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Politkrimi aus LateinamerikaWie ein Halbschweizer in Guatemala Präsident wurde

Der neue Roman des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa führt zurück in die Zeit des Kalten Kriegs und in politische Intrigen Mittelamerikas. Mittendrin: Jacobo Arbenz Guzman.

Jacobo Arbenz Guzman leistete am 15. März 1951 seinen Amtseid als Präsident Guatemalas ab. Drei Jahre später wurde er zum Rücktritt gezwungen, alle seine Reformen wurden zurückgedreht.
Jacobo Arbenz Guzman leistete am 15. März 1951 seinen Amtseid als Präsident Guatemalas ab. Drei Jahre später wurde er zum Rücktritt gezwungen, alle seine Reformen wurden zurückgedreht.
Foto: Keystone

Wenn man sich in der Weltgeschichte umschaut, stösst man auf Schweizer – an den unerwartetsten Orten. So im Hochland von Guatemala, wo sich ein Schweizer Apotheker aus Andelfingen Anfang des 20. Jahrhunderts niederliess. Er hiess Jacob Arbenz, den gleichen Vornamen hispanisierte sein Sohn zu Jacobo und fügte den Namen seiner einheimischen Mutter hinzu. Dieser Jacobo Arbenz Guzman machte Karriere in der guatemaltekischen Armee bis zum Oberst, wurde Verteidigungsminister unter dem Präsidenten Arévalo und schliesslich, 1951, selbst Präsident des mittelamerikanischen Kleinstaats.

Arbenz ist eine der handelnden Figuren im neuen Roman des Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. «Harte Zeiten» führt in die 1950er-Jahre zurück, in den Kalten Krieg, den die USA in ihrem selbst erklärten Hinterhof auf ihre Weise führten. Etwa mit dem Sturz von ihnen oder ihren Konzernen nicht genehmen Regierungen. So eine war die von unserem Jacobo Arbenz. Der hatte eine Landreform auf den Weg gebracht, die brachliegendes Land an die rechtlosen und im Elend lebenden Indios verteilte.

Die Schweiz wollte den «Kommunisten» nicht

Es gehörte zu grossen Teilen der United Fruit Company, die den Kleinstaat beherrschte und ihre Interessen rücksichtslos durchsetzte. Als sie auch noch Steuern zahlen sollte, setzte sie mithilfe des PR-Gurus Edward Bernays (ein Neffe Sigmund Freuds) einen Propagandafeldzug in Gang, der die nach Demokratie strebende Regierung Arbenz als kommunistisch verleumdete und Guatemala eine Zukunft als sowjetischer Kolonie prophezeite.

Völliger Unsinn, aber noch vor Trumps Fake News und Social-Media-Kampagnen hatte der PR-Feldzug Erfolg. Die CIA rüstete eine «Befreiungsarmee» aus, US-Piloten bombardierten Guatemala-Stadt, und der mephistophelische US-Botschafter Peurefoy zwang Arbenz schliesslich zum Rücktritt. Für ihn begann ein demütigender Weg über viele Exilstationen, auch die Schweiz wollte den «Kommunisten» nicht. 1971 ertrank Arbenz, der gescheiterte Reformpräsident, in Mexiko-Stadt unter ungeklärten Umständen in der Badewanne.

In der Politik kennt er sich aus: Mario Vargas Llosa kandidierte einmal selbst für das Präsidentenamt seiner Heimat Peru.
In der Politik kennt er sich aus: Mario Vargas Llosa kandidierte einmal selbst für das Präsidentenamt seiner Heimat Peru.
Foto: Getty Images

Aber das erzählt uns Vargas Llosa nur noch nebenbei. Sein Interesse gilt dem Nachfolger, ebenfalls Offizier und ewiger Rivale Arbenz’: Carlos Castillo Armas (die Personen haben alle drei Namen, wie in russischen Romanen, was die Übersicht nicht gerade leicht macht). Er dreht alle Reformen zurück und überzieht das Land mit einem Schreckensregime, das später Guerillabewegungen erzeugt und zu einem 30-jährigen Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten führt. Noch heute ist Guatemala ein bitterarmes Land, dessen Einwohner oft nur ein Ziel kennen: in die USA.

Vargas Llosas Roman ist sein 22., sein Autor über 80, und, ohne ungalant zu sein: Das spürt man auch. Der einstige Avantgardist und Mitbegründer des lateinamerikanischen Literaturbooms benutzt sein literarisches Instrumentarium routiniert und ohne besondere Inspiration. Zeitsprünge, Erzählerwechsel, zusammengeschnittene Kapitel: Das war mal aufregend und irritierend, inzwischen ist das artistischer Mainstream und auch dem Kinopublikum längst vertraut.

