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Klangperformance am Theater BaselWie ich die Apokalypse überlebte

Dreizehn Tage lange besetzen Kunst- und Musik-Studierende der FHNW die Kleine Bühne des Theater Basels und zeigen, wie der Weltuntergang für sie persönlich aussieht und klingt.

Unheimlich geht es auf der Kleinen Bühne zu und her in dieser Zusammenarbeit von FHNW und Theater Basel.
Unheimlich geht es auf der Kleinen Bühne zu und her in dieser Zusammenarbeit von FHNW und Theater Basel.
Foto: FHNW

Als ich die Treppe im Theater Basel hochgehe, hält mich eine Person im Schutzanzug auf: «Desinfektionsshot gefällig?» Ich bejahe und beobachte, wie sie einen kleinen Becher via Hochdruckschlauch befüllt. Auf der Kleinen Bühne angekommen, schütte ich mir den Inhalt über die Hände. Der Raum ist dystopisch dekoriert: zerfetzte Zelte, schmutzige Matratzen, flimmernde Bildschirme, eine Krankentrage.

Die Hostessen in Ganzkörper-Schutzanzug gehen durchs Publikum: «Hätten Sie gerne einen Apokalypten-Sirup?» Einige Besucher verneinen und auch eine weitere Gruppe will nicht von dem mysteriösen Getränk probieren. «Sie auch nicht?», fragt die Hostess genervt. Nicht nur wegen des mangelnden Dursts der Anwesenden, sondern auch, weil die Mehrheit auf den Stühlen vor der Bühne Platz nimmt – wer kommt auch auf diese Idee? – und nicht im Raum auf den Matratzen.

Und dann geht es los mit «Black Angels» von George Crumb. David Bowie sagte einst Folgendes über das Musikstück: «Es ist immer noch eine Herausforderung für mich, dieses Stück ohne eine Art Vorahnung zu hören. Manchmal hört es sich wirklich wie das Werk des Teufels an.»

Von Musik war die Rede, von Jazz und «der Endzeitstimmung trotzen». Gut, ich kenne mich zugegebenermassen nicht besonders gut aus mit moderner Musik und weiss nicht, was heutzutage alles unter Jazz fällt. Aber vom Zombie, der bei schrillem Streicher-Quietschen über die Bühne zuckt, war nicht die Rede. Dann wiederum fällt mir die Altersbeschränkung ein: ab zwölf. Was habe ich da auch anderes erwartet bei diesem Thema – «Apokalypse».

Die erste Performance serviert den Zuschauern eine ordentliche Portion Angst, die mir persönlich gerade noch gefehlt hat. Ähnlich geht es einer Gruppe Jugendlicher, die auf einer Matratze Platz genommen hat und in diesem Moment von der Untoten bedrängt wird. Die Musiker – alle Studierende der Hochschule für Musik, Gestaltung und Kunst FHNW – erschaffen eine Atmosphäre, die jedem Horrorfilm das Wasser reichen könnte.

Dann wird umgebaut. Zwei Retrolampen werden auf die Bühne gestellt. Dreizehn Tage lang besetzen die Studierenden für «Im Flow der Apokalypse» die Kleine Bühne, die ein halbes Jahr lang brachlag. Auf der begehbaren Weltuntergangsinstallation werden jeden Abend zwei andere Premieren gezeigt.

Als Nächstes hören wir «Breath», eine Performance für zwei Blechbläser, die die Stücke «Atem» von Mauricio Kagel und «Res-as-ex-inspirar» von Vinko Globolar verknüpft. Das geräuschvolle Luftholen, Singen, Schreien und Bespielen der Posaune erschafft das durchaus komische Bild eines Anfängers – und das gekonnt –, der seinen Atem nicht unter Kontrolle hat und Stellen, die er noch nicht spielen kann, mit der eigenen Stimme überbrückt.

Luft holen, die Posaune scheppern lassen, keuchen, schreien, Luft holen – ich kriege hinter meinem Mäskli langsam selber Atemnot. Das Stück inspiriert mich. Schon allein deswegen, weil man gedanklich ganz schön kreativ werden muss, um sich selbst zu erklären, was hier gerade passiert. Dem Publikum gefällt «Breath» besonders gut: Man lacht, man applaudiert.

«Ist das jetzt Kunst?», fragt ein Jugendlicher beim Verlassen des Saals. Diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten: Ein Besuch in der Apokalypse lohnt sich.

«Im Flow der Apokalypse» ist noch bis am 24. Oktober 2020 auf der Kleinen Bühne am Theater Basel zu sehen.

2 Kommentare
    DpnPetrowski

    Liebe Frau Portmann, hier handelt es sich wohl um "Black Angels" von George Crumb!