Der spektakuläre Wandel der Landschaft

Hat die Landschaft eine Geschichte? Klar, sagt Historiker Jon Mathieu, Herausgeber einer Langzeitstudie der Schweizer Landschaft von der Eiszeit bis heute.

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Herr Mathieu, wo gibt es in der Schweiz noch unberührte und ursprüngliche Landschaft?
Jon Mathieu: Das Bild der unberührten Landschaft halte ich für ein einseitiges, vom Menschen sonderbar losgelöstes Bild. Landschaft ist immer schon ein Stück wahrgenommene und genutzte Natur. So gesehen gibt es also gar keine unberührte Natur.

Ist das nicht eine Wortklauberei? Es gibt doch in den Hochalpen unwegsame Natur, wo kaum je ein Mensch hinkommt.
Klar gibt es Natur, wo der einzige Eingriff des Menschen darin besteht, auf einen Berggipfel zu klettern. Die Schweizer Alpen sind aber schon seit dem 16. Jahrhundert humanisiert.

Auch oberhalb von 3000 Metern über Meer?
Der Steinzeitjäger Ötzi wurde im Südtirol auf 3200 Metern über Meer gefunden. Die Chance ist klein, in unseren Bergen irgendwo hinzukommen, wo noch nie jemand war.

Aber es gibt doch unberührte Urwälder, etwa im Muotatal.
Ja, es gibt unterschiedlich alte Waldbestände. Aber als Historiker verstehe ich die Natur als ­etwas Dynamisches. Die Vorstellung eines Urzustandes kommt mir befremdlich vor. Auch einen Urzustand der Gesellschaft gibt es nicht, und die Stiftung Pro ­Specie Rara kann kein Urschaf zurückzüchten. Die Vorsilbe «ur» fixiert etwas, das es so nie gab. Alles ist dem Wandel unterworfen.

Okay. Aber eine Alpwiese mit hoher Biodiversität ist naturnäher als eine agrarische Monokulturlandschaft, einverstanden?
Der Begriff Biodiversität wird vor allem seit der UNO-Umweltkonferenz von 1992 in Rio de Janeiro verwendet. Dahinter steht eine Art Quantifizierung der Natur durch Zählen der Arten. Es ist noch keine Aussage über Naturnähe. Auch eine von Menschen gepflegte Kulturlandschaft kann eine hohe Biodiversität haben.

Sie rauben mir all meine Illusionen über die echte Landschaft.
Ich will Ihnen einfach vermitteln, dass die unversehrte Natur eher eine Idee als eine Realität ist. Aber mit Ihrer Sehnsucht nach unberührter Natur sind Sie in guter Gesellschaft. Diese entspringt der Wilderness-Bewegung aus den USA. Die US-Romantiker ­erhoben im 19. Jahrhundert die Weiten des Westens zum Nationalsymbol und zum Gegenbild der degenerierten Zivilisation. Diese Wildnis-Idee erreichte dann auch Europa und die Schweiz. Rund um die Idee der unversehrten Natur ist ein glo­baler Diskurs entstanden, der sehr erfolgreich ist: Fast 12 Prozent der Erdoberfläche sind heute geschützte Naturzonen.

Enthält auch das von Ihnen mitherausgegebene Buch über die Geschichte der Schweizer Landschaft eine positive Botschaft? Oder ist es die Chronik einer fortgesetzten Naturzerstörung?
Wir erzählen keine Geschichte des Niedergangs. Unsere Absicht ist es, die Geschichte der Landschaft möglichst genau darzustellen und nicht zu werten. Urteile überlassen wir den Lesern. Wir deuten aber an, dass sich auch die stark besiedelte Landschaft des Mittellandes weiterentwickeln lässt. Indem man etwa die Grünbereiche zwischen den Siedlungen gestaltet. Man kann da aus der Geschichte der Gartengestaltung lernen, die im Buch auch vorkommt.

Jon Mathieu (64), Historiker und Alpenkenner in Burgdorf und an der Uni Luzern.

Macht Ihr Buch Imagepflege fürs Mittelland?
Ein Buch über Landschaft kann das Mittelland nicht einfach als verloren und verunstaltet auf­geben. Wir plädieren für eine bewusste Wahrnehmung des Mittellandes und natürlich auch der Städte. Wir ergehen uns nicht bloss in der touristischen Bewunderung der schönen Alpen. Wir wollen das Schöne und das Nützliche, die Freizeit- und die Alltagslandschaft verbinden. Das hat übrigens schon der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller gemacht, der entgegen seinem Ruf nicht nur ein Entdecker und Bewunderer der Alpen war, sondern auch Hollands intensive Landwirtschaft rühmte.

In der Schweiz wird pro Sekunde ein Quadratmeter Boden verbaut, und doch ist die Landschaft nicht verunstaltet wie im Grossraum Mailand. Warum nicht?
Mailand wuchert ins Land hinaus und bis ins Mendrisiotto hinein. Die Italiener sprechen von der «città diffusa», der verstreuten Stadt. Die gibt es in der Schweiz so nicht. Es gibt zwar kaum eine leere Region, in der man kein Haus sieht, aber es gibt auch im verbauten Mittelland Landschaftsstücke, begrünte Zwischenstücke.

