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Muss ich mir ein Handy kaufen? Teil 2

Eine Ergänzung zur Antwort auf eine Leserfrage zur Erreichbarkeit rund um die Uhr.

Mobiltelefonie ist aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken.
Mobiltelefonie ist aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken.
Gaetan Bally, Keystone

Liebe Frau C.

Was bisher geschah: Im ersten Teil ­meiner Antwort ging es darum, zu ­zeigen, dass die Frage «Handy – ja oder nein?» nicht einfach damit zu beantworten ist, dass die Menschheit schliesslich schon seit Jahrtausenden ohne diese Dinger überlebt hat (Ihre Worte). Nehmen wir ein anderes Ding, ohne das die Menschheit auch Jahrtausende überlebt hat: den Kühlschrank. (Er hat den Vorteil, dass er ideologisch nicht so befrachtet ist wie das Handy, das einen festen Platz in der heutigen Kulturkritik hat.) Der Kühlschrank ermöglicht eine neue Art der Konservierung von Lebensmitteln – nicht durch Räuchern, Trocknen, Einkochen, sondern durch eine winterliche Temperatur, selbst wenn draussen der Asphalt schmilzt. Wer sich heute entscheidet, auf einen Kühlschrank zu verzichten, wird diesen Verzicht gewiss überleben (auch wenn die Chance, sich eine Lebensmittelvergiftung zu holen, steigt). Aber er muss ein anderes Leben führen als die meisten seiner Mitmenschen. Er wird feststellen, dass sein Alltagsleben anders strukturiert sein wird – etwa durch die Zeiten, die er regelmässig fürs Einkaufen aufwenden muss. Eventuell wird er häufiger im Restaurant essen; er wird sich vielleicht zum Vegetarier entwickeln, weil Gemüse einfacher aufzubewahren ist als Fisch und Fleisch. Kurz: Seine Position im sozialen Netzwerk verändert sich.

Man kann an einem stillen Abend einmal per Gedankenexperiment ausprobieren, wie es wäre, wenn es bestimmte Gegenstände des Alltags nicht gäbe oder man konsequent auf sie verzichten würde. Man wird staunen, wie vieles mit vielem anderem verknüpft ist, ohne dass wir uns dieses Netzwerks von Dingen, Menschen, Institutionen usw. bewusst sind. Dabei macht es einen bedeutenden Unterschied, ob man nur für sich auf etwas verzichtet oder ob man sich ein ganzes Kollektiv vorstellt, für das es bestimmte Dinge überhaupt nicht gibt. Gruppen wie die Amish beweisen, dass es durchaus möglich ist, ohne die Dinge zu leben, die wir für gewöhnlich mit der Moderne verbinden wie den Anschluss an das Elektrizitätsnetz oder den Besitz von Autos, aber auch kleine Details wie Knöpfe an der Kleidung. Aus diesem Verzicht ergibt sich eine eigene Lebensform, die sich von den Lebensformen anderer wesentlich unterscheidet. Amish ausserhalb der Gemeinde der Amish zu sein, dürfte ein Kraftakt sondergleichen sein. Ohne Smartphone in der Gesellschaft von Smartphone-Besitzern zu leben, ist um einiges einfacher. Man fällt auch ohne Smartphone keineswegs aus allen sozialen Netzen. Aber man hat im kollektiven Netzwerk einen anderen Ort als mit. Das kann einem sogar sehr recht sein. Man sollte nur nicht meinen: Es ist doch bloss ein Handy, das ich nicht haben will.

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