Klötzchensehnsucht

Rubik-Würfel

Formschön, raffiniert und eine knifflige Herausforderung.

Ein Designwurf ohne Wenn und Aber, vollendete Architektur in Bewegung: Der Rubik-Würfel. Foto: Thomas Egli

Ein Designwurf ohne Wenn und Aber, vollendete Architektur in Bewegung: Der Rubik-Würfel. Foto: Thomas Egli

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Ich habe mir einen Rubik-Würfel gekauft. Ich habe fünf Franken extra bezahlt, damit ich das Original bekam. Damit ich den ungarischen Würfel bekam und nicht den chinesischen. Und das nicht etwa, weil der chinesische mieser gewesen wäre, überhaupt nicht. Die pseudokommunistische Kopie war nämlich nicht nur günstiger als das spätsozialistische Original, sondern klemmte auch nicht ständig so blöd beim Drehen.

Warum die Obsession? Erstens bewundere ich den um 1975 erfundenen Original-Rubik als Designwurf ohne Wenn und Aber, als vollendete Architektur in Bewegung, als schlicht perfekte Geometrie in Neonröhrenbuntheit. Zweitens und wichtiger noch: Der Würfel weckte in mir eine Sehnsucht. Mehr schlecht als recht habe ich mich im Gymnasium mit Exponentialgleichungen und Integralrechnungen abgequält. Dem Klötzchen wohnt das Versprechen inne, all die Zahlen- und Variablentraumata vergessen zu machen. Schliesslich erfand Professor Ernö Rubik den Würfel, um seinen Studenten das räumliche Denken zu erleichtern – und setzte zugleich die ungeheure Hoffnung auf eine spielerische Mathematik in die Welt, auf eine lockere Systematisierung des zerwürfelten Chaos in uns und um uns. «In meinem Würfel stecken viele Flashs und viele Ahas», sagte der weise Meister Rubik. «Unser ganzes Leben ist ein einziges Puzzle.»

Den Würfel erstmals in der Hand, pröbelte ich euphorisch rum im trügerischen Glauben, ich könnte eine Seite nach der anderen auf monochrom stellen. Und war der Würfel nicht auch eine Art Spielzeug, gemacht für den kognitiv wertvollen Freizeitspass?

Doch natürlich war mal wieder alles schwieriger als gedacht. Auf Youtube hörte ich mir den Sermon eines selbstverliebten Schwaben an, der in seinem ganzen Leben wahrscheinlich nichts anderes zustande gebracht hat, als das Problem dieses elenden Würfels zu lösen. Für so etwas hatte ich leider zu wenig Geduld, das Erleuchtungserlebnis stellte sich partout nicht ein. Ich gebs zu, ich habe es bis heute nicht geschafft. Die Mathematik und ich, wir werden uns wohl nie verstehen. Aber schön, ja, schön finde ich den Würfel immer noch.

Tages-Anzeiger

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