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Was von Freud bleibt

Die Psychoanalyse hat die Deutungshoheit über das Seelenleben verloren. Viele Thesen ihres Gründers sind widerlegt. Dabei geht vergessen, wie viel er erkannt und als Erster praktiziert hat.

«Alles ist wieder da, nur ich nicht», sagte er, als er sein letztes Haus betrat. Der 82-Jährige war todkrank und wusste, dass ihm wenig Zeit zum Leben blieb. Ihm war auch klar, dass er in London bleiben und Wien nie mehr sehen würde, seine Stadt. ­Sigmund Freud und seine Familie waren im Herbst 1938 vor den Nationalsozialisten geflohen, im letzten Moment, Freud hatte die Gefahr unterschätzt; Antisemitismus hatte es in Wien lange vor Hitlers Einmarsch gegeben. Die Familie reiste mit dem Zug über Paris nach London. Nach einigen Wochen bezog sie ein bürgerliches Backsteinhaus mit Garten und Terrasse, Maresfield Gardens 20, es steht im ländlichen Stadtteil Hampstead, wo viele Künstler und Einwanderer lebten.

Freunde der Familie hatten das Mobiliar aus Wien in das Londoner Haus schaffen lassen, das heute als Museum Besucher willkommen heisst. Im Erdgeschoss befindet sich das Behandlungszimmer, in dem der Professor bis kurz vor seinem Tod schrieb und deutete. Es ist ein dunkler, vollgestellter Raum, an einer Wand die Couch mit dem teppichartigen Stoff, dahinter der Sessel, auf dem der Analytiker zuhörte, daneben sein Pult mit den aufgereihten Statuen, «meine dreckigen Götter», wie er sie nannte, der sich selber als «gottlosen Juden» bezeichnete. Den Wänden entlang reihen sich Büchergestelle aneinander, darin Psychologie, Kulturgeschichte, Archäologie, Literatur. Freud las Griechisch und Lateinisch ab Blatt, sprach ein vorzügliches Englisch, hatte in Paris beim Neurologen Jean-Martin Charcot studiert und verstand Italienisch, Spanisch und etwas Hebräisch. Sein liebster Autor war William Shakespeare, seine liebste Gattung die Satire, ausserdem identifizierte er sich mit Sherlock Holmes. Als Kind hatte er Hannibal verehrt, den karthagischen Kriegsherrn, der es den Römern gezeigt hatte.

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