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Rock me, Muotatal

Die Bewohner des Muotatals im Kanton Schwyz verkaufen sich gern als Hüter der urwüchsigen Schweizer Folklore. Aber sie können auch Rock 'n' Roll.

Agglo im weiten Seitental: Muotathal, der Hauptort des fast gleichnamigen Tals.
Agglo im weiten Seitental: Muotathal, der Hauptort des fast gleichnamigen Tals.
Giorgia Müller
Traditionelles Tännfäscht, nicht ganz traditionelle Gürtelmode: Am 18. Juli traf sich das Dorf auf der Festbank.
Traditionelles Tännfäscht, nicht ganz traditionelle Gürtelmode: Am 18. Juli traf sich das Dorf auf der Festbank.
Giorgia Müller
Bodenständige Kost für einen guten Start in den Nationalfeiertag.
Bodenständige Kost für einen guten Start in den Nationalfeiertag.
Giorgia Müller
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Die Heimat hängt in einem Schrank am Ende der Wohnstrasse. Über die Autobrücke erreicht man den Tschalun 43. Hier hat Josef Imhof, aufgewachsen auf dem Bödeli auf der anderen Seite der Muota, vor etwas mehr als 30 Jahren und für 10 Franken den Quadratmeter von der Korporation etwas Land gekauft und ein zweistöckiges Einfamilienhaus gebaut. Balkon, Giebeldach. Er steht in der Werkstatt, die er im Erdgeschoss gegenüber der Waschküche eingerichtet hat, und raucht. Zigarette. Er zeigt die einfache Werkbank, die Bandsäge und den Stapel mit Holz, auf dem die Wanderschuhe stehen. Zwei Paar, daneben die Turnschuhe. Dann öffnet er die Türen zum Schrank.

Darin hängen sieben der Instrumente, die Josef Imhof in seiner Werkstatt baut. Sieben Büchel aus Tannenholz aus dem Bödmeren, dem ältesten Fichtenurwald der Alpen, der sich oberhalb des Dorfes zum Pragel hinauf ausbreitet, dem Pass, der von Schwyz nach Glarus führt. Der 63-jährige Schreiner arbeitet in einem der grossen Holzverarbeitungsbetriebe in Muotathal. Und in seiner Freizeit baut er diese Abart des Alphorns, er ist einer der Letzten im Land, der weiss, wie das geht. «The handmade instrument is crafted according to an ancient art», weiss weltgewandt die Website der lokalen Tourismusorganisation. «Mit einem Maschineli ginge es schneller und würde es vielleicht rentieren», weiss Imhof, der die Stunden nie gezählt hat, die er braucht, um mit Meissel und Stechbeitel das Holz zu höhlen und zu diesem Instrument zu formen, das aussieht wie ein gefaltetes, manche würden auch sagen: verwachsenes Alphorn.

Der Büchel ist härter zu spielen als das Alphorn und sieht im Fernsehen oder auf Postkarten nicht ganz so prächtig schweizerisch aus. Aber damit passt er gut in dieses Tal, in dem viel Wert gelegt wird auf eine Folklore, die nicht nur schön ist, sondern auch widerständig. So wird der Naturjodel im Muotatal in einer Variante voller Nirggel gepflegt, also voller Unebenheiten und Dissonanzen, die ihn mehr nach Alltagsgebrauch als nach Eidg. Jodlerfest klingen lassen. In den letzten 20 Jahren, da auch die städtische Schweiz die Volksmusik wiederentdeckt hat, wurde das Tal oberhalb von Schwyz zum Reduit des echten, urchigen Sounds ausgerufen. Rees Gwerder, den man gemieden hatte für seine primitiven Lappitänze, wurde zum Vorbild für eine neue Generation von Virtuosen auf dem Schwyzerörgeli. Musiker wie Hans Kennel oder Balz Streiff (von Stimmhorn) holten nicht nur das Alphorn, sondern auch den komischen Büchel auf die Bühnen von Jazzfestivals und Kleinkunstkellern. Und für «UR-Musig» stieg Cyrill Schläpfer, ein Musikethnologe aus Luzern, zu den Bergbauern an den Hängen des Muotatals auf, um den Naturjodel in seiner wild-schönsten Form fürs Kino einzufangen. Oder wenigstens das, was 1993 davon übrig geblieben war: «Dieser Film war ja schon damals eine Sehnsucht», gab er später zu: «Meine.»

