Zwischen Campari Soda und Bashar al-Assad

Der syrische Horror prägt das Zürcher Theater Spektakel. Sonst bleibts amüsant. Ein Streifzug.

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Zu früh in Wollishofen! 14 Uhr, in vier Stunden erst beginnt das Theater Spektakel. Zeit muss also totgeschlagen werden im örtlichen Café. Zwei Gäste reden, eine Frau und ein Mann.

Er: «Ich war mal in Kärnten in einem Hotel.»
Sie: «Jaja.»
Er: «Aus Versehen habe ich im Hotel die Menükarte angezündet.»
Sie: «Jaja.»
Schweigen. Trübes Licht fällt durchs Fenster. Der Apfelkuchen ist zu trocken.

Man versteigt sich ja nicht gleich zur Behauptung, dass das Theater ein Refugium sei, dass es einen erlöse vom allgemeinen Stumpfsinn. Das wäre zu viel gesagt. Aber es ist schon so: Man kann sich an vielen weit dümmeren Orten aufhalten als am Zürcher Theater Spektakel, diesem merkwürdigen Mischwesen aus Theaterstätte, Gauklertreff und Vergnügungspark. 44 Produktionen aus drei Dutzend Ländern sind in Wollishofen zu sehen, rund 150'000 Besucher werden erwartet. Letzten Donnerstag hat das Spektakel begonnen, es dauert noch bis zum 4. September.

Die Simulation einer Sprengung

Gerade in diesen ersten Tagen müsste er aufgeregt sein, doch Sandro Lunin ist ein heiterer König in einem gut organisierten Reich. Entspannt sitzt er am ­späten Nachmittag auf einem Klappstühlchen vor seinem Containerbüro, während die ersten Besucher eintreffen. Es ist sein neuntes Jahr als künstlerischer Direktor. Dass das Bühnenbild des syrischen Stücks «While I Was Waiting» zu spät angeliefert wird? Eine Improvisationsübung, kommt vor. Dass während der belgischen Produktion «Het land Nod» eine Sprengung simuliert werden muss? Nicht der Rede wert.

Sein Team sei mittlerweile sehr routiniert, das Know-how über die Jahre und Jahrzehnte gewachsen. Auch das Wetter – der Eröffnungstag versank bös im Regen – kümmert Lunin wenig, denn die meisten Tickets wurden auch dieses Jahr im Vorverkauf vergeben. Lunin unternahm vor Festivalbeginn eine kleine Theater-Weltreise und sichtete für das Spektakel 250 aktuelle Produktionen. Nun will er sich hier und dort zum Publikum setzen und an ihm beobachten, ob er mit seiner Auswahl richtiggelegen hat. Erste Anhaltspunkte bekam er an diesem Spektakel-Wochenende, als mit «While I Was Waiting» und «Het land Nod» die ersten beiden Prunkstücke seines Programms aufgeführt wurden.

«Ein bisschen repräsentieren»

Es ist Abend geworden, die Bühnen und Ränge haben sich geleert, und Horst Hoser hastet aus der Werfthalle. Endlich rauchen! Der 75-Jährige – Lederjacke, athletisch, beneidenswert fit, Typ Clint Eastwood – ist total euphorisiert. Er war in «Het land Nod» ein Statist, gab den «Jahreszeitenbringer»: Als eleganter Butler verstreute er auf der Bühne Blätter und kündigte so die Szenenwechsel an. «War geil», sagt Hoser jetzt.

Die Belgier wollten Spesen sparen, suchten einen lokalen Gelegenheitsstatisten. Kontakte und Beziehungen spielten, und plötzlich stand Hoser wieder auf der Bühne. Zu Recht, wie er findet: «Ich bin genau der richtige Typ für diese Rolle. Ein bisschen repräsentieren und so.»

