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Bröckelnder Fussball-WettbewerbWie der Cup seine Seele verliert

Der Schweizer Cup muss deutlich hinter der Meisterschaft zurückstehen – Netflix ist für Sion-Präsident Constantin ein Schlüssel, um ihm zu Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Cup auf dem Lande zu Corona-Zeiten: Beim Spiel von Erstligist Schötz gegen Sion (0:3) waren im September 1000 Zuschauer zugelassen.
Cup auf dem Lande zu Corona-Zeiten: Beim Spiel von Erstligist Schötz gegen Sion (0:3) waren im September 1000 Zuschauer zugelassen.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Früher waren die Tage des Schweizer Cupfinals Festtage. Zehntausende rückten aus, um Bern zu erobern. Nirgends ist dieses Gefühl ausgeprägter gewesen als im Wallis – dieses Gefühl, der Schweiz zu zeigen, dass man auch noch da ist. «Darum geht es für uns», sagt Christian Constantin, «genau darum!»

Constantin mag viel sein, eine Nervensäge für die Funktionäre in Bern, ein Schreckgespenst für die eigenen Trainer. Aber bei allem ist der Präsident des FC Sion auch ein Freund des Cups, ein Fan wie kaum ein anderer. Er hat die Reisen zu den kleinen Gegnern immer geliebt: nach Gränichen, Hergiswil, Rapperswil oder wie letzten Herbst nach Schötz, als er im Helikopter einschwebte und zwei Matchbälle spendete. Er genoss es durchaus, selbst eine Attraktion zu sein. Zuweilen hatte er Autogrammkarten dabei.

Jetzt ist alles anders und der Cup dabei, seine Seele zu verlieren – wenn er das nicht schon getan hat. Er ist der Wettbewerb, der in Corona-Zeiten kaum noch wahrgenommen und irgendwo dazwischengequetscht wird. Auf Mittwoch und Donnerstag waren die Achtelfinals angesetzt, darunter recht attraktive Paarungen wie St. Gallen gegen YB, Aarau gegen Sion, GC gegen Lausanne oder auch Winterthur gegen Basel.
Doch nur im Aarauer Brügglifeld findet ein Match statt. Der Rest ist verschoben. Für drei Spiele sind wenigstens Daten bis Mitte März gefunden, für die anderen vier aber noch nicht einmal das.

Besonders in Gefahr sind die Partien mit Solothurn, Vevey und Monthey: Diese Clubs haben das Pech, dass sie als Vertreter von 1. Liga und 2. Liga interregional unter den Amateurstatus fallen und darum auf Geheiss des Bundes bis auf weiteres gar nicht spielen dürfen.

Der Kampf der Amateure, die Motivation nicht zu verlieren

«Entweder wird alles weiter verschoben», sagt Samuel Scheidegger, «oder wir müssen es irgendwann vergessen.» Irgendwann vergessen heisst für den Präsidenten des Erstligisten Solothurn: Die Amateure dürfen gar nicht zu ihren Spielen antreten, verlieren forfait und scheiden ohne eigenes Verschulden aus.
«Es ist noch zu früh für konkrete Szenarien», sagt Robert Breiter als Generalsekretär des Schweizer Fussballverbandes. Breiter will die Entwicklung abwarten und gibt doch zu bedenken, es wäre vermessen zu glauben, dass auf Amateurstufe Fussball gespielt werden könne, solange im ganzen Land Restaurants und Läden geschlossen bleiben müssten. Nirgends in Europa darf, soweit ihm bekannt, auf dieser Ebene gespielt werden. «Darum erachten wir es nicht als zielführend, lauthals Forderungen zu stellen.»

Solothurn ist ein Verein, der 800’000 Franken im Jahr investiert, die Hälfte davon in den Nachwuchs. Wegen Corona dürfen sich die Spieler lediglich in Kleingruppen fit halten. «Mit dem Ball geht aber gar nichts», sagt Scheidegger. Und darum ist es eine Herausforderung, die Motivation der Spieler hoch zu halten. Im Nachwuchs hat es schon ein, zwei gegeben, die gekriselt und sich gefragt haben, ob sie am Abend überhaupt trainieren sollen.

Der Verein ist solide aufgestellt, auch dank Kurzarbeitgelder für die Trainer und einzelne Spieler. Nur auf Entschädigungen des Bundesamtes für Sport hat er verzichtet. «Beim Baspo wird vergessen, dass wir als ehrenamtliche Funktionäre tätig sind», sagt Scheidegger, «die Auflagen zu erfüllen, das ist so kompliziert.»

Für einen Viertelfinalisten gibt es 25’000 Franken Prämie. Das zeigt, wie sehr der Cup marginalisiert wird.

