem Gesundheitsausschuss des Senats Anthony Fauci, Chef der Abteilung für Infektionskrankheiten bei der Nationalen Gesundheitsbehörde NIH und Berater des Präsidenten in Sachen Coronavirus.

Auf seinem Planeten wird besorgt verfolgt, wie schnell Trump und viele Republikaner die Einschränkungen des täglichen Lebens beim Kampf gegen den Erreger lockern wollen. Die Konsequenzen einer verfrühten Öffnung des Wirtschaftslebens «könnten ernst sein», warnte Fauci die Senatoren. Neue Ausbrüche wollte er nicht ausschliessen, zumal «gut möglich» sei, dass sich das Virus im Herbst zurückmelden werde. Robert Redfield, Direktor der Centers for Disease Control and Prevention, pflichtete Fauci bei: «Wir sind noch nicht aus dem Gröbsten raus», sagte er vor dem Ausschuss.

Märchen auf Planet Trump

Auf Donald Trumps Planeten will man davon nichts wissen. Dort ist alles prima, und das Virus pfeift auf dem letzten Loch. So jedenfalls klang es bei Trumps Pressekonferenz am Montag, die wie gewohnt zu einer Orgie von Eigenlob mutierte. «Wir machen überall auf», brüstete sich der Präsident. Und: «Jeder Amerikaner sollte stolz sein!». Und: «Wir befinden uns im Übergang zur Grösse!»

Das vierte Quartal 2020 – in dem die Präsidentschaftswahl stattfindet! – werde toll werden und das kommende Jahr noch toller, versprach Trump. «Ich fühle das», sagte er. Und auf sein Gefühl habe er sich schon oft verlassen können. Ausserdem werde in Amerika «mehr getestet als irgendwo sonst», behauptete der Präsident.

Es werde in Amerika «mehr getestet als irgendwo sonst», behauptete der Präsident: Donald Trump an einer Pressekonferenz am 11. Mai 2020.
Es werde in Amerika «mehr getestet als irgendwo sonst», behauptete der Präsident: Donald Trump an einer Pressekonferenz am 11. Mai 2020.
Foto: Alex Brandon (Keystone)

Es ist frei erfunden: In Island, Deutschland, Italien und weiteren Ländern werden pro Kopf mehr Corona-Tests durchgeführt als in Amerika. Dem Chef zu widersprechen aber wagt niemand. Bisweilen wiegelt er sogar die Menschen in demokratisch regierten Bundesstaaten auf, sich gegen die Beschränkungen aufzulehnen.

Bisweilen wiegelt Trump sogar die Menschen in demokratisch regierten Bundesstaaten auf, sich gegen die Beschränkungen aufzulehnen.

Am Montag sagte Trump, die «tollen Menschen» des Staats Pennsylvania wollten «ihre Freiheit» wiederhaben. Pennsylvanias demokratischer Gouverneur Tom Wolf plädiert für eine vorsichtige Öffnung und will die Beschränkungen in einigen Landkreisen erst aufheben, wenn die Infektionsrate sinkt.

Demonstranten vom Planeten Trump skandieren: «Can't Pay May! Car Protest/Rally»: Proteste gegen den Corona-Lockdown am 1. Mai in Pennsylvania.
Demonstranten vom Planeten Trump skandieren: «Can't Pay May! Car Protest/Rally»: Proteste gegen den Corona-Lockdown am 1. Mai in Pennsylvania.
Foto: Andrew Rush (Keystone via Pittsburgh Tribune)

Trump mag auf das Tempo drücken, die meisten Amerikaner aber zieht es überhaupt nicht zu seinem Planeten: Am Dienstag ergab eine Umfrage der «Washington Post», dass eine Mehrheit die Wirtschaft lieber langsam öffnen möchte. 74 Prozent wollen «die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen, selbst wenn das bedeutet, dass viele Geschäfte vorerst geschlossen bleiben», so das Fazit der Erhebung. Ihr Ergebnis deckt sich mit anderen Umfragen.

Trägt man jetzt Schutzmaske?

Anthony Faucis Planet scheint den Amerikanern derzeit also einladender. Umso mehr, als auf Donald Trumps Planeten das Virus sogar ins Haus des Chefs eingedrungen ist. Zwei Mitarbeiter sind infiziert worden, was davon kommt, wenn die Gefahr einer Ansteckung heruntergespielt wird und niemand eine Schutzmaske trägt.

Schutzmasken sind unerwünscht, da sie die andauernde Stärke eines Feindes signalisieren, den der Präsident als besiegt betrachtet. Man habe «sich der Gefahr gestellt und sie bezwungen», sagte er am Montag. Warum also sollten Trump und sein Vizepräsident Mike Pence eine Schutzmaske tragen? Eine der beiden im Weissen Haus Infizierten, Pence-Pressesprecherin Katie Miller, trug ebenfalls keine, als sie am Tag vor ihrem positiven Test zu Journalisten sprach. Die Reporter trugen alle eine Schutzmaske. Jetzt müssen sie sich testen lassen.

Vielleicht sollte die Wirtschaft erst dann hochgefahren werden, wenn jeder Arbeitnehmer täglich getestet werden kann.

Und natürlich band sich Mike Pence keine Schutzmaske um, als er am vergangenen Freitag bei einer Konferenz mit Managern der Lebensmittelindustrie im Staat Iowa auftrat. Die Wirtschaftsleute trugen Schutzmasken, mussten sie auf Geheiss einer Mitarbeiterin von Pence jedoch abnehmen.

So polieren die Macher des Planeten Trump das Image eines von Corona befreiten Himmelskörpers, dessen Bewohner sorglos einkaufen und an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können. Im Weissen Haus, der Schaltzentrale dieses Planeten, werden die Mitarbeiter jetzt täglich getestet, damit der Chef und sein Vize ja nicht mit dem Erreger in Kontakt kommen. Vielleicht sollte die amerikanische Wirtschaft erst dann hochgefahren werden, wenn jeder Arbeitnehmer wie die Beschäftigten im Weissen Haus täglich getestet werden kann. Bis dahin ist es wahrscheinlich besser, auf Anthony Faucis Planeten zu leben.

112 Kommentare
    Eustach Spirig

    Gestern hat ein konservativer Richter die Lockdown-Regeln in Wisconsin gekippt. Noch am gleichen Abend waren die Bars, Pubs, Restaurants voll mit Leute ohne Masken, ohne Abstand - wie einst im Mai.

    Es scheint, dass die Amis es auf die ganz harte Tour lernen müssen, dass

    -Gschdudierte nicht gleich Idioten sind,

    -die Natur uns züchtigt, wenn wir übermarchen (Klimawandel),

    -Grossmäuler so gut wie nie etwas bringen,

    -das Sprichwort "Wer einmal lügt..." beherzigen sollten,

    -eine Wirtschaft mit kranken Menschen nicht läuft,

    -man Aussagen von Politikern grundsätzlich selbst überpüfen muss,

    - alle jenen, die ganz sicher die eine und einzige Wahrheit kennen, jene sind, die nichts Gutes im Schilde führen - nie,

    - und: dass immer alles einen Preis hat.

    Es wird spannend, wie lange es geht, bis wieder ein Hotspot wie NY oder Chicago entsteht. Kandidaten wären: Georgia, Missouri, Florida