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Seine erste ErzählungWie Dürrenmatt das Christkind verspeiste

«Weihnacht», von Friedrich Dürrenmatt 1942 geschrieben, ist 28 Zeilen kurz – und gibt lange zu denken.

Friedrich Dürrenmatt 1963.
Friedrich Dürrenmatt 1963.

Es war an Weihnachten 1942. Der Himmel war bedeckt, das Thermometer schwankte um die null Grad. Im August hatte die Schweiz ihre Grenzen geschlossen; draussen wütete der Zweite Weltkrieg. Da setzte sich der Student Friedrich Dürrenmatt hin und schrieb seine erste Erzählung. Sie heisst «Weihnacht» und hat nur 28 Sätze. Die haben es in sich wie folgt.

«Es war Weihnacht. Ich ging über die weite Ebene. Der Schnee war wie Glas. Es war kalt. Die Luft war tot. Keine Bewegung, kein Ton. Der Horizont war rund. Der Himmel schwarz. Die Sterne gestorben. Der Mond gestern zu Grabe getragen. Die Sonne nicht aufgegangen. Ich schrie. Ich hörte mich nicht. Ich schrie wieder. Ich sah einen Körper auf dem Schnee liegen. Es war das Christkind. Die Glieder weiss und starr. Der Heiligenschein eine gelbe gefrorene Scheibe. Ich nahm das Kind in die Hände. Ich bewegte seine Arme auf und ab. Ich öffnete seine Lider. Es hatte keine Augen. Ich hatte Hunger. Ich ass den Heiligenschein. Er schmeckte wie altes Brot. Ich biss ihm den Kopf ab. Altes Marzipan. Ich ging weiter.»

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