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Immer den Heidschnucken nach

Wandern durch eine ursprüngliche Landschaft, fachsimpeln mit Schäfern – und Kaffee und Kuchen: Die Lüneburger Heide ist ein Refugium für jene, die zum Idyllischen ein intaktes Verhältnis haben.

Frei wie der Wind: Schnucken, die Landschaftsgärtner auf vier Beinen in der Lüneburger Heide, tun sich an der Erika gütlich. Foto: Johann Scheibner (Keystone)
Frei wie der Wind: Schnucken, die Landschaftsgärtner auf vier Beinen in der Lüneburger Heide, tun sich an der Erika gütlich. Foto: Johann Scheibner (Keystone)

«Helmut, ne Schnucke, halt mal an!» Danach eine Vollbremsung, und von hinten krachts. Solche Auffahrunfälle passieren in der Lüneburger Heide des Öftern. Denn die wahre Attraktion dieser urwüchsigen Landschaft zwischen Hamburg, Bremen und Hannover sind die Schafe, die Heidschnucken. Verwandte des Mufflons, die im Mittelalter den Weg von Sardinien nach Norddeutschland fanden und den Heidebauern als Wolllieferant und Düngerproduzent ein schmales Einkommen sicherten. Kein anderes Schaf frisst Heidekraut.

Nur wenige Strassen durchziehen das Gebiet — die Landschaft atmet Gelassenheit und auch eine gewisse Schwermut. Immer wieder hat man zwischen Mooren, Wäldern und offenen Heideflächen fantastische Ausblicke über die gewellte Landschaft der Nordheide. In den Totengrund mit seinen uralten Wach­ol­der­büschen etwa, das wohl schönste Heidetal in ganz Niedersachsen.

Alles ein grosser Flurschaden

Doch was man heute als Besucher so attraktiv findet — wenn sich im August und September mit der Heideblüte die riesigen Flächen von Erika lila färben —, ist im Grunde ein ehemaliger Flurschaden. Die grosse Salzsaline, welche die nahe Hansestadt Lüneburg ab dem 13. Jahrhundert so unermesslich reich machte, musste für den Abbau des Rohstoffs mit Holz befeuert werden. Auf dem Brachland mit den kargen Sandböden machte sich das anspruchslose Heidekraut, die Erika, breit. Und so umfasst der Naturpark Lüneburger Heide mit seinen 107 000 Hektaren heute die grössten zusammenhängenden Heideflächen Mitteleuropas. Herrlich weitläufig.

900 Schnucken sind es, mit denen der Bauer Carl Kuhlmann Tag für Tag durch die kleinräumigere Südheide streift. Ein Gebiet unweit der Stadt Celle, das viele Wanderer wegen ihrer Ruhe und Abgeschiedenheit der Nordheide vorziehen. Kuhlmann führt im Naturpark Südheide eine der acht Schafherden, die es im ganzen Gebiet inzwischen wieder gibt. Ohne die Beweidung durch die Schafe würde die Heide vergrasen und verbuschen.

Ohne die Beweidung durch die Schafe würde die Heide vergrasen.

«Der Bock ist heute nicht so gut drauf», meint Kuhlmann und zeigt auf das lahmende Hinterbein des Tieres. Kein Grund zur Besorgnis allerdings, möglicherweise hat sich der Pascha auch nur etwas übernommen. Schliesslich muss er während eines Monats möglichst viele Schafe decken, damit sie später alle zur selben Zeit ablammen. Daran, dass viele der Lämmer als zarter Schnuckenbraten und regionale Köstlichkeit in der Alten Fuhrmannsschänke in Hermannsburg serviert werden, mag man in diesem Moment nicht denken.

Kuhlmann ist Landwirt und passionierter Schnuckenzüchter; die schönsten Böcke präsentiert er an der grossen Bockauktion, die immer am zweiten Donnerstag im Juli in Müden an der Örtze stattfindet. Mit ihrem silbergrau-schwarzen Vlies und den dramatisch gewundenen Hörnern sehen die Böcke abenteuerlich aus. «2000 Euro kann so ein Prachtsbock schon bringen», sagt er.

Weil sich ganz in der Nähe, beim Bundeswehr-Fliegerhorst Fassberg, mehrere Wolfsrudel angesiedelt haben, bringt der Bauer seine Schätze jeden Abend zurück auf den Hof — sicher ist sicher. Seine beiden Altdeutschen Hütehunde leisten ihren Dienst zwar ausgezeichnet. Aber zum Schutz gegen den Wolf müsste sich Kuhlmann Herdenschutzhunde anschaffen, und die greifen eben nicht nur Wölfe an, sondern kennen auch bei Wanderern kein Pardon. In der Lüneburger Heide diskutiert man dasselbe Thema wie in der Schweiz.