Immerhin, auf Spannung versteht sich der Altmeister immer noch. Nach einem Prolog, in dem die PR-Kampagne angezettelt wird, führt uns Vargas Llosa in die Hauptstadt und an jenen 25. Juli 1957, an dem Nachfolger Castillo Armas einem Attentat zum Opfer fällt. Auch das eine Intrige von aussen, hier ausgeführt von einem Geheimdienstmann aus der Dominikanischen Republik, einem Finsterling namens Johnny Abbes García.

Eine Kröte an Leib und Seele

Den kennen Vargas-Llosa-Leser aus seinem Roman «Das Fest des Ziegenbocks» (2000), der die Ermordung des Diktators Trujillo behandelte. Abbes García, «eine Kröte an Leib und Seele», ist dort Leiter der Geheimpolizei, ein Intrigant und sadistischer Folterer. Bei einem Abendessen will Vargas Llosa erfahren haben, dass er auch beim Sturz Castillo Armas’ seine Finger im Spiel hatte, und so lässt der Autor ihn den Mord gleich selbst ausführen – in immer den geradzahligen Kapiteln, damit sich der Suspense schön aufbauen kann.

Der Mörder schafft auch die Geliebte seines Opfers über die Grenze, Martita Parra alias «Miss Guatemala», weil er schon lange Lust auf sie hat (ohne Crime kein Sex, so geht es in diesem auch recht machistischen Roman eben zu). Das ist nun mal ein feines Pärchen, einander ebenbürtig in den Fähigkeiten zur Intrige und Manipulation. Aber die diabolischen Helden, weiss Vargas Llosa, sind literarisch allemal ergiebiger als der in seiner Rechtschaffenheit auch etwas langweilige Arbenz. So bleiben wir länger hängen bei den Bösewichten der Geschichte, den Tätern wie den Schreibtischtätern.

Er rechtfertigt seine eigenen «linken Verirrungen»

Mit «Harte Jahre» ist Vargas Llosa noch einmal ein süffiger Politkrimi gelungen, in dem das literarische Element eine eher dekorative Rolle spielt. Wichtiger sind ihm offenbar die Botschaften, die aus dem Plot herausschauen. Zum einen will der Autor hier exemplarisch vorführen, dass das 20. Jahrhundert eines der Propaganda und Irreführung der Öffentlichkeit gewesen ist (was daraus wohl für das gegenwärtige folgt?). Tatsächlich haben auch die renommiertesten Medien der Zeit, von der «New York Times» bis zum «Spiegel», die Mär vom kommunistischen Guatemala nachgeplappert.

Zum andern führt er im Epilog – nachdem er, der Autor, der altgewordenen «Miss Guatemala» einen Besuch abgestattet hat – aus, dass die Eingriffe der USA in ihrem Hinterhof paradoxe Konsequenzen gezeitigt haben. Fidel Castro, ursprünglich kein Kommunist, stützte sein Kuba nach der Revolution gleich auf die UdSSR. Und eine ganze Generation wandte sich vom «Vorbild USA» – für Arbenz war sie das! – ab und sympathisierte mit dem Sozialismus. Auch der junge Mario Vargas Llosa. So ist die untergründige Agenda dieses Romans auch eine Erklärung eigener «jugendlicher Verirrungen»: Der spätere Politiker Vargas Llosa war ja ein erklärter Konservativer und Gegner jeglicher «linker» Bestrebungen.

Mario Vargas Llosa: Harte Zeiten. Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp, Berlin 2020. 411 S., ca. 35 Fr.

4 Kommentare
    Gilbert Villiger Heredia-Feliz

    Ich finde es immer wieder schön das solche Artikel sachlich und faktenbezogen im Tagi veröffentlicht wird. Ich selbst habe südamerikanische Wurzeln und staune immer wieder wie wenig die Bevölkerung in Europa oder in der Schweiz über die Geschehnisse der letzten Jahren wissen. Die wirtschaflichen Interessen von den USA zeigen leider das Ausmass, welches jetzt im Nahen Osten stattfindet. Die angeblichen Interventionen in Lateinamerika von den 1950er bis in die späten 1990er Jahren und der heutige konflikt im Nahen Osten verstossen ganz klar gegen das UNO-Gewaltsverbot. Ein grosses Kompliment an den Tages-Anzeiger für für die Recherche und bleiben Sie gesund.