Das Monster von Rom

Von allen europäischen Hauptstädten hat das ewig schöne Rom die traurigsten Vororte. Verlassen, vernachlässigt, verachtet. Ein Tag in Tor Bella Monaca, der Römer Bronx.

Tor Bella Monaca, kurz TBM, ist das Resultat aus anarchischem Wachstum und korrupter Stadtpolitik. Foto: LUZphoto, Fotogloria

Tor Bella Monaca, kurz TBM, ist das Resultat aus anarchischem Wachstum und korrupter Stadtpolitik. Foto: LUZphoto, Fotogloria

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Ortstafeln sind wie Willkommensgrüsse, normalerweise. In Tor Bella Monaca hat jemand mit schwarzem Spray die letzte Silbe abgeändert. Ein kleiner Eingriff, eine Deutung. «Tor Bella Monster», steht da auf dem Schild. Mehr Warnung als Gruss. Hierher kommt man nicht, wenn man nicht muss.

«Pass auf, wenn du hinfährst», hatte der Lokalchef der Römer Zeitung «La Repubblica» gesagt, «aus dem Zentrum Roms nach Tor Bella Monaca sind es nur 25 Kilometer. Aber man reist da in eine andere Welt, in unsere eigene Dritte Welt. Der Staat kontrolliert dort nicht alles.» Tor Bella Monaca ist immer noch Rom, Osten der Stadt, wo die Sommerresidenz der Päpste steht, VI. Bezirk, 150'000 Einwohner auf engem Raum. Und doch weit weg, hohe Kriminalitätsrate, ein Haufen Drogen, 250 Sträflinge unter Hausarrest, noch mehr Familien mit Mitgliedern im Gefängnis. Und viel Armut, existenzielle Armut. Ausfahrt 18 auf dem Grande Raccordo Anulare, der grossen Ringstrasse Roms. Die Römer nennen Tor Bella Monaca auch «unsere Bronx». Oder TBM: ti-bi-emme.

Camorra und ’Ndrangheta vor Ort

Die Sonne brennt schon am Morgen weiss und sengend auf den Lunapark – den Vergnügungspark, der da vor sich hin rostet. Ein heisser Wind treibt Plastiksäcke durch die Strassen, durch die Schluchten mit ihren Plattenbauten in Turmhöhe, den «torri». Am Gemeindehaus hängen eine italienische und eine europäische Fahne, fahl und verblichen, als gehörten sie nicht hierher. An der Mauer hinter einem Verkehrskreisel hat Chiara ihre aussichtslose Sehnsucht hingesprayt: «Ich sterbe vor Verlangen, dir noch einmal in die Augen zu schauen.» Verewigt, samt Schreibfehler. Überall Trauer. Auch im «Ciao Fratello», das auf einer Brücke steht, «Ciao Bruder». Und im vertrockneten Blumengesteck an einer Kreuzung.

«Man lässt mich gewähren. Das war nicht immer so.»Don Francesco de Franco, Pfarrer

«In meiner ersten Amtswoche in Tor Bella Monaca», sagt Don Francesco De Franco, seit drei Jahren Ortspfarrer, «gab es drei Beerdigungen.» Der 18-jährige Sohn eines neapolitanischen Drogenbosses war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, ein 50-Jähriger hatte sich erhängt, ein Jugendlicher war an einer Überdosis Heroin gestorben. «Der Boss wollte, dass sein Sohn mit Pferd und Karren zur Kirche gebracht wird, alle Medien berichteten darüber, ein grosses Spektakel war das.» In der Kirche Santa Maria Madre del Redentore, einem futuristischen Bau, sass dann die ganze «malavita» von TBM, die Familien des organisierten Verbrechens, 450 Leute mit Verbindungen zur kampanischen Camorra und zur kalabrischen ’Ndrangheta. «Die Fehler der Väter fallen nicht auf die Söhne», sagt Don Francesco. Auch deshalb ist er eine Institution, in Jeans und Sandalen. Er predigt keine billige Moral. Stattdessen verteilt er Esspakete, Hunderte jeden Monat, bezahlt aus dem Fonds der Caritas Strom- und Gasrechnungen für die Bedürftigsten, holt die Kinder der Häftlinge zum Fussballspiel, zum Tanzkurs, zur Schulnachhilfe in die Pfarrei, bringt sie ins Sommerlager in die Berge. Und zuweilen hält er die Messe im Freien, zwischen den Plattenbauten. «Man lässt mich gewähren», sagt Don Francesco, «das war nicht immer so.» Dem Staat und seinen Vertretern traut in TBM niemand mehr. Da bleibt nur der Pfarrer als Referenz, als Autorität. Den Rechtschaffenen in diesem gottverlassenen Ort bleibt nur Gott.

