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God save the Sex Pistols

Johnny Rotten ist dem Punk treu geblieben, während seine ehemaligen Fans heute zum Establishment gehören. Eine Kolumne von Andreas Kunz.

Johnny Rotten. Foto: Getty
Johnny Rotten. Foto: Getty

Schön oder einigermassen gepflegt hat er noch nie ausgesehen, geschweige denn gesund. Auch nicht letzte Woche im britischen Frühstücksfernsehen, als Johnny Rotten, ehemals Sänger der Sex Pistols, mit orangem Struwwelhaar, silbernen Ohrringen und buntem Anzug auf dem Sofa sass. Doch der Mann, der einst mit Hits wie «Anarchy in the UK» oder «God save the Queen» das ganze Inselreich ­verstörte, schaffte es auch als 61-jähriger ­Alt-Punk noch immer, dem Establishment ans Bein zu pinkeln.

«Well, here it goes», sagte Rotten mit hoch gestreckter Faust, als ihn der Moderator auf das heisse Thema der Woche, den britischen Austritt aus der EU ansprach. «Die Arbeiterklasse hat gesprochen und ich bin einer von ihnen und stehe zu ihnen.» Rotten lobte nicht nur ­Brexit-Aushängeschild Nigel Farage als «fantastisch», er verteidigte auch gleich noch den neuen US-Präsidenten. Zwar sei Donald Trump ein «komplizierter Mensch», der «viele, viele Probleme» habe, sagte Rotten. Er sehe aber auch eine Chance, dass «aus der ganzen Situation etwas Gutes» entstehe, denn Trump lehre die Politiker «das Fürchten». Und genau deshalb sei der US-Präsident für ihn, den Punk, ein «möglicher Freund», ja gar eine Art «politische Sex Pistol».

Selbstverständlich liessen die Reaktionen nicht auf sich warten. Rotten, der eigentlich John Lydon heisst, mache seinem Künstlernamen («verfault, eklig, korrupt, verdorben») alle Ehre, hiess es in den sozialen Medien. Er wolle bloss provozieren, um sein neues Buch zu promoten, lästerten andere und deckten ihn, wie auf Facebook üblich, mit einer ganzen Reihe Schimpfwörter ein. Der Sex-Pistols-Sänger sorgte mit seinem TV-Auftritt für fast so viel Empörung und Ablehnung wie damals in den Siebzigern, als seine Band zum silbernen Thronjubiläum der Königin «God save the Queen» veröffentlichte. Obwohl sich die Punk-Hymne am besten verkauft hatte, setzten sie die Verantwortlichen der englischen Charts aus royalistischer Loyalität nur auf Platz 2.

Womöglich ist es typisch britische Ironie, dass die damaligen Fans der Sex Pistols heute oft selbst zum Establishment gehören, in Regierungen und Verwaltungen sitzen und vereint gegen den Brexit kämpften – während ihr einstiger Held sich noch immer als Vertreter der Arbeiterklasse sieht und als Punk im ursprünglichen Sinne: nonkonformistisch und anarchisch, anti-elitär und stets dazu bereit, die Mächtigen herauszufordern. Eine besondere Pointe dabei ist, dass das heutige ­Establishment darauf genauso selbstgerecht und humorlos­ reagiert wie in den Siebzigern das Bürgertum, das sich gegen die damaligen Aufwiegler wehrte.

Einzig die Königin bewahrte im Laufe der Geschichte immerzu ihre Gelassenheit. In den Siebzigern liess sie sich ihr Thronjubiläum von den Sex Pistols selbst dann nicht verderben, als diese auf einem Schiff namens «Queen Elizabeth» ein Konzert auf der Themse gaben und sich mit der Wasserschutzpolizei eine wilde Verfolgungsjagd lieferten. Und auch bei der Brexit-Debatte hält sie sich vornehm zurück – wobei sie laut ­unbestätigten Meldungen der britischen Presse für den Austritt aus der EU gewesen sein soll.

Vielleicht hat die Queen bei Johnny Rottens Auftritt im Frühstücks-TV sogar leise gelächelt und gedacht: «God save the Sex Pistols.»

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