Dann bremst neben Hoser ein Velofahrer, Typ Big Lebowski: Lange Haare, Schnauz, ein Gehörschutz klemmt schief am Kopf. Er grinst Hoser an, man kennt sich. Hoser erzählt: Er, von Beruf ja gar kein Schauspieler, sondern Dekorateur, habe mal im Schauspielhaus einen Sugar-Daddy gegeben. «Ich ging auf die Bühne rauf, warf Geld um mich, ging wieder ab.» Der andere sagt nichts, grinst. Die Augen stehen weit offen. Wie er «Het land Nod» interpretiere? «Man muss den Text vorher lesen, dann versteht man es», antwortet Hoser. Er kichert, sein Kollege kichert.

Ständig nackt

«Het land Nod» handelt von einem Museumswärter, der ein Ölbild aus seinem Museum tragen will; koste es, was es wolle. Dafür sprengt er schliesslich die halbe Bühne in die Luft. Es wird viel getanzt und geturnt in diesem Stück und überhaupt nichts geredet. Einer der Museumsbesucher ist ständig nackt.

So kann man das Theater Spektakel auch erleben: als gehobenen Jux. Und sich danach erheitert der Ethnoküche auf der Wiese zuwenden («Agwaranga vegi, 20.–») oder mit dem Campari Soda am See über den neusten Tweet von René Pollesch plaudern («Siebzigerjahre-US-Filme bestehn nur aus Bullenautos»).

Reicht das auch schon? Natürlich nicht. Politische und gesellschaftliche Veränderungen spiegeln solle das Spektakel, sagt Sandro Lunin. Syrien, Schauplatz eines Vernichtungskriegs und Anlass internationaler Händel, liefert heuer den Stoff für diverse Produktionen. Dokumentarische Theaterformen sind bereits einige Jahre en vogue, scheinen sich aber für Reflexionen dieses so verworrenen Konflikts besonders gut zu eignen. Ein Höhepunkt des Festivals ist denn auch die Premiere von Milo Raus Flüchtlingsporträt «Empire» nächste Woche. Mit dem «manmaRo Project» von Khalifa Natour folgt ein weiteres Stück zum syrischen Horror.

Die verlorene Naivität

22 Uhr, ein letztes Treffen: Nanda Mohammad. Sie spielt in «While I Was Waiting» mit, dem meistbeachteten Stück des Wochenendes (siehe TA vom Samstag). Es handelt vom bitteren Schicksal der syrischen Jugend. «Irgendwann möchte ich schon wieder eine lustige Rolle spielen», sagt die junge Frau und lacht. Mohammad weiss um ihr bizarres Glück im Unglück: Ohne die Katastrophen in ihrer Heimat wäre sie als Schauspielerin niemals so gefragt wie jetzt. Man lädt sie nicht zuletzt als Zeitzeugin ein. «Dabei ist es nicht so, dass ich mit Theaterspielen begonnen habe, um meine Schmerzen zu verarbeiten. Ich war schon vorher Künstlerin.»

«While I Was Waiting» zeigt auch, wie sehr sich syrische Revolutionäre 2011 mit dem Westen identifizierten. Mohammad sagt: «Was uns heute trennt: Ihr habt eure Naivität noch. Wir haben sie verloren.» Sie meint den Schock, als sie als jugendliche Demonstrantin erstmals von der Polizei verprügelt wurde. Die Erkenntnis, dass ein Mann wie Assad zu immer neuen Gewaltmitteln greift, um seine Macht zu retten. «Darum ist Theater so wertvoll: Es hilft uns, diese Trennung zu überwinden und Verständnis zu schaffen, indem wir uns unsere Leben erzählen. Das ist das Einzige, was wir heute tun können.»

Es ist spät geworden. Der Kellner hat die Tür bereits abgeschlossen, aber sichtlich Hemmungen, die Syrerin wegzuweisen. Mohammad packt derweil eine Zeltplane, schiebt sie zur Seite, verschwindet nach draussen.

Erstellt: 21.08.2016, 17:49 Uhr

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