Wildheuermöckli mit Guinness

Die Sehnsucht hat Karriere gemacht. Sogar Banken und Grossverteiler werben jetzt mit dem Ruch des Alpinen, und Filme über Wildheuer, Wetterschmöcker, Jodler und Betrufer haben die Städter massenhaft in die Kinos gelockt. Dabei immer wieder vor der Kamera: das Muotatal. Nächstes Wochenende wird am Festival Alpentöne in Altdorf ein weiterer Film über die Naturjodler gezeigt. 30 Jahre nach seinen wegweisenden Dokumentationen über diesen archaischen, wortlosen Juuzgesang ist Hugo Zemp, der schon lange in Frankreich lebt, noch einmal ins Tal zurückgekehrt, um den aktuellen Überlebensstand des Kulturerbes zu ­dokumentieren. Und die Kunde ist gut, das Muotatal ist als heimatlicher Kraftort intakt. Noch immer ergehen am Stammtisch im «Schäfli» oder in der «Post» die improvisierten Jüüzli über die Bierflaschen und durch den Stumpendunst.

Wer aber erwartet, auf ein urchig bevölkertes Bergdorf zu treffen, wenn er dem Ruf des Kehlkopfschlags folgt in dieses «völlig abgeschottete Seitental», in diesen «Inbegriff von Heimat» («Das Magazin»), in dieses «finstere Tal» («NZZ Folio»), in dem die Muota «schäumt» («Frankfurter Allgemeine»): Der wird enttäuscht. In nur 17 Minuten bringt einen der Bus von Schwyz nach Muotathal, von Post zu Post, was nicht nur am berüchtigten ­lokalen Fahrstil liegt, wie ihn auch der eine oder andere Chauffeur des öffentlichen Verkehrs bis heute überliefert. Denn schon auf 606 Meter über Meer ist der Hauptort des Tals erreicht, das zu den zehn grössten Gemeinden der Schweiz zählt und fast so gross ist wie der Kanton Zug. «Wild», «echt» und «urchig», wie der Tourismusprospekt verspricht, ist der Ort vorerst auf eine andere Weise als gedacht: Während die Touristen die Metzgerei Heinzer durch den Haupteingang betreten, um das Wildheuermöckli oder den Urwaldschinken zu kaufen, begeht die Dorfjugend das Gebäude auf der Rückseite, um im Valley Pub ein, zwei oder auch zehn Glas Guinness zu trinken.

Wie fast alle Geschäfte liegt auch die Metzgerei an der Hauptstrasse. Muotathal ist ein langes Strassendorf mit einem ebenso langen Hinterhof aus Einfamilienhäusern, der stetig talab wächst – so, als wolle er schnell Anschluss finden ans Schweizer Agglo-Land. Farbige bis farblose Schindeln aus Eternit schützen die Häuser vor dem Verkehr, der Holzbau ist hier die wichtigste Industrie, nicht die bevorzugte Wohnform. Knapp 3500 Menschen leben hier, die Einwohnerzahl ist seit vielen Jahren stabil, auch dank der vielen Arbeitsstellen in der Bauwirtschaft und des günstigen Baulands. Doch verlassen viele Muotathaler jeden Tag das Tal, um in Schwyz, Zug oder Zürich zu arbeiten. «Wir gehören zum Metropolitanraum Zürich», sagt Emil Gwerder. Der Spross eines lokalen Baugeschäfts arbeitet seit über zehn Jahren an der Tourismusstrategie des Tals und betreibt ganz hinten, an der Biegung ins Bisistal, mit Partnern ein Husky-Camp mit 30 Schlittenhunden, Gästehütten und einem chic ausgebauten Stall für Seminare.

