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Streit um ParkourWie ein mächtiger Verband nach dem Trendsport greift

Jung, wild, spektakulär – die Action-Sportart Parkour erfährt rasanten Zuspruch. Sie würde deshalb gerne olympisch werden. Aber zu welchem Preis?

Salto vom Balkon: Traceure üben ihren Sport bevorzugt in städtischer Umgebung aus.
Salto vom Balkon: Traceure üben ihren Sport bevorzugt in städtischer Umgebung aus.
Foto: Getty Images

Sie klettern, hüpfen und rutschen. Mauern, Geländer, Wände – fast nichts ist für sie als Hindernis nicht zu überwinden. Sie springen von Balkonen in die Tiefe, drehen dabei Doppel- oder Dreifachsalti und balancieren in luftigen Höhen. Möglichst schnell auch noch. Willkommen in der Welt der Traceure.

Ihr Sport, Parkour, ist einer der Trends unserer Zeit, beliebt bei jungen Menschen. Sein Vorteil: Er lässt sich überall ausüben. In Hinterhöfen, auf Spielplätzen, bevorzugt mitten in den Städten. Parkour ist urbanes Lebensgefühl und somit auf den ersten Blick das Gegenteil von jenen Pionieren, die sich seinerzeit ein Brett unter die Füsse geschnallt haben und damit über entlegene Tiefschneehänge kurvten – zum Missfallen der Skifahrer. Und doch ist die Gemeinsamkeit zwischen Traceuren und den ersten Snowboardern offensichtlich: der individuelle Drang nach Freiheit.

Eine weitere Parallele ist, dass der junge Sport auf die traditionellen Verbände anziehend wirkt. Und wie sich einst der Internationale Skiverband für die rebellischen Snowboarder interessierte, buhlt nun der Welt-Turnverband (FIG) um die Traceure. Bereits ist Parkour eine eigene Disziplin neben Männer- oder Frauenkunstturnen, der Rhythmischen Gymnastik oder Trampolin, und auch sonst ist das Tempo forsch. 2018 lancierte die FIG einen Weltcup, 2020 stand in Hiroshima eine erste WM an. Die Durchführung scheiterte wegen Corona. Dafür gab es während der Pandemie virtuelle Wettkämpfe.

Doch in der vergangenen Woche wurden die Bemühungen gebremst: Das Internationale Olympische Komitee lehnte den FIG-Antrag ab, Parkour ins Programm der Sommerspiele 2024 in Paris aufzunehmen. Sein Ansinnen hatte der Turnverband unter anderem damit begründet, dass der Sport auf den Strassen der französischen Hauptstadt entstanden ist. Weil die FIG aber keine ihrer bisherigen olympischen Disziplinen abzugeben bereit war, wurden ihr keine neuen zugestanden. Das IOK will die Zahl der Events eher reduzieren als erhöhen.

Die Absage an die FIG ist ein Erfolg kleinerer Dachverbände wie der Internationalen Parkour Federation oder Parkour Earth. Beide reklamieren die Schirmherrschaft über die weltweite Parkour-Szene für sich und sind entschieden gegen die Vereinnahmung des Sports durch den Turnverband. Weil es eben viel mehr sei als nur ein Sport – ein Lebensgefühl. In den Tagen vor der Abstimmung liess Parkour Earth dem IOK einen offenen Brief zukommen und legte eine Ablehnung nahe. Die Botschaft: Der Internationale Turnverband verhalte sich respektlos und übergriffig.

Anzunehmen ist, dass Parkour für die Sommerspiele 2028 in Los Angeles auch als eigener Sport eingegeben werden dürfte – denn das Interesse daran ist auch in der Szene gross. Doch weil Parkour so rasant wächst, dürfte die FIG in diesem Machtkampf genauso wenig klein beigeben wie es seinerzeit der Internationale Skiverband (FIS) tat. Mitte der Neunzigerjahre führte dieser konkurrenzierende Wettkämpfe für Snowboarder ein und provozierte heftigen Widerstand der International Snowboard Federation (ISF). Schliesslich setzte sich trotzdem die FIS durch und repräsentiert heute alle Snowboarder. Die ISF verschwand.

«Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Parkour doch noch olympisch wird», sagt Christian Harmat. Der fast 27-jährige Basler ist einer der besten Traceure der Schweiz, seine Spezialität ist die Disziplin «Speed» (die andere nennt sich «Freestyle»). Einst hatte Harmat den Traum, Profifussballer zu werden, «und dieser Traum, einmal in ein volles Stadion einzulaufen, möchte ich mir nun im Parkour erfüllen», sagt er. 2019 gewann er den Speed-Weltcup der FIG und die Swiss Parkour Tour 2020 – punktgleich mit Benedikt Studer.

Virtuos zu Fuss: Christian Harmat (Zweiter von links) zusammen mit seinen Kollegen der Basler Parkour-Szene zeigen ihr Können.
Virtuos zu Fuss: Christian Harmat (Zweiter von links) zusammen mit seinen Kollegen der Basler Parkour-Szene zeigen ihr Können.
Foto: Mischa Christen

Harmat ist Mitbegründer der World Parkour Family in Basel, eines jährlich durchgeführten Camps mit Teilnehmern aus aller Welt. Er begrüsst das Engagement des Turnverbandes, seinen Sport breiteren Kreisen zugänglich zu machen. «Ohne Turngeräte gäbe es unzählige Parkour-Moves gar nicht», erklärt er. Aber setzt sich am Ende ein Konkurrenzverband durch, kann er auch damit leben. «Derzeit scheint mir das vor allem ein Ego-Problem zu sein», sagt er.

Bezüglich Paris 2024 sieht es immerhin so aus, dass Parkour eine Art Demonstrationssport sein wird. Mit einem Hindernislauf wie bei der TV-Show «Ninja Warrior» zum Beispiel. Und dies zeigt, wie verwandt die Szenen sind: Schon beim Eidgenössischen Turnfest 2019 in Aarau konnte sich jeder, der wollte, als «Ninja Warrior» beweisen.

1 Kommentar
    Per Holund

    Es geht ja wieder mal ums Geld und nicht um den Sport. Lasst die einfach über Mauern hüpfen und fertig. Es muss nicht alles Olympisch werden.