Wirkt sogar die verbaute Schweiz auf Touristen schön, weil sie so aufgeräumt und wohlgeordnet ist wie ein Legoland?
Interessante Hypothese! Schon in Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert wurden die Ordnung und die Sauberkeit der Schweiz gerühmt. Ein Geheimnis der Schweizer Landschaft ist auch das Wasser. Das chinesische Wort für Landschaft – «shanshui» – bedeutet Berg und Wasser. Was wäre die Schweiz ohne ihre Seen, was wäre Bern ohne die Aare?

Leidet die Schweiz, wenn schon, an einer Siedlungsverzettelung durch Einfamilienhäuser?
Die dezentrale Besiedlung ist viel älter als das Einfamilienhaus. Im Mittelalter entstanden im Mit­telland zahlreiche kleine Stadtkerne. Diese dezentrale Struktur spürt man trotz dem enormen Stadtwachstum bis heute. Es gibt immer noch ein Tauziehen zwischen konkurrierenden Zentren, und es gibt keine zentrale Schweizer Metropole wie Paris oder München. Die Schweiz war lange antistädtisch gesinnt. Der Landesplaner Armin Meili bezeichnete das Mittelland 1933 als dezentrale, lineare Grossstadt. Das war eine Kompromissformel, die Stadt und Land verband.

Was waren im Laufe der Geschichte die massivsten Eingriffe in die Schweizer Landschaft?
Starke Eingriffe erfolgten in verschiedenen Zeitabschnitten. Zuerst wurde vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert viel Wald gerodet, um urbare Flächen, Brennholz oder Baumaterial zu ge­winnen. Im 19. Jahrhundert folgten Gewässerkorrektionen in der Linthebene und vor allem im ­Seeland, wo grossflächige Sumpfgebiete in Gemüsefelder verwandelt wurden. Stauseen entstanden erst im 20. Jahrhundert. Und auch die Eisenbahn und derStrassenbau frassen erst im 20. Jahrhundert für Rangierbahnhöfe, Autobahnen oder Parkplätze wirklich grosse Flächen. Interessanterweise wird der Wandel der Landschaft oft mit Autobahnbildern illustriert.

Weil die Autobahn die Landschaft brutal zerschneidet?
In der Tat ist das Mobilitätswachstum der letzten 30 Jahre einer der wichtigsten Faktoren. Die Verkehrsanlagen brauchen nicht nur unmittelbar Land. ­S-Bah­nen und Autobahnanschlüsse haben auch einen Distributionseffekt, der die Agglomerationsbildung vorantreibt.

Von allen grossen Schweizer Hauptbahnhöfen aus sieht man Wald. Geht es ihm trotz jahrhundertelanger Rodung gut?
Eine schöne Beobachtung, die den Historikern oft entgeht. Obwohl ein Drittel des Schweizer Territoriums Wald ist, fehlt er in vielen Büchern über die Schweizer Geschichte. Dabei ist die ­Geschichte des Schweizer Waldes ziemlich spektakulär. Das Frühmittelalter war die Epoche des Waldes, er bedeckte fast das ganze Mittelland. Was die wenigsten wissen: Seinen Minimalbestand verzeichnete der Wald im 19. Jahrhundert, als er durch die Holzwirtschaft am stärksten gerodet wurde. Heute aber wächst der Wald wieder.

Wo denn?
Auf der Alpensüdseite hat sich die Waldfläche in den letzten 120 Jahren verdoppelt, in den Voralpen hat er um 10 bis 25 Prozent zugenommen. Nicht mehr bewirtschaftete Alpen und Täler wachsen zu. Auch im Mittelland hat der Wald nicht abgenommen.

Wieso sind Rodungen wie die für das Projekt Waldstadt am Rand der Stadt Bern tabu, wenn es dem Wald so gut geht?
Wald nahe am Siedlungsgebiet geniesst zu Recht eine höhere ­Legitimität des Schutzes, weil er ein wichtiges Naherholungsgebiet ist. Wenn Sie sagen, Rodungen seien tabu, sprechen Sie das strenge Schweizer Forstpolizeigesetz von 1902 an. Es war ein starker Eingriff des Bundes in die Hoheit der Kantone und der Holzwirtschaft. Die Rodung wurde streng reglementiert und die Wiederaufforstungen als Ersatz verlangt. Für Lawinenschutzwälder war das wichtig.

Wurde der Wald durch dieses Gesetz auch unantastbar?
Früher wusste man nicht genau, wo der Wald beginnt und wo er aufhört, es gab lichte, bearbeitete Wälder und dichte Wälder. Der Waldrand war oft keine klare ­Linie. Das Forstgesetz beendete diese Vielfalt. Entweder ist etwas nun Wald oder nicht Wald.