Das Muotatal als Teil der grössten Schweizer Metropole: Die Aussage mag jene schockieren, die sich im Kino und in illustrierten Zeitschriften an gutturale Juuzlaute und bärtige Wetterschmöcker gewöhnt haben oder die bei einem Carunternehmen im Unterland eines der begehrten Tickets buchen für das derbe Volkstheater, das hier jeden Herbst über die Bühne der St. Josefshalle brettert. Doch aus der Sicht der Talschaft ergibt das einigen Sinn. Städter mit Fernweh nach der Heimat werden hier zeitnah mit Naturschönheiten wie dem Bödmerenwald bedient, dem Karstgebiet auf Silberen oder dem Höhlensystem des Höllochs, und natürlich mit der rässen Folklore. «Diese Marke ist bekannt, wir müssen sie nicht mehr verkaufen», sagt Emil Gwerder. «Wir müssen sie nur noch mit Produkten hinterlegen. Wir bieten im Camp zum Beispiel ein Fondue mit Muotathaler Most statt Wein an. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel die Leute davon essen. Wie die Wölfe, richtig schön anzusehen.» Gwerder lächelt. «Diese Leute essen Heimat.»

Sie müssen ihr Tal verkaufen

Die Zukunft des Tals liege in der Innovationskraft der Holzbaubetriebe, sagt Emil Gwerder, und in einem naturnahen Tourismus. Kein Golfplatz, keine neuen Bergbahnen, kein Halligalli. Nur, was wild, echt und urchig ist. Und weil diese Eigenschaften das Selbstbild des Muotatalers gut umreissen, kommt Gwerder mit seinen Ideen im Tal auch gut an. Als er 32 Bauern fragte, ob er mit seinen Schlitten über ihr Land fahren dürfe, sagten 32 Bauern Ja. Zu weit ging der Touristiker erst, als er vorschlug, in der Region nach Bundesvorgaben einen Naturpark einzurichten. In 14 Gemeinden stellte er seine Idee vor, und 14 Gemeinden wollten nichts davon wissen. Gwerder weiss, warum: «Die Muotathaler packen eine Chance, wenn sie sie sehen. Sie sind keine Neinsager. Aber sie lösen ihre Probleme lieber selbst, als dass sie auf Regeln von oben warten.» Und weil man in Muotathal lieber auf Muotathal vertraut als auf Schwyz, geschweige denn auf Bern, gibt es hier jetzt keinen Naturpark.

Dafür den wohl erfolgreichsten Käsemarkt der Schweiz. Als in den Neunzigerjahren das Milchkartell fiel und 1998 die Swiss Dairy Food gegründet wurde, trauten die Muotataler Milchbauern dem neuen Konzern nicht. Also beschlossen sie, auf Alp­käse zu setzen und jeden Oktober einen grossen Chäsmärcht abzuhalten. Auch zur 20. Ausgabe werden heuer bis zu 15 000 Kunden erwartet. Sie werden wiederum gegen 10 Tonnen Käse kaufen, während viele Einheimische den Rummel auch diesmal lieber meiden und zu Hause bleiben werden. «Die Muotathaler sind heute so gut ausgebildet wie alle Schweizer», sagt Iwan Rickenbacher, Schwyzer Kommunikationsberater und ein sehr guter Kenner des Kantons: «Sie wissen schon, dass sie ihr Tal verkaufen müssen, wenn es überleben soll.» Der Käsemarkt zeige, wie sich das Tal geöffnet habe, aber auch, wie erpicht man gleichzeitig darauf sei, ­eigenständig zu bleiben.

Rickenbacher unterrichtete im Muotatal von 1963 bis 1966 an der Primarschule, später leitete er hier immer wieder militärische Übungen. Den bäurischen Stolz und Eigensinn hält er für einen herausragenden Zug der Einheimischen, die nie Untertanen waren und immer spöttisch auf die «Stehkrägeler» des Schwyzer Patriziats hinabblickten. Auch nachdem das Tal ab 1945 durch die heutige Hauptstrasse ans Unterland angeschlossen wurde, gab es lange so gut wie keine Einwanderung, und noch heute prägen einige wenige Geschlechter – die Betscharts, die Gwerders, die Heinzers, die Imhofs, die Schelberts – das Leben im Tal. Muotathal blieb, ­gerade in harten Wintern, abgeschlossen und auf sich gestellt. Iwan Rickenbacher: «Das Gefühl, selber zuständig zu sein, hat sich so erhalten.» Er erfuhr dies in der Armee, als seine Soldaten am ersten Tag des WK auf die Züge verteilt wurden: «Die Muotataler blieben stur beieinander, da konnte der Feldwebel sie auseinanderkommandieren, wie er wollte.» Der Grund war, es ging um Leben und Tod: «Sie hatten abgemacht, wer den Speck mitnimmt, wer den Käse und wer den Schnaps.» Rickenbacher lacht. «Hätte man sie getrennt, wäre die Zwischenverpflegung zusammengebrochen.»