Was ihn ärgert, ist die ungleiche Behandlung von Teams wie Solothurn im Vergleich mit den 14 U-21-Auswahlen der Proficlubs aus Basel, Zürich, Sitten, Genf, St. Gallen, Aarau oder Winterthur, die auch in der Promotion League oder 1. Liga mitmachen. Der Verband hat für sie ein Miniturnier organisiert, das jetzt begonnen hat. Scheidegger sieht einen Nachteil, wenn dann irgendwann die reguläre Meisterschaft wieder beginnt. Solothurn hat seit dem 17. Oktober nicht mehr gespielt, damals gab es ein 3:1 gegen die U-21 von GC.

Solothurn tritt schon oft im Schweizer Cup auf, hier vor fünf Jahren im Duell gegen den FC Thun.
Solothurn tritt schon oft im Schweizer Cup auf, hier vor fünf Jahren im Duell gegen den FC Thun.
Foto: Peter Schneider (Keystone)

«Im besten Fall können wir im April wieder trainieren und im Mai spielen», sagt Scheidegger. Und dann? «Dann passiert nicht mehr viel.» Das Ziel kann höchstens sein, die Vorrunde zu beenden, damit die Saison zählt.
Wenn nichts Aussergewöhnliches geschieht, wartet Solothurn aus Zeitnot vergeblich auf seinen Achtelfinal im Cup gegen Kriens. «Und was soll ich den Spielern sagen, die sich eine Siegchance ausrechnen?», fragt Scheidegger. Als Trost bleibt allenfalls nur, dass der Verband sie mit einer entgangenen Siegprämie entschädigt oder ihnen einen Startplatz in der 1. Hauptrunde der neuen Saison zusichert. «Irgendeine Einigung wird es geben», denkt Scheidegger, «es macht keinen Sinn, auf stur zu stellen.»

25’000 Franken gibt es für den Einzug in den Viertelfinal. Für Solothurn mag das gutes Geld sein. Der Betrag zeigt allerdings, wie sehr der Cup in der Schweiz marginalisiert wird und hinter der Meisterschaft zurückstehen muss – selbst auf die Gefahr hin, nicht beendet werden zu können.

Die Swiss Football League hat zum einen absolute Priorität, wenn es um die Spieltermine geht, zum anderen ist sie weit attraktiver für Geldgeber. Sie hat mit der Credit Suisse auf die neue Saison einen Titelsponsor gefunden, der dafür gegen 7 Millionen Franken pro Jahr zahlt.

Kein Sponsor und kaum Geld, nur eine verrückte Idee

Der Verband dagegen hat mit der Helvetia-Versicherung den Sponsor für seinen Wettbewerb verloren und keinen neuen gefunden. Er spürt, wie schwerverkäuflich der Cup ist. Entsprechend tief sind die Preisgelder angesetzt. Nur 3500 Franken gab es pro Team in der 1. Runde, 12’500 Franken gibt es in den Achtelfinals und auch nur je 100’000 Franken für die Finalisten. Total zahlt der Verband aus eigener Kasse 617’000 Franken an Prämien für alle Teilnehmer. In Deutschland erhält allein ein Viertelfinalist rund doppelt so viel.

Christian Constantin wird trotzdem am Mittwoch mit Freude ausrücken, sich ins leere Brügglifeld setzen und auf einen Sieg seines FC Sion hoffen. Denn er will unbedingt seinen achten Titel gewinnen, so wie einst Karl Rappen als Trainer, Fredi Bickel oder Severino Minelli als Spieler. Die Historie ist ihm immer wichtig gewesen.
Aber was machen, um den Cup zu retten? Constantin wäre nicht Constantin, wenn er keine Antwort darauf hätte. «Netflix!», ruft er ins Telefon. Der Streamingdienst ist sein Stichwort, weil er Serien im Kopf hat wie «Sunderland ‘Til I Die» oder «Maradona in Mexico». Die sind wunderbar gemacht, und darum behauptet Constantin, auch vom Schweizer Cup liessen sich ähnlich emotionale Geschichten erzählen.

Und wenn Netflix nicht will? «Dann eben Amazon», sagt Constantin. Gross zu denken, ist wenigstens ihm noch nie schwergefallen.

8 Kommentare
    Friedel Ramseyer

    Amateure sind das Fundament der Fussballbewegung in der Schweiz.

    Liest man die emotions- und empathielose Stellungnahme von Robert Breiter, Generalsekretär SFV, kann man als Amateurfussballerin und Amateurfussballer nur den Kopf schütteln. Das Fundament? Egal wie überall.

    Dabei gibt es durchaus andere, positivere Wege der Kommunikation, z.B. beim Unihockey-Verband.