«Diese Gewalt ist nicht islamisch»

Der Religionshistoriker Hans G. Kippenberg erklärt, warum sich die Jihadisten zu Unrecht auf den Koran berufen, wenn sie Massaker verüben.

Propaganda des Terrors: Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Foto: Alamy Stock Photo

Propaganda des Terrors: Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat. Foto: Alamy Stock Photo

Ein Buch von Ihnen heisst «Gewalt als Gottesdienst». Trifft der Titel auf die Anschläge der Jihadisten zu, die in Paris, Beirut oder Bamako mit «Allahu Akbar» auf den Lippen starben?
Dieser Ruf ist eigentlich ein Kriegsruf und hat an sich noch keine islamische Bedeutung. Diese hat er erst durch die Schrift «Die versäumte Pflicht» bekommen, in der dargelegt wird, dass der wirkliche Jihad sich nicht nur gegen Ungläubige richtet, sondern auch gegen die eigene Seele und gegen Satan. Es gibt zwei Arten des Jihad: Der kleine Jihad ist der kriegerische, der grosse ist jener, der um die Selbstdisziplinierung kreist.

Und dieser ist religiös motiviert?
Das ist er. Man muss sich aber in Bezug auf die Pariser Anschläge im Klaren sein, dass der sogenannte Islamische Staat, der IS, von der al-Qaida das jihadistische Element in sich aufgenommen hat. Aber der IS steht für mehr als Jihadismus, er enthält auch die alte Kriegsmaschinerie von Saddam Hussein. Man kann dem IS gerade bei Kriegsaktionen nicht generell religiöse Bedeutung zubilligen. Diese spielt mit hinein, wenn die Aktionen von Jihadisten-Anhängern der al-Qaida getragen werden, nicht aber, wenn es sich um ehemalige Soldaten und Generäle von Saddam Hussein handelt.

Spielt das Religiöse bei den jüngsten Massakern eine Rolle?
Im Prinzip nimmt der Jihadist die Schuld auf sich, den anderen zu töten, um den inneren Feind zu besiegen. Man müsste freilich mehr wissen über die Attentäter von Paris. Es gibt Schriften, in denen der IS sein Handeln dadurch legitimiert, es sei in der ersten Phase der Befreiung der Muslime von der Fremdherrschaft nötig, mit einem Massaker an den Feinden zu beginnen. Es geht darum, alle «schädlichen» Elemente aus den islamischen Gemeinschaften auszumerzen. Diese Gewalt aber ist nicht islamisch legi­timiert. Islamisch legitimiert hiesse ja immer auch, dass Frauen, Kinder und Nicht-Kämpfer geschützt werden. Fällt das weg, hat das mit dem Islam nicht mehr viel zu tun.

Dann haben die Muslime recht, die nach den Pariser Attentaten reflexartig sagten, diese hätten nichts mit dem Islam zu tun?
Das ist sicherlich richtig. Die Schriften der Jihadisten sind nur sehr äusserlich islamisch. Sie drehen sich um den Jihad, um den Kampf, der mit dem Massaker an den Feinden beginnt. Bei der al-Qaida beginnt der Kampf mit einer Reinigung der Absichten auf dem Weg zu Allah.

Die Terroristen können sich aber auf die gewaltlegitimierenden Verse des Koran berufen.
Ja. Mohammed hatte in Mekka den Monotheismus gepredigt. Als er in Medina eine Staatsgründung vornahm, sah er vor, dass seine politische Gemeinschaft durchaus kriegerisch sein kann. Das findet seinen Niederschlag in der Sure 9:5, dem «Schwertvers», wonach man Polytheisten töten soll, wo immer man sie findet. Allerdings heisst es nach dem Tötungsaufruf, dass die Polytheisten, sofern sie umkehren und das Gebet verrichten, ihres Weges ziehen sollen. Denn Allah sei barmherzig. Das Moment der Barmherzigkeit aber lassen die Jihadisten weg. Sie zitieren nur die erste Hälfte des Schwertverses, um ihre Gewalt zu legitimieren.

Kann man sagen, dass Religion, wenn sie gewalttätig ist, immer manipuliert und missbraucht wird?
Natürlich gibt es Manipulation und Missbrauch. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass Religionen immer fried­fertig sind. Es gibt Situationen, in denen alle Religionen, einschliesslich des Buddhismus, Gewalt anwenden. Und zwar dann, wenn die Existenz der religiösen Gemeinde bedroht ist. Es muss einen Konflikt geben, der selber nicht religiös ist, um aus religiösen Gründen Widerstand zu leisten.

Kann man die Gewalt der Jihadisten mit ihrem Endzeitglauben erklären: Zuerst muss alles in Schutt und Asche gelegt werden, bevor etwas Neues, das Paradies kommen kann?
«Jihad» meint in seiner ursprünglichen Bedeutung die Säuberung eines Territoriums von Fremdherrschaft und die Herstellung der islamischen Herrschaft. Etwa in Spanien, das in der Optik der ­Islamisten ursprünglich islamisch war, dann christianisiert wurde und wieder ein islamisches Land werden soll. Dazu kommt ein heilsgeschichtliches Moment, wonach am Ende der Geschichte der Mahdi auftritt, der Rechtgeleitete. Er ist eine Art Messias, der die ungerechte Welt mit Gerechtigkeit füllt. Diese im Islam stark verbreitete utopische Vorstellung ist auch der Grund, weshalb sich viele Sozialisten dem Islam angeschlossen haben.