Tatsächlich gebe es im Muotatal eine ziemlich einzigartige, «wahnsinnige Identitätsbehauptung», sagt Cyrill Schläpfer, der Autor von «UR-Musig» und letzte Verleger von Rees Gwerder. Der selbstbewusste, fast anarchische Eigensinn könne manchmal auch rüpelhafte Züge annehmen, er drücke sich aber auch in der wilden, kräftigen Ländlermusik aus und im ungebügelten Naturjodel. Auch Schläpfer erzählt von Muotataler Soldaten, die stur waren wie keine anderen, die ihren Vorgesetzten zuleide werkten und Befehle sabotierten. Das spreche aber nicht nur für einen erratischen Charakter, sondern auch für ein Talent zum Schabernack und für einen nicht geringen Exhibitionismus. «Die Glarner auf der anderen Seite des Pragels sind auch eigen», sagt Schläpfer, «aber sie behalten den Eigensinn für sich. Die Muotataler stellen ihn aus, mit ihrer ganzen Vitalität und ihrem Sinn für die Ko­mödianterie.»

Um sich zu zeigen, wechseln die Muotataler darum jeden Herbst die Rolle. Dann spielen sie in der St. Josefshalle ein Volksstück, in dem es um Bauern geht, um die Zumutungen der neuen Zeit sowie um ein Liebespaar, das am Ende doch noch zusammenkommt. Seit 1949 spielt die Muotathaler Theatervereinigung, seit den Achtzigern feiert sie ihre unerhörten, von niemandem ganz verstandenen Erfolge. Denn es gibt weit eindrücklicheres Volkstheater in der Innerschweiz. Aber nur noch im nidwaldischen Buochs gehen Tausende von Tickets an die Carunternehmer und damit an ein Publikum aus der ganzen Deutschschweiz. Für den Rest der Karten gibt es in Muotathal einen telefonischen Vorverkauf, der über eine Webcam ins Internet übertragen wird: Enttäuschte Theaterfreunde hatten ob der ständig besetzten Leitung bezweifelt, dass die Tickets tatsächlich verkauft werden und nicht unter der Hand an Einheimische weggehen.

Lachen über den eigenen Mythos

Im Büro seines Bauernhauses sitzt Theo Pfyl und soll also wieder einmal erklären, warum die Muotataler Theaterleute erfolgreicher sind als alle anderen. Er sagt, er wisse es auch nicht, aber hoffe, den Tag nicht zu erleben, da es ein überzähliges Ticket gebe. Pfyl ist Landwirt mit Hof, Solaranlage und Subaru. Er ist Präsident und langjähriger Schauspieler der Theatervereinigung, Mitgründer des Käsemarkts, Berater am Berufsbildungszentrum sowie Gemeinderat, zuständig unter anderem für Schutzbauten und Kultur. In Unterleibchen und kurzer Hose sitzt er am Tisch und erzählt vom Regisseur, der vor 30 Jahren damit begann, schwächere Passagen der Stücke mit Jodelgesang und Witzen aufzuheitern. Und er erzählt von der vierköpfigen Kommission, die den Theatertext auf den korrekten Muotataler Dialekt prüft und nötigenfalls umschreibt. «Wir hatten einmal einen Spieler vom Ybrig, der hatte Betonungen drin, da mussten wir sagen: Das ist ein No-go.»

Diese Theater- sind also Heimatabende, an denen sich das Muotatal über seinen eigenen Mythos lustig macht. Das Spiel ist krachend, der Witz derb, die Liebe gejodelt. Doch funktioniert die grelle Fantasie auf die Muotataler Urchigkeit nur, weil sie im Detail stimmt: Die Glatze ist ein «Blass», der Antiheld ein «Fecker», der Bärti ein «Bärti» und eben kein «Bäärti». Der Juuz ist traditionell, und aus dem Brunnen auf der Bühne plätschert echtes Wasser aus der Muota. Mit anderen Worten, die landläufigen Volksstücke, die hier gespielt werden, sie werden vermuotatalert. Und mit ihnen die, die sie spielen. Die Ablondis waren 1910 ins Tal gekommen, nachdem die Muota über die Ufer gegangen war und grosse Teile des Dorfes verwüstet hatte. Die Italiener halfen, den Bach zu verbauen, und waren zwei Generationen später im wiederhergestellten Dorf so weit integriert, dass Armin Ablondi mit seinem Älplerbart und theatralen Schmiss zum Liebling des Publikums geriet, über den die Zeitungen berichteten, als er nicht mehr spielen konnte.