Symbol aller Utopien und Fehlleistungen

Keine Hauptstadt im westlichen Europa hat traurigere, schmutzigere, gesetzlosere Vorstädte als das schöne, ewige Rom, dieser Sehnsuchtsort so vieler Touristen. Ein hässlicher Kranz, rund um die Stadt. Wie Ölflecken ist die Suburbia gewachsen. Und TBM ist die Peripherie der Römer Peripherie. Das Symbol aller Utopien und Fehlleistungen der Urbanisten und Architekten. Das Resultat aus anarchischem Wachstum und korrupter Stadtpolitik. Ein Vorbote auch von Mafia Capitale. Ein Monster eben, knapp jenseits der Ringstrasse, die wie eine Demarkationslinie wirkt zwischen da und dort, zwischen drinnen und draussen, zwischen den Mythen der «borghesia», des Bürgertums in den Palazzi im Zentrum, und den dunklen Mythen der «borgatari», der Bewohner der Vororte.


Pier Paolo Pasolini war der Poet der Römer Peripherie. Dort fand er 1975 auch seinen Tod. Foto: Getty Images

Welten liegen da dazwischen, mindestens zwei. Zwischen Federico Fellinis Film «Dolce vita», der die auch schon in die Tage gekommene Schönheit und Leichtigkeit der Stadt feierte, und Pier Paolo Pasolinis Roman «Ragazzi di vita», einer kruden Hymne des grossen Intellektuellen, Schriftstellers und Filmemachers auf die Römer Peripherie im Boom der Fünfziger, als diese wild wuchsen und explodierten, bevölkert von armen Zuwanderern aus der inneren Emigration – aus Sizilien, Kalabrien, Apulien, Kampanien, aus dem Süden des Landes. Pasolini war fasziniert von den «borgate». Er sah in ihnen die Fortsetzung des ruralen Lebens, das er aus dem Friaul kannte. Er beschrieb es mit seinem Realismus, zoomte die Figuren so nahe heran, dass sich die Abgründe des Menschseins öffneten – des primitiven und subproletarischen, wie er es nannte. Er mochte diese Echtheit. Die Dialoge fasste er in den römischen Dialekt, den er in allen lieblichen und vulgären Deklinationen studierte. Pasolini war, neben vielem mehr, der Poet der Römer Peripherie. Vor 40 Jahren, im Herbst 1975, wurde er in Ostia umgebracht. Drinnen, im Zentrum der Stadt, hängen nun Poster fürs Gedenken. Draussen, in Corviale und Laurentina 38, in San Basilio und Tor Bella Monaca, in seiner Welt, hängen keine Poster von Pasolini.

«Ist das Rom?», fragt Massimo Musumeci, der Präsident eines Quartiervereins in TBM, «sag mir, ist das Rom?» Er geht voran, runter, in den Keller von «R3», seinem Wohnblock. Am Boden steckt eine Spritze in einer weissen PET-Flasche. Kerzengerade, als hätte sie der Süchtige nach dem Schuss mit Bedacht gesetzt. Wie ein Ausrufezeichen liegt sie da, vielleicht ein Hilferuf, ein Stillleben der Misere. Es stinkt so erbärmlich nach feucht moderndem Unrat in diesem Keller, nach eilig verrichteter Notdurft auch, dass man es nur einige Sekunden aushält. Da unten stehen auch die Sicherungs­kästen der Wohnungen. Im Dunkeln. Türen hat es keine, da kann jeder rein, die Schalter umlegen. In einer Ecke des Kellers liegt eine alte Matratze. Sie dient noch.

«Noch habe ich keinen Mist gebaut, noch bin ich sauber, aber nur dank meiner Frau.»Massimo Musumeci, Präsident Quartierverein

Arm sind sie alle hier, immer gewesen oder in der Wirtschaftskrise geworden, die meisten ohne Perspektiven. Viele leben von kleinen Pensionen, 270 Euro, Invalidenversicherungen, Arbeitslosengeldern. Oder von Gelegenheitsarbeiten, der Suche nach Alteisen. Und Kupfer. Kupfer ist einträglich. Die Roma suchen auch nach Kupfer, klauen es von den Bahnlinien, schmelzen es in illegalen Giessereien. Da geraten sie an die Italiener aus den Vororten. An Valentino etwa, um die 55, eine falsche Rolex am Handgelenk. Er sagt, er schäme sich nicht, jeden Morgen mit einem Lieferwagen durch die Quartiere zu fahren, wie ein Vagabund: «Was bleibt uns denn sonst? Der Staat schenkt uns nichts.» Dafür werfe der Staat den Immigranten Geld aus den Fonds hinterher. Er sei kein Rassist, sagt Valentino, er ärgere sich nur über den Staat. «Er nötigt uns Italiener, in den Containern zu wühlen.» Arm gegen arm.

