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Leser fragenWie kann man Homöopathie hinterfragen und Studien ignorieren?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Antidepressiva und Homöopathie.

Die These, dass es sich bei Depressionen um einen Serotoninmangel im Gehirn handelt, ist zwar nicht länger haltbar; aber sie entspricht formal den Rationalitätsstandards der biologischen Psychiatrie.
Die These, dass es sich bei Depressionen um einen Serotoninmangel im Gehirn handelt, ist zwar nicht länger haltbar; aber sie entspricht formal den Rationalitätsstandards der biologischen Psychiatrie.
Foto: Plainpicture

Eine letzten Sommer publizierte Cochrane-Meta-Analyse kommt zum Schluss, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wirkten gegen Depressionen nur minim besser als Placebo. SSRI-Fürsprecherinnen argumentieren, solche Studien betrachteten Mittelwerte. Im Einzelfall bewährten sich die Medikamente sehr wohl.

Dieses Argument erinnert mich daran, wie Homöopathinnen ihre Methode gegen klinische Studien verteidigen, die keine Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus zeigen. Mir fällt auf, dass Leute, die der Homöopathie jede Wirksamkeit absprechen, bei den SSRI individuelle Evidenz über einen Studienbefund zu stellen bereit sind. Entgeht mir die Logik dahinter? M. H.

Lieber Herr H.

Es steckt schon eine Logik dahinter, und zwar eine epistemologische. Die Homöopathie hat nicht vor allem deshalb schlechte Karten, weil sie nicht besser als Placebos wirkt. Aus einer rein evidenzbasierten Perspektive könnte man fragen: Wo liegt das Problem, wenn etwas wirkt? Dann sind homöopathische Mittel halt gut wirkende Placebos. Sie sind relativ günstig, und es gäbe tatsächlich Bereiche, wo man sie – klinisch kontrolliert – durchaus einsetzen könnte.

Das Problem liegt darin, dass die Krankheitslehre der Homöopathie und ihre Konzepte medizinischer Wirkung ganz offensichtlich «unwissenschaftlich» sind, also nicht den gängigen Standards medizinischer Rationalität entsprechen. Wenn Placebos gewissermassen die Verkörperung einer «irrationalen», weil undurchschauten Wirksamkeit darstellen, so betrifft dies die Homöopathie als Ganzes.

Nun zu den SSRI. Die These, dass es sich bei Depressionen in erster Linie (einzig) um einen Serotoninmangel im Gehirn handelt, ist zwar nicht länger haltbar; aber sie entspricht formal dennoch den Rationalitätsstandards der biologischen Psychiatrie. Dass man depressiv «ist», ist nicht die Krankheit selbst, sondern ein Symptom(bündel) von etwas anderem. Dieses Andere muss ein biologischer Faktor sein. Selbst wenn der Serotoninmangel nicht der Faktor, nicht der einzige biologische Marker ist, so kann es doch sein, dass er ein nicht unwichtiges Element möglicher Ursachen darstellt.

Folglich ist es nicht grundsätzlich irrational, ihn mit SSRI zu behandeln. Wenn Depression multifaktoriell bedingt ist, muss man sich ausserdem nicht wundern, wenn SSRI bei manchen Depressiven (oder muss man sagen: Depressionen?) sehr gut wirkt, bei anderen nicht. Man weiss eben nur (noch) nicht, warum das so ist.

Da es keine biologischen Marker für eine Depression (oder ihre Heilung) gibt, muss man sich rein auf den klinischen, das heisst hier subjektiven Effekt verlassen. Wenn dieser in einem Einzelfall zufriedenstellend ist, verlässt man sich lieber auf das rationale SSRI als auf das irrationale Placebo.