Mehr Ehe für alle

Die Institution Ehe kommt nicht zur Ruhe. Nach der Legalisierung der Homo-Ehe in den USA melden sich die Polygamisten zu Wort. Sie fühlen sich ungerecht behandelt.

Mehr Frauen, mehr Kinder: Mormonen in den USA. Foto: Laif

Mehr Frauen, mehr Kinder: Mormonen in den USA. Foto: Laif

David Hesse@HesseTA

Das Machtwort des obersten Gerichtshofs hat zuletzt auch Gegner der Homo-Ehe erleichtert. In den Monaten davor hatte in den USA mancherorts Hochzeitschaos geherrscht. In Alabama hatte der örtliche Oberrichter seine Beamten angewiesen, eher die Standesämter zuzusperren, als Schwule und Lesben zu trauen. In der Folge hatten auch brave Heteros Mühe, den Bund fürs Leben zu schliessen. Im Juni war der Spuk vorüber, die Homo-Ehe legal. Akte geschlossen, Sekt entkorkt.

Doch zu früh gefreut. Nun kommen die Polygamisten. Im Cowboystaat Montana droht der 46-jährige Tiefkühlgerätehändler Nathan Collier den Behörden mit einer Klage, falls sie ihn nicht doppelt heiraten lassen. Vicki ist bereits seit 2000 seine amtliche Gattin, Christina hat er 2007 inoffiziell in die Ehe dazugenommen. Die drei leben zusammen. «Wir wollen einer bereits glücklichen, starken, liebevollen Familie einfach zusätzliche rechtliche Legitimität geben», erklärt Collier, ein von seiner Kirche verstossener Mormone. Wenn das Geschlecht der Eheleute keine Rolle spiele, weshalb dann ihre Zahl?

Frauen «horten» ist nicht fair

Das musste ja so kommen. Konservative Kreise haben wiederholt vor genau dieser Entwicklung gewarnt. Wer Schwulen und Lesben das Heiraten erlaube, sagen sie, der öffne die Ehe für Perverse. Bald würden die Menschen ihre Geschwister, Haustiere und Toaster heiraten wollen. Und eine Rückkehr zur Vielweiberei fordern, die in den USA trotz einiger mormonischer Rebellen überall verboten ist. Polygamie als Folgeübel.

Selbst Mitglieder des Supreme Court denken so. Richter John Roberts schrieb für die unterlegene Minderheit, dass sich mit vielen der für die Homo-Ehe bemühten Argumente auch «ein Grundrecht auf Mehrfachehen» behaupten liesse. Der Sprung von der verschieden- zur gleich­geschlechtlichen Ehe sei «viel grösser als jener von der 2-Personen-Ehe zu multiplen Bindungen», die in vielen Kulturen ja tiefe Wurzeln hätten.

Schwulenrechtler weisen solche Voten zurück. Polygamie und Homo-Ehe seien grundverschieden, sagt etwa der Buchautor Jonathan Rauch. Die Homo-Ehe ermögliche mehr Menschen die Heirat, erhöhe also die Zahl der Bindungen. Polygamie dagegen entziehe der Bevölkerung mögliche Ehepartner, da meist statusreiche Männer die Frauen «horteten». Ja, Rauch bemüht eine Studie, nach der die Monogamie sich positiv auf die Stabilität einer Gesellschaft auswirke: Männer, für die keine Ehefrau übrig bleibe, würden eher zu Räubern, Mördern, Vergewaltigern. Die Homo-Ehe befriedet – Polygamie entzweit.

Einig scheinen sich beide Seiten darin, dass Polygamie nichts Wünschenswertes sei. In der Schweiz sehen das manche anders. Die Basler Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer hat vorletztes Jahr ein Gutachten zur Reform des Familienrechts erstellt, in dem sie dem Bundesrat unter anderem empfahl, das Polygamie-Verbot zu überdenken. Dies nicht, um hortenden Patriarchen Vorschub zu leisten, sondern um den Schutz der Frauen zu erhöhen. Als Geliebte eines verheirateten Mannes stehe man in der Schweiz zu rechtlos da. Polygamie sei eine Realität.

Sicher ist eins: Unsere Familien sind bunter, als das Gesetz vorsieht. Und niemand kann sagen, wie rasch das Inakzeptable mehrheitsfähig wird. Bei der Homo-Ehe verlief der Meinungswandel in den USA atemberaubend schnell. Wer wisse schon, was wir in 20 oder 40 Jahren ungerecht fänden, schreibt der US-Jurist William Baude. Zumal sich vielleicht zeige, «dass Mehrfachehen sehr gut für die Kinder sind, weil mehr Erwachsene die körperliche, finanzielle und emotionale Belastung aufteilen können». Aber da protestieren dann wohl die Kinder: nicht noch mehr Eltern, denen man gehorchen soll.

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