«Torre Angela: Das klingt besser»

Wer von hier kommt, steht nicht gerne dazu. Die junge Grazia, Mitte 20, erzählt, dass sie bei Stellenbewerbungen immer sage, sie komme aus Torre Angela. «Das klingt besser.» Torre Angela liegt gleich neben Tor Bella Monaca, in Sichtweite, ebenfalls äusserste Peripherie, dieselben Probleme. Aber ohne Monsterruf, ohne tägliche Erwähnung in den Abendnachrichten. TBM hängt wie eine Zentnerlast an den Menschen aus TBM.

Da kommt es schon vor, dass der Lockruf der Mafia unwiderstehlich süss klingt. Wer bei sich daheim für die Clans Stoff aufbewahrt, verdient in TBM bis zu 4000 Euro im Monat: Heroin, Kokain, Cannabis. Der harte Stoff bringt mehr. Wer für die Mafia Wache steht, die Strasse sichert, die Ankunft der Polizei meldet, der schafft es am Tag auf 100 Euro. Wie in Scampia, dem Vorort von Neapel. Man nennt sie «pali», «Pfosten». Die Bosse fahren teure Autos, fein poliert, die sie zwischen den staubigen, verbeulten Wagen an der Via dell’Archeologia parkieren, gleich hinter dem «R3», zwei Kilometer lang, eine Strasse voller Schlaglöcher und ausgebrannter Abfallcontainer. Sie ist im ganzen Land als «Supermarkt der Drogen» bekannt. Die Kunden kommen auch aus den guten Vierteln Roms, aus Parioli und Prati, aus dem historischen Zentrum. Ab neun Uhr abends ist hier keiner mehr zugange, der nichts mit dem Milieu zu schaffen hat. Wäre zu gefährlich. Manchmal bringen sie sich gegenseitig um, Abrechnungsmorde, Kampf ums Territorium mitten im schlecht beleuchteten Wohngebiet, gerade hell genug fürs Dealen.

«Auch das ist Rom, Caput Mundi», sagt Massimo Musumeci, der Betreiber des Quartiervereins, «schau es dir gut an.» Er ist 40, ein hagerer Sizilianer in Flipflops und weit offenem Hemd, arbeitslos. Als er sein «comitato» gründete, nannte er es «Tor Bella Monaca Rinasce», «Tor Bella Monaca aufersteht». Das war vor fünf Jahren. Am Kongress der Rechten, an dem sie wieder einmal grosse Projekte für Tor Bella Monaca vorstellten, habe er geweint, so ergriffen war er. «Ehrlich, Tränen hab ich geweint! Auch Silvio Berlusconi war da. Ich glaubte daran.» Alles sollte besser werden, dank einem Milliardensegen. Musumeci war so angetan, dass er für die Eintragung seines Vereins ins städtische Register 137 Euro bezahlte. Viel Geld, mehr als vier Monatsmieten. Tor Bella Monaca, sagt er immer wieder, könnte ja so schön sein. Die Renaissance aber blieb aus. Er liess sich feste Werte auf den rechten Arm tätowieren, die Initialen seiner Frau, den Namen seiner neunjährigen Tochter. Und das Wappen der AC Milan auf die linke Wade. «Noch habe ich keinen Mist gebaut, noch bin ich sauber, aber nur dank meiner Frau. Hey, Deborah, komm mal rüber, rede auch du mal mit dem Journalisten.» Deborah mag nicht, lächelt verlegen. Sie bringt die Familie durch, sie schneidet den Nachbarn die Haare, daheim. «Sie ist meine Rettung», sagt Musumeci. Die Nachbarn aber hoffen auf ihn, als Retter.

Gebaut wurde so billig wie nur möglich

Alle kennen ihn, «Ciao Ma’», alle tragen ihm ihre Klagen vor, die er dann in den Gemeinderat mitnehmen möge, um für sie zu lobbyieren. Eine harte Arbeit, vielleicht die härteste überhaupt. Die baufälligen Gebäude mit ihren kalten Chiffren «R1», «R2», «R3», «R9», «R11» und das berüchtigte «R5», ein besonders dekadenter Schlangenbau, gehören der Stadtverwaltung. Sie müsste sich um sie kümmern, sie instand halten. Doch das tut sie nicht. Gebaut wurde TBM zwischen 1980 und 1983 in einem Kraftakt des damaligen Bürgermeisters, Luigi Petroselli vom Partito Comunista. «Piano di zona 22» war ein löblicher Plan. «Mit dem Bau der Sozialwohnungen», sagt Paolo Boccacci, der drei Bücher über den Raubkapitalismus und die groteske Korruption beim Bau der römischen Peripherien geschrieben hat, «sollten jene Menschen endlich einigermassen würdige Unterkünfte erhalten, die in den Barackenlagern von Tor