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Pop-Briefing: Neues aus Rio, Altes aus Zürich

Die neue Popmusik-Kolumne hält Sie Woche für Woche auf dem Laufenden. Heute unter anderem mit einer neuen Schweizerin, die im Begriff ist, Frankreich zu erobern.

Die Genferin Vendredi Sur Mer verdreht mit ihrem schwülen Disco-Pop gerade allen den Kopf.
Die Genferin Vendredi Sur Mer verdreht mit ihrem schwülen Disco-Pop gerade allen den Kopf.

Das muss man hören

Irgendwie zwischen alle Stil- und Zeitzonen gefallen ist dieser 40-jährige britische Bartträger, der seit 15 Jahren an seinem retro-verliebten Zukunfts-Traumpop bastelt. Stephen Wilkinson heisst der Mann, besser bekannt ist er unter seinem Bühnennamen Bibio. Nun hat er, der Daft Punk und João Gilberto als Inspirationsquellen angibt und auf dem Elektro-Label Warp veröffentlicht, einen ersten Vorboten seines nächsten Albums veröffentlicht. Es wird am Freitag erscheinen. Wir sind im höchsten Masse verzückt.

Aus Rio de Janeiro, also aus der Heimatstadt von João Gilberto, weht derzeit ganz erfreuliche neue Musik in die Welt hinaus. Ja, man könnte sagen, dass die musikalische Vormachtsstellung São Paulos langsam aber sicher in Gefahr gerät. Da gibt es den anbetungswürdigen Rubel:

Da ist der geheimnisvolle João Capdeville:

Oder Rodrigo Amarante, der schwerblütige Gitarrist des Vertrauens von Devendra Banhart:

Die neueste Entdeckung ist der Produzent Ziminino, der gerade sein erstes Album veröffentlicht hat. Ein experimentelles, elektronisches Werk ist es geworden, mit diversen Verweisen auf die afrobrasilianische Musik. Doch just dort, wo er am wenigsten experimentiert, geht er am meisten ans Herz: in dieser wunderbar verschleppten Ballade namens «When the Buildings Fall».

Darüber wird gesprochen

Neben der Aufregung um den Dokfilm «Leaving Neverland» (wir haben ausgiebig berichtet) und um das neue Video von Rammstein, für dessen Deutung sogar Kulturwissenschaftler und Historiker herangezogen werden mussten (Fazit: die ganze Aufregung war umsonst), war bereits das ganze Popmusik-Aufmerksamspotenzial aufgebraucht. Bis dann auch noch der Rolling Stone Mick Jagger ins Spital eingeliefert wurde. Immerhin gibts aus dieser Ecke gute Nachrichten: Es scheint alles geklappt zu haben mit seiner neuen Herzklappe.

Das Schweizer Fenster

In den Achtzigerjahren wäre diese Musik in Discotheken gespielt worden, die nach heutigem Stand der musikalischen Aufgeklärtheit wohl eher als unapart gelten würden. Discos mit viel Trockeneis-Nebel wären das gewesen, in welchen Menschen mit unschönen Dauerwellen getanzt hätten.

Doch in der heutzutage allseits grassierenden Nostalgie-Gutfindlaune funktioniert die schwüle Discomusik der Genferin Vendredi Sur Mer ganz und gar hervorragend. So hipp ist sie, dass fast sämtliche Titel des neuen Albums innert zwei Wochen bereits millionenfach gestreamt worden sind.

Und der Erfolg ist so was von folgerichtig. «Premiers émois» ist ein Album voller wunderbarster frankofoner Klischees: Es gibt allerhand lasziven Sprechgesang, es gibt eine Menge Synthesizer-Kitsch im Disco-Takt, ja sogar Querflöten-Erotik ist da zu finden. Und es gibt die hübschesten Ohrwürmchen, die die Schweiz seit geraumer Zeit erschaffen hat. Die 24-Jährige ist mittlerweile nach Paris gezogen. Es ist vernünftigerweise anzunehmen, dass da die nächste grosse Schweizer Vedette heranwachsen wird.

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Was blüht

Von der Musikwelt beinahe vergessen gegangen ist der Soul-Mann Lee Fields. Wie sein neuestes Album «It Rains Love» zeigt, völlig zu Unrecht. Der Endesechziger war schon als Teenager in den weniger gut beleumundeten Clubs von North Carolina aktiv, veröffentlichte mehrere Singles, konnte prima den James Brown imitieren, doch der grosse Erfolg blieb trotzdem aus. Erst Anfang der Nullerjahre erlebte er eine Renaissance, auch wenn seine Musik so retro klingt, als stamme sie von Aufnahmebändern, die irgendwann in den Sechzigerjahren als verschollen gemeldet wurden. Der Mann ist gerade auf ausgedehnter Europatournee – in der Schweiz macht er schändlicherweise erst im Oktober Halt (10. Oktober, Atlantis Basel).

Das Fundstück

Vor 35 Jahren ist ein Album erschienen, das die Schweiz nachhaltig irritierte. «UX» hiess es. Die Band: Unknownmix aus Zürich. Und es klang so komplett anders als alles, was man bis dahin vernommen hatte, irgendwie charmanter und verspielter. 1984 war das Jahr von Michael Jackson, von Alphaville oder Chris de Burgh, doch im Untergrund rumorte es. Erste erschwingliche Synthesizer kamen auf den Markt und trafen auf Punk-geschulte Benutzer. Doch bei Unknownmix, dem Quartett bestehend aus der Sängerin Magda Vogel, dem Elektrobastler Ernst Thoma, dem Schlagzeuger Knut Remond und dem Typografen Hans-Rudolf Lutz, entstand eine elektronische Musik irgendwo zwischen Avantgarde, Pop und Improvisation. Und das klingt auch heute noch nach Zukunft.

Die Wochen-Tonspur

Diese Woche gibt es 23 neue Songs, unter anderem: Bonusmaterial von den knorrigen Viagra Boys, einen schnieken Remix von Tocotronic, Betörendes von Connie Constance und Joan As Police Woman. Der israelische Tonbastler Kutiman hat sich mit der türkischen Sängerin Melike Sahin zusammengetan, und bei Mr. Oizo knattern die Bässe noch immer ganz staunenswert.

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