Es war einmal – eine Freundschaft

Die transatlantische Beziehung, wie wir sie kannten, ist am Ende. Daran ist nicht nur Donald Trump schuld.

Sorgt für Schäden und Entfremdung bei den Beziehungen zu Europa: US-Präsident Donald Trump am Nato-Gipfel in Brüssel (2018). Bild: Keystone/Christian Bruna

Sorgt für Schäden und Entfremdung bei den Beziehungen zu Europa: US-Präsident Donald Trump am Nato-Gipfel in Brüssel (2018). Bild: Keystone/Christian Bruna

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Thomas Jefferson wird der Ausspruch zugeschrieben: «Jeder Mensch hat zwei Heimatländer. Sein eigenes und Frankreich.» Frankreich, das war die Idee von den Menschen- und Bürgerrechten, die 1789 in die Welt trat; das war Kultur. Seit dem Beginn des amerikanischen Zeitalters im 20. Jahrhundert lässt sich über jeden Menschen im Westen sagen, dass er zwei Heimatländer hat: sein eigenes und Amerika.

Der Einfluss der USA durchdrang ab Ende des Zweiten Weltkriegs alles, Politik, Wirtschaft, Kultur. Nirgendwo spürte man diesen Einfluss so stark wie in Europa. Der Friede, der Wohlstand und die Demokratie, die der Kontinent in den vergangenen 70 Jahren genoss, wäre ohne das Bündnis mit Amerika nicht denkbar gewesen. Ob es uns passt oder nicht: Ein Stück weit sind wir alle Amerikaner.

In diesen Tagen macht sich der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten mit Lust daran, diese Allianz niederzureissen. Für Donald Trump ist die Europäische Union ein «Feind». Er greift öffentlich die Regierungen verbündeter Länder an und unterstützt ihre Gegner. Er zieht die Beistandsgarantie der Nato in Zweifel, die jeden Mitgliedsstaat verpflichtet, einem anderen im Fall eines Angriffs zu helfen. In Helsinki warf er sich vor Wladimir Putin in den Staub.

Video: Trump und Putin

In Helsinki nahm der US-Präsident seinen russischen Amtskollegen in Schutz. (Video: SDA/Tamedia)

In Europa unterschätzen viele, wie stark und wie rasch sich die Identität Amerikas wandelt.

In Washington beobachten viele diese Entwicklung mit Entsetzen. «Die transatlantische Beziehung steht am Abgrund», sagt ein ranghoher früherer US-Diplomat im Gespräch. «Der Westen begeht erweiterten Suizid», schreibt der Kolumnist David Brooks in der «New York Times». «Der Point of no Return ist bereits überschritten», sagt Michael Werz, Senior Fellow am Center for American Progress. Trump beschleunigt das Ende des euro-amerikanischen Bündnisses, doch er ist nicht die Ursache dafür. Das Fundament bröckelt schon lange.

Das beginnt bei den alten amerikanischen Eliten. Seit dem in Europa verhassten Irak-Krieg von George W. Bush sind weite Teile der amerikanischen Konservativen überzeugt, dass Europa ein alter, müder Kontinent sei, geschwächt und ausgehöhlt von den angeblichen Verheerungen des Sozialismus und – neuerdings – der Masseneinwanderung. Nur noch 48 Prozent der Republikaner haben heute laut einer Pew-Umfrage ein positives Bild von der Nato. Doch mit dem jetzigen US-Präsidenten hat das nicht viel zu tun: 2009 waren es 48 Prozent, 2013 – nach der US-Intervention in Libyen – sogar nur noch 39 Prozent.

Aber auch auf der progressiven Seite interessierte man sich für Europa zusehends weniger. Unter Barack Obama, der sich als den «ersten pazifischen Präsidenten» bezeichnete – geboren in Honolulu, aufgewachsen in Indonesien –, zelebrierten diese Kreise die Hinwendung nach Asien, die immer auch eine Abkehr von Europa bedeutete.


Die Erinnerung an die gemeinsamen Wurzeln und die gemeinsame Geschichte verblasst.

Die Eliten in Europa wiederum nahmen diese Entwicklung nicht sehr ernst. Man verliess sich lange darauf, dass die Amerikaner schon wüssten, was sie an der Beziehung zu ihrem Mutterkontinent hätten – ganz im Sinn des deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der einst sagte, dass sich die Vereinigten Staaten gar nicht von Europa abwenden könnten, ohne ihre Identität zu gefährden. «Ein Amerika, das sich von Europa löste, würde aufhören, die Nation Jeffersons und Lincolns, Roosevelts, Eisen-howers und Kennedys zu sein», so Schmidt.

Doch die amerikanische Identität wandelt sich sowieso – und wie. Die Hälfte der Amerikaner, die 18 Jahre oder jünger sind, sind schon heute nicht mehr weiss. Europa, das ist nicht mehr die Heimat ihrer Eltern und Grosseltern, zu der schon verwandtschaftlich gesehen Bande bestehen. Jedes Jahr reisen weniger Amerikaner zu den Soldatengräbern ihrer Väter, die in der Erde jener europäischen Länder liegen, die amerikanische GIs einst befreit haben. Die Erinnerung an die gemeinsamen Wurzeln und die gemeinsame Geschichte verblasst.

Man wird sich noch zurücksehnen nach den Zeiten, in denen Amerika der Fixpunkt war.

Ähnliches lässt sich über Europa sagen. Eine ganze Generation von jungen Europäern – jene, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 politisiert wurden – kennt die USA vor allem als Dystopie. Amerika, das ist Guantánamo und Abu Ghraib, das sind Drohnenmorde, NSA-Überwachung und Schulmassaker.

So sieht sie aus, die transatlantische Landschaft, durch die Trump derzeit mit der Axt stapft. Er wird nicht ewig da sein, aber nimmt man seine bisherige Amtszeit zum Mass, werden die Schäden nach seinem Abtritt immens sein. Und die Entfremdung komplett.

Europa kann das nicht egal sein. Die totalitäre Bedrohung, die nach dem Ende des Kalten Kriegs gebannt schien, ist nicht verschwunden. Mit China und Russland streben Staaten nach Macht, die nichts übrig haben für Rechtsstaat, Demokratie, Freiheits- und Bürgerrechte. Steigt ihr Einfluss auf die Gesellschaften Europas, wird man sich dort noch zurücksehnen nach den Zeiten, in denen Amerika der Fixpunkt war. Nur ist es dann vielleicht zu spät.

Erstellt: 20.07.2018, 19:05 Uhr

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