Vor 18 Monaten haben die Muotataler mit 1308 zu 372 Stimmen der SVP-Initiative über die «Masseneinwanderung» zugestimmt. Zu Fremden sind sie freundlich, schenken ihnen aber nicht viel mehr als ein schnelles Du. Als das erste dunkelhäutige Kind ins Tal kam, erhielt es den Übernamen «dr Einzig». Das kann man als Statement gegen weitere Zuwanderung verstehen, aber gleichzeitig auch als Integrationsleistung. Denn wer im Tal einen solchen Beinamen erhält, dem wird signalisiert, dass er dazugehört. Und so erging es auch dem zweiten schwarzen Kind, das man nach einigem Überlegen «dr Ander» nannte. «Hier kann jeder dazugehören», sagt Sandro Imhof, Spross einer alteingesessenen Familie. «Das Einzige, was gar nicht geht, das ist, auf Kosten der anderen zu leben.»

Den 35-jährigen Maurer-Vorarbeiter kennt man im Dorf von den Baustellen und vom Schwingplatz. Doch den meidet er heute, lieber veranstaltet er Rockkonzerte. Im Zweifamilienhaus empfängt er im Dachzimmer. Vor der Tür liegt die Fussmatte: «Welcome Rock ’n’ Roll». Und auf dem Tischchen die Sezessionsflagge der US-Südstaaten, und darauf reicht Imhof nun aus einer Rollschublade des getäferten Wandschranks warmes Dosenbier. Sandro Imhof trägt eine kurze Military-Hose und über den Tattoos ein schwarzes T-Shirt. Er ist verheiratet, ­Vater einer Tochter und ein Redneck. So nennen sich die 17 Männer des Vereins, die regelmässig Bands und ihren Hard-, Country- oder Südstaatenrock ins Tal holen. Der Name des Vereins ist mit Bedacht gewählte Koketterie: «Wie die Rednecks hält man auch uns für störrische Hinterwäldler», sagt Imhof, «uns gefällt das ganz gut.» Sie seien hier ziemlich patriotisch, aber man dürfe das nicht falsch verstehen, die Vaterlandsliebe betreffe immer zuvorderst das Muotatal. Keiner seiner Jugendfreunde ist weggezogen, alle leben sie im Tal.

So lässt sich das Tal nicht nur als knisternder Heimatherd der Volkskultur beschreiben. Sondern geradeso gut als suburbaner Landstrich, in dem die Kultur der amerikanischen Rednecks blüht. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind viele Muotataler ausgewandert, oft in die USA. Manche wurden erfolgreich, andere scheiterten, aber alle hatten sie, so geht die Erzählung, Heimweh nach der Innerschweiz. Und wenn sie dann zurück nach Europa reisten, durchs Schlattli ins Tal heimkamen und dort von der amerikanischen Idee erzählten, es selber schaffen zu können: Dann klang das in den Ohren der Einheimischen vertraut. Auch hier blickt man skeptisch bis feindselig auf den Staat und organisiert sich in der eigenen Neighborhood. Und auch hier gibt man sich zwischen den Reihenhäusern noch gerne bäurisch und betrachtet das Städtische und dessen Institutionen wenn überhaupt, dann am liebsten aus der Distanz.

