«... trotzdem zahle ich meine Gebühren»

DJ Antoine ist der grosse Schweizer Kommerzkünstler – populär, erfolgreich am Markt. No Billag findet er schlecht.

Sein grosser Hit: Über 160 Millionen Mal wurde «Welcome to St. Tropez» auf Youtube geklickt.

Haben Sie den Glauben an die Segnungen des freien Marktes verloren?
Schauen Sie, als Künstler wie als Unternehmer brauche ich am Ende des Tages eine Gegenleistung für meine Arbeit. Sonst frage ich mich irgendwann, wozu ich mich hier eigentlich abrackere. Der Schweizer Musikmarkt ist brutal, gibt immer weniger her. Wenn die Sendungen und Tantiemen der SRG auch noch wegfallen, wird der Leidensdruck für Schweizer Musiker extrem gross werden.

Ihnen könnte es egal sein: Ihre Songs werden in Discos in aller Welt gespielt, sind bei Privatradios beliebt.
Auch ein DJ Antoine braucht Plattformen, auf denen er seine Arbeit präsentieren kann. Ein «Glanz & Gloria» ist deshalb wertvoll für mich, auch eine Jass-Sendung, wenn ich dort auftreten kann. Und bereits heute steht ja jede Schweizer Musik-Show auf der Kippe. Die Privatradios allein reissen uns nicht raus, da darf man sich nichts vormachen.

In Ihrem Statement gegen No Billag sagen Sie: «Die Kreativität, Musik und Filme zu produzieren, soll vom Konsumenten unterstützt werden.» Das wird sie doch bereits heute – durch Konzertbesuche, Downloads, CD-Käufe.
Aber eben immer weniger. Die digitale Kommunikation killt gerade das Nachtleben, man muss heute nicht mehr in den Club gehen, um jemanden kennen zu lernen. Allenfalls geht man noch in die nächstbeste Lounge, denn die spielt ja auch Musik. Die Orte, wo ein Künstler seine Musik den Leuten bekannt machen kann, werden selten. Was die SRG anbetrifft: Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiss, auch wenn das die No-Billag-Initianten gern so sehen. Ich habe schon seit 22 Jahren kein Fernsehen mehr – trotzdem zahle ich meine Billaggebühren als Privatperson und für mein Unternehmen jedes Jahr ohne Murren. Warum? Weil ich weiss, dass Schweizer Künstler – gerade die jungen und noch unbekannten – davon profitieren. Ja, ich appelliere an die Solidarität im Land.

Bilder: No-Billag-Gegner warnen vor Initiative

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Der Libertäre würde nun die Schultern zucken und sagen: «Verstehe, ist gerade ein bisschen hart für Sie. Aber jetzt müssen Sie sich eben eine neue Nische suchen, sorry.»
Blöderweise hat noch kein einziger Musiker diese «Nische» gefunden. Mir erscheint es daher als vernünftig, wenn der Bürger mit einem kleinen Gebührenbeitrag mithilft zu verhindern, dass unsere Musikbranche komplett vor die Hunde geht. Es gibt heute keine gute Alternative zum Billag-Modell – warum sollten wir es abschaffen?

Wann wurde das professionelle Musikmachen eigentlich so prekär?
Vor zwei, drei Jahren ist das Business nochmals eskaliert, als der Streamingdienst Spotify zu dominieren begann. Spotify gleicht die Ausfälle von digitalen Downloads oder physischen Verkäufen nicht annähernd aus. Eine von Spotify selbst erstellte CH-Playlist hilft auch nicht gross weiter. Und weil das Streamen nun in die Hitparade einfliesst, ist es für Schweizer deutlich schwieriger als früher, in die Charts zu kommen.

Wie kam Ihre Anti-No-Billag-Unterschrift zustande?
Die Leistungsschutz-Gesellschaft Swissperform fragte mich an. Obwohl ich, wie gesagt, kein SRG-Fernsehen konsumiere, sagte ich sofort zu.

Die SVP coverte einen Ihrer Songs, Sie stehen dem freien Unternehmertum nahe, Ihr erstes Idol war Ihr Grossvater, ein KMUler. Einige Ihrer Freunde dürften nun ein wenig staunen.
Ich mache hier den Spagat, das ist so. Es wird Diskussionen geben. Aber jetzt engagiere ich mich eben als Künstler. Wir können hier endlos über den Markt und so reden, aber letztlich ist es einfach ein Fakt: Ohne die SRG ist nicht mehr viel los in der Schweizer Musikszene.

Video - Dieser SVP-Mann tritt gegen «No Billag» an

Ständerat Roland Eberle will keinen «Einheitsbrei». Video: Tamedia/SDA

Ist es eine Aufgabe des Staates, Musik zu subventionieren?
Selbstverständlich. Und der Schweizer Staat tut das heute schon viel zu wenig. Das zeigt sich etwa daran, dass der Gratis-Download noch immer nicht verboten ist. Das ist unglaublich, die letzte Frechheit. Ein Song-Download ist ja ungefähr so viel wert wie ein Liter Milch – und kann ich im Supermarkt etwa einen Liter Milch gratis abzügeln, weil ich gerade Bock auf einen Liter Milch habe? Natürlich nicht. In der Musik dagegen: kein Problem.

Radioquoten für Schweizer Musiker finden Sie wohl auch gut?
Tatsächlich. Die Schweiz soll ihre Musiker fördern, auch für den Export. Wir haben grossartige Musik – ich sehe keinen Grund, warum wir die nicht promoten und dem Ausland schmackhaft machen sollten.

Werden Sie sich weiter gegen No Billag engagieren?
Ich habe meine Meinung und werde weiter zu ihr stehen. Aber ich werde jetzt nicht mit der Fahne auf die Strasse stürzen.

Wie schätzen Sie Ihren politischen Einfluss ein?
Ich habe gute Streamingzahlen, 100'000 Schweizer Facebook-Fans. Aber ob ich deshalb einen grossen Einfluss habe auf die Abstimmung … ich hoffe es jedenfalls.

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