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«Die Statistik ist zynisch»

Der Wirtschaftsprofessor Norbert Thom kritisiert, dass bei der Altersarbeitslosigkeit falsch gemessen werde.

Der Wirtschaftsprofessor Norbert Thom kritisiert, dass bei der Altersarbeitslosigkeit falsch gemessen werde.

Laut dem Bundesamt für Statistik hat die Erwerbsbeteiligung bei den 55- bis 64-Jährigen zugenommen. Trauen Sie diesen Zahlen?

Die Statistik erfasst bereits kleinste Arbeitspensen: Wer mindestens eine Stunde pro Woche gegen Entgelt arbeitet, gilt demnach als erwerbstätig. Diese Norm hat man gewählt, um international vergleichen zu können. Ich erachte es als zynisch, jemanden mit einem extrem kleinen Pensum bereits als erwerbstätig zu betrachten. Insofern überzeugt mich die Statistik nicht ganz. Zudem fallen alle Langzeitarbeitslosen aus der Statistik zur Erwerbsbevölkerung. Diese landen bei der Sozialhilfe. Besser sind deshalb die Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherung, das ja erst kürzlich einen Anstieg der Sozialhilfequote bei den 56- bis 64-Jährigen von 1,9 auf 2,7 Prozent feststellte.

Bundesrat Schneider-­Ammann ist aber auf die ­Erwerbsquote fixiert. Ist das politische Absicht?

Man will wohl in der breiten Kommunikation nicht allzu differenziert sein, damit die gute Nachricht der steigenden Erwerbsbeteiligung auch wirklich ankommt.

Eine Stunde pro Woche reicht, um als erwerbstätig zu gelten, was sagt dies über die Unterbeschäftigung?

Dafür bräuchte es detaillierte Untersuchungen und nicht bloss die schematische Erfassung durch das Bundesamt für Statistik. Man geht also nicht von der Realität aus: Wie viele ältere Menschen müssen in Teilzeit arbeiten, obwohl sie mehr arbeiten und verdienen würden? Es fällt auf, dass die Schweiz im internationalen Vergleich sehr viele Teilzeitbeschäftigte hat. Hierzulande gibt es zahlreiche ältere Frauen, die von kleinen Pensen leben müssen. Das wird problematisch.

Laut dem Arbeitgeberverband gib es keine grosse Altersdiskriminierung in der Schweiz. Stimmt das?

Eine systematische Diskriminierung ist immer schwer zu beweisen. Dies wird sich angesichts der aktuellen Debatte auch kaum mehr ein Unternehmen trauen. Unsere Forschung an der Universität Bern zeigt, dass es noch eine verbreitete Altersdiskriminierung gibt. In den untersuchten Firmen existierten für ältere Arbeitnehmende weder Laufbahnberatungen noch Weiterbildungen. Viele ältere Menschen werden einfach auf weniger interessante Posten abgeschoben, bis sie ihre Arbeitsmarktfähigkeit definitiv verlieren.

Was halten Sie von der gestern getroffenen Massnahme, dass sich ältere Mitarbeiter Gedanken über ihre Berufsituation machen sollen?

Das sind absolute Minimalforderungen. Es sollte selbstverständlich sein, dass der Arbeitgeber mit älteren Arbeitnehmenden einmal im Jahr eine Standortbestimmung macht. Natürlich muss auch der Mitarbeiter selbst über seine Zukunft nachdenken und sich entsprechend weiterbilden. Das ist eine beidseitige Pflicht. Da würde ich viel schärfer vorgehen.

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