In der Mehrzweckhalle vereint

Im Muotatal spielen die politischen Parteien seit ­je keine grosse Rolle. Die lange dominierende CVP war wie das Gebimmel der Kirchen und Kapellen ein Teil der Landschaft. Sie hält es bis heute nicht für nötig, eine Website zu betreiben. Bei den Kantonswahlen von 2012 holte sie noch 46,5 Prozent der Stimmen, der Rest ging an die SVP. Andere Parteien traten nicht an beziehungsweise existieren nicht. Dass die SVP die absolute Mehrheit hält und mit Ständerat Peter Föhn auch den Muotataler in der Bundesversammlung stellt, ist kein Zufall. Denn die Volkspartei kämpft gegen Europa mit dem Wertekanon der Rednecks: Achte die Vorfahren, gründe eine Familie, ehre das Handwerk. Denke schlecht über Beamte und Intellektuelle. Vergiss den Spass am Leben nicht, fahr raus, trink ein Bier und brate Fleisch. Der harte Rock, den Sandro Imhof und seine Freunde hören, ist nur eine Möglichkeit, anders und doch gleich zu sein. Nach ein paar Bier fange auch er an zu juuzen, sagt der Präsident der Rednecks, und in seinem Auto liegt neben CDs von Rose Tattoo, AC/DC oder Hank Williams III immer auch eine mit Ländler.

Auch der neue Film von Hugo Zemp fängt die rustikale Postmoderne aus Jodel und Countryrock ein, die das Muotatal zum Klingen bringt. Da sieht man nämlich Bernhard Betschart, den Naturjodler von Natur pur, als Beny mit metallbesetztem ­Hosengurt, Holzfällerhemd und Countrygitarre: «Hey rock me mama / Like the wind and the rain / Rock me mama like a south-bound train.» Das Lied hat er auch im Schweizer Fernsehen bei «Voice of Switzerland» gesungen, und es gehört neben Songs von Bob Seger, CCR, Bruce Springsteen, Johnny Cash oder Polo Hofer zum Repertoire seiner Band Black Creek. «Rock und Ländler haben die gleiche handgemachte Kraft», meint Sandro Imhof. Aber es sei ja logisch, was von beidem das Muotatal gegen aussen verkaufe: «Sicher nicht uns Rednecks.» «Wir erhalten sprachliche, musikalische und andere Eigenheiten, die in einer Zeit der Angepasstheit in der Schweiz mehr und mehr Seltenheitswert bekommen»: So steht es auf der Website der Gemeinde Muotathal. Das funktioniert, weil es hier noch alle Geschäfte gibt, die ein Dorfleben erhalten und überdies einen Urwaldschinken oder ein Bauernbirnbrot hervorbringen können. Es gibt immer weniger Wirtshäuser, aber immer noch genug, und es gibt 53 Vereine und eine Mehrzweckhalle, die, weitsichtig, in extraordinärem Massstab angelegt wurde und darum genug Platz sogar für den Käsemarkt hat. Muotathal ist gross und stark genug, um seinen Mythos zu bespielen. «Kommen Sie mit auf eine Reise zurück zu den Wurzeln», ermutigt der Tourismusprospekt. Der Weg führt vorbei am Sandplatz unterhalb der Kirche, auf dem vier Mädchen konzentriert Beachvolleyball spielen. Er führt in die Conditorei Schelbert, wo die Verkäuferin das Bauernbirnbrot mit der Zange aus der Auslage greift – so, als sei die Heimat nicht essbar, sondern ansteckend. Und weiter das ganze Dorf hinauf in den Tschalun, in die Vergangenheit.«The büchel tradition remains strong in Central Switzerland», steht im Prospekt, den man mitgebracht hat. Doch Josef Imhof winkt ab. Es brauche immer weniger Büchel, sein Vorrat von sieben Stück werde wohl noch Jahre reichen. Während die Schweizer ihre Kurse und Workshops buchen, um das korrekte Jodeln zu lernen oder das Blasen des Alphorns, interessiert sich so gut wie keiner mehr für dessen krumme Variante. Auch im Muotatal spielt niemand mehr den Büchel, und so stirbt sein Klang aus, unter den Augen der Folkloristen. In zwei Jahren werde er pensioniert, sagt Imhof, dann habe er mehr Zeit, um sein schönes Hobby zu pflegen. Um all die Büchel zu bauen, die niemand mehr haben will. Er lächelt, steckt sich noch eine Zigarette an. Und man stellt sich vor, wie Josef Imhof ­irgendwann in der Zukunft wieder hier stehen wird, in der Vergangenheit, und wie er den allerletzten Büchel höhlen, leimen und einölen und ihn für immer in den Schrank hängen wird.

Das Festival Alpentöne findet vom 14. bis 16. 8. in Altdorf statt. Der Film «Muotataler Jüüzli – 30 Jahre später» von Hugo Zemp wird am 15. 8. gezeigt.

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