In Alpentälern sind der Wald und der Wolf auf dem Vormarsch, dennoch ist es tabu, ein bewohntes Tal aufzugeben. Das ist doch ein Widerspruch.
Die zentrale Frage ist die, wer ­dazu legitimiert ist, die Preisgabe eines Tals zu verlangen. Dürfen urbane Architekten vom Roche Tower in Basel aus predigen, man müsse jetzt das Calancatal räumen, um Strassenbausubventionen zu sparen? In erster Linie müssen doch die Bewohner des Tals selber entscheiden, ob sie den Rückzug wählen wollen. Man kann eine ganze Bevölkerungsgruppe, die dort lange gelebt hat, nicht Knall auf Fall aus dem staatlichen Schutz entlassen.

Sagen Sie das als Bündner, der aus einem hoch subventionierten Alpenkanton stammt?
Dass die Alpenregionen hoch subventioniert sind, ist ein Klischee in den Köpfen, das empirisch nicht belegt ist.

Es gibt Zahlen über die Abhängigkeit der Bergregionen vom Flachland. Man will sie aber nicht wahrhaben, weil sie den nationalen Zusammenhalt infrage stellen könnten.
Die Methode dieser Rechnungen ist umstritten. Die touristischen Leistungen der Bergregionen fehlen darin oft. Überdies sind die Subventionen für ein Calancatal klein im Vergleich zu politisch hoch gehaltenen Pharmapreisen oder zur Milliardensubvention für die Eidgenössischen Technischen Hochschulen.

Das ändert nichts an der wirtschaftlichen Schwäche der Bergregionen. Könnten dort die neuen Naturparks die Landschaft zum Business machen?
Tourismus ist in den Bergen immer ein Geschäft mit der Natur. Und der Schweizer Tourismus hat immer schon auf schöne Landschaften gesetzt. Ihr öko­nomischer Effekt ist aber schwer zu beziffern.

Soll es einen ökonomischen Effekt geben, darf man die Landschaft wohl nicht einfach unter eine Käseglocke stellen.
Die heutigen Naturparks sind, anders als einst der Schweizer Nationalpark, offener konzipiert. Da geht es auch um nachhaltige Entwicklung. Die Naturparks werden verständlicherweise ge­gen aussen als Naturschutz, ge­gen innen in der betroffenen ­Region aber als touristisches ­Geschäft angepriesen. Aus diesen zwei Ansichten ergibt sich auch eine Debatte, wie zugänglich ein Naturpark und wie streng der Naturschutz sein sollen.

Ihr Buch beleuchtet viele Aspekte der Landschaft. Was ist seine Botschaft? Dass die Zersiedlung gestoppt werden muss? Oder dass alles halb so schlimm ist?
Unser Buch gehört nicht zur politischen Anweisungsliteratur. Es gibt ja genug Landschaftspoli­tiker, die die Zersiedlung thematisieren. Wir treten einen Schritt zurück und zeigen die Landschaft als historischen Prozess. Sie ist immer im Wandel, und jede ­Epoche wird durch eine vorherige Epoche geprägt. Wir spielen nicht Stadt gegen Land oder Natur gegen Technik aus. Uns interessiert die Stadtlandschaft genauso wie die legendäre Berglandschaft.

Begeben Sie sich auf eine interaktive Zeitreise der Landes­topografie durch die Schweizer Landkarten seit 1844.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Erstellt: 21.03.2016, 13:56 Uhr

Das Cover zum Buch. (Bild: Stämpfli-Verlag)

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Was hat die Schweizer Landschaft am stärksten umgestaltet? Die Landwirtschaft? Die zahllosen Einfamilienhäuser? Staumauern? Der Autobahnbau? Die Herausgeber der ersten Schweizer Landschaftsgeschichte würden zuerst die Eiszeit nennen, die das Mittelland, sanfte Hügel und Seen geformt hat. Von den menschlichen Eingriffen würden sie wohl die jahrhundertelange Waldrodung erwähnen.

Verkehrswege, würden sie sagen, hätten sich lange der Landschaft angepasst, erst seit 150 Jahren müsse die Landschaft Verkehrswegen weichen.
Die im Orell-Füssli-Verlag erscheinende Landschafts­geschichte entfaltet eine faszinierende Langzeitdynamik.

Erst schwebte den Autoren der Untertitel «20?000 Jahre Wandel vor». Der Sammelband mit Beiträgen vieler Autorinnen und Autoren beschreibt die landschaftlichen Veränderung in drei Epochen: in der Waldepoche nach dem Zurückweichen der eiszeitlichen Gletscher, in der Besiedlung und agrarischen Nutzung bis in die frühe Neuzeit und in der urbanisierten Moderne.

Mathieus Buch ist mehr als eine Zeitreise, es ist auch eine Tour d’Horizon durch verschiedene Landschaftsdisziplinen: von der Siedlungs- und Verkehrsgeschichte zur Kartografie, zur Landschaftskunst, zum Gartenbau bis zum Natur- und Heimatschutz.

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