Eigensinnige Schäfer

Überall in der Heide sieht man auf den gewundenen Sandwegen Wanderer, Velofahrer und Reiter mit gezückten Handys und erwartungsvollen Gesichtern, in der Hoffnung, einer Schnuckenherde zu begegnen. Denn es ist tatsächlich ein fast biblisches Bild, das sich einem mit etwas Glück bietet: violette Erika weit und breit, durchsetzt von bizarren Wacholderbüschen und filigranen Birken — und mittendrin eine Schafherde. Fast zu schön, um real zu sein.

Die Touristiker der Region wollten die Schäfer überreden, ihre Handys stets auf Empfang zu haben und ihr GPS einzuschalten, damit man sie orten kann. Eine Art Schnucken-Forecast hätte das werden sollen. Aber die eigensinnigen Schäfer wollten nicht. Die Chancen auf ein Treffen stehen bei rund 10'000 Schnucken allerdings auch ohne GPS nicht schlecht.

Karte: Lüneburger Heide

Karte vergrössern. Grafik: mrue

Bis in die 70er-Jahre wurde hier überall noch Torf gestochen. Die Kleinbauern brachten die mit Würzelchen durchsetzte Torferde im Stall aus, liessen die Schnucken ihr Geschäft darauf machen und benutzten den angereicherten Torf als Dünger auf ihren Äckern. Die Landschaft sah aus wie eine ausgepowerte Steppe. In der alten Scheunenbäckerei in Müden, einem ehemaligen Mühlengut, und in vielen anderen, rustikalen Gaststätten der Heide hängen diese Schwarzweissfotografien; sie zeugen von den kümmerlichen Verhältnissen und dem Alltag der damaligen Bewohner.

Doch die Heide hatte mit ihrer melancholischen Stimmung auch immer eine grosse Anziehungskraft — vor allem auf Künstler, die die Gegend ab 1910 besuchten und sie als Gegenentwurf zur lauten, gefährlichen Stadt romantisierten. Sie gaben der Gegend ein literarisches Gesicht. Allen voran der Heimatdichter Hermann Löns. Dass grosse Armut herrschte und hinter der windigen Kate im Wacholderbusch das Plumpsklo stand, interessierte die Künstler weniger.

Löns war vor allem von dem kleinen Ort Müden fasziniert, heute ein Weiler mit renovierten Gehöften wie aus dem Bilderbuch: «Müden ist die Perle der Südheide», schrieb er, und er hatte recht. Nur dass dort von den 2000 Einwohnern heute niemand mehr in der Landwirtschaft arbeitet, sondern hinter den schmucken Backsteinfassaden fast alle vom Tourismus leben.

Das Bauerncafé brummt

Ria Springhorn etwa. Sie ist auch heute wieder um 2.30 Uhr in der Nacht aufgestanden und hat mit zwei befreundeten Frauen mit Tortenbacken begonnen. «Sonst komme ich bis nachmittags um 14 Uhr nicht durch», sagt sie. Denn dann beginnt in ihrer Scheunenbäckerei in Müden die tägliche Kuchenschlacht. Springhorn ist offiziell gekürte «Norddeutsche Tortenmeisterin» mit TV-Erfahrung, lange lief eine Sendung mit ihr im NDR, ihre Torten sind legendär. Gross wie Jumbos, saftig und dick mit frischen Früchten bepackt, oder auch aus Buchweizen und Mohn, der Renner im Lokal, das Stück zu 3 Euro. Um 15 Uhr ist hier kein Platz mehr frei, 50 Torten werden bis 18 Uhr über den Tresen gehen. Der Schlagrahm zuoberst ist so dick, dass er ins Kippen kommt, wenn die Bedienung durch die Reihen mit den alten Samt­sofas und Bauernstühlen jongliert. Dazu gibts kannenweise Kaffee oder Tee.

Die Besucher sind Tagestouristen und Wanderer, aber auch Reisecars laden auf dem Hof verschleckte Kuchenliebhaber ab. Und Ria Springhorn wird auch morgen wieder früh auf den Beinen sein und den Teig rühren.

Die Reise wurde unterstützt von der Lüneburger Heide GmbH.

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