Bevor aber der Mahdi kommt, muss alles zerstört werden?
Ja. Die Zerstörung richtet sich sowohl gegen die Fremdherrschaft als auch gegen die heuchlerischen Staatsmän­-ner, welche die muslimischen Länder befehligen.

Sind es die miserablen Lebensbedingungen in den Banlieues, die diesen heilsgeschichtlichen Endzeitglauben blühen lassen?
Wer ein echter Muslim ist und seinem Glauben die Treue bewahrt hat, dem ist das Heil in Zukunft sicher. Die Würde, die man ihm heute durch Vorurteile und Islamophobie abspricht, erlangt er am Ende der Zeiten. Am Rande der französischen Gesellschaft in den Banlieues predigen die Islamisten: Es kommt am Ende der Zeit eine Ordnung, in der die Unterdrückten und Entprivilegierten die Ersten sein werden – ob noch in diesem Leben oder im Paradies. «Die Letzten werden die Ersten sein» ist ja auch biblischer Glaube.

Und die Politisierung der Gewalt, hat auch sie mit diesem Endzeitglauben zu tun? Motiviert er private Milizen dazu, Parteien und Staaten zu gründen?
Islamischen wie christlichen Milizen gemeinsam ist das Misstrauen gegenüber dem säkularen Staat. Dieser verspricht Wohltaten für alle, unabhängig von der Religion. Das aber kann er nicht einlösen. Frankreich ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Staat die Muslime faktisch benachteiligt. Sie können die Wohltaten des säkularen Staates nicht geniessen. Dieses Misstrauen gegenüber dem säkularen Staat beseelt den gesamten Islamismus. Darum träumt er von einer islamischen Ordnung als Endzustand und nicht von einer säkularen.

Über den Islam hinaus gefragt: Ist Gewalt nicht allen monotheistischen Religionen immanent, wie der Ägyptologe Jan Assmann schreibt?
Die Auffassung, dass Monotheismus und Gewalt eine enge Verbindung eingehen und dass der Polytheismus pluralistischer, also toleranter ist, hat schon der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert nach den Religionskriegen formuliert. Im 20. Jahrhundert hat dies Carl Schmitt aufgegriffen, der die Aufgabe des Staates darin sah, das Heilsverlangen der Religionen zu neutralisieren. Es gab aber gleichzeitig eine zweite Argumentationslinie, vertreten von Pufendorf, dann von Rousseau und Kant: Danach können die Staaten mit ihrer Polizeigewalt die Moralität der Gesellschaft nicht garantieren, das kann nur die Religion. Dass die Religionen für das soziale Band der Gemeinwesen zentral sind, ist heutzutage zur dominanten Richtung in der Religionsphilosophie geworden.

Sind Religionen wirklich Garanten der Rechtsordnung, indem sie diese mit Moral füllen – oder doch eher gewaltfördernd?
Heute ist man meistens der Auffassung, dass sie in ihrer Wirkung ambivalent sind. Insofern sie das soziale Band begründen, sind sie notwendig für ein Gemeinwesen, weil der Staat allein den inneren Frieden nicht gewährleisten kann. Religionen sind aber in dem Sinne ambivalent, als sie das soziale Band auch zerstören können, wenn sie mit Versuchen konfrontiert sind, die Religions­gemeinschaft in ihrer Bedeutung zu reduzieren oder zu zerstören.

Auch durch konkurrierende andere Religionen?
Das hat mit der politischen Sektenbildung zu tun. Die führt etwa dazu, dass einer der Schia und der andere der Sunna angehört. Das begründet Feindschaft. Aber nicht notwendigerweise. Im Libanon gab es während der Bürgerkriegsjahre 17 religiöse Gruppierungen, die teils miteinander Frieden schlossen.

Dabei ist der Libanon gerade kein säkularer und religiös neutraler Staat.
Es ist im Libanon auch heute nicht so, dass eine von der religiösen Zugehörigkeit unabhängige Staatsbürgerschaft entsteht. Der säkulare Staat verspricht, er könne Frieden stiften, unabhängig von der Religion. Im religiös neutralen Staat können Religionen tatsächlich produktiv religiös und sozial sein. Sowohl der Libanon als auch Israel sind aber ein Beleg dafür, dass dort noch eine enge Bindung besteht zwischen Staatsbürgerschaft und Religion. In Israel war der Konflikt im Anfang ein politischer, als es 1967 palästinensisches Territorium besetzte. Er ist aber im Laufe der Zeit ein religiöser Konflikt geworden, indem man sich auf das biblisch versprochene Land berief. Die Palästinenser ihrerseits sagen, ihr Land sei ihnen vom Propheten Mohammed zugeteilt worden. Worüber man nicht verhandeln kann.

Dann sind die Kriege von Israel bis Syrien Religionskriege?
Es sind Kriege, die alle einen säkularen Kern haben, langsam aber zu Religionskriegen geworden sind. Im Fall von Israel galt der politische Sieg 1967 dann auch als gottgewollt. In Syrien verstand und gab sich das Assad-Regime als Vertreter eines säkularen Staates. Die Muslime aber mussten mehr und mehr erkennen, dass sie in diesem säkularen Staat nicht als gleichberechtigte Bürger anerkennt werden. Insofern fühlen sich die Muslime dort ähnlich fremd wie jene im säkularen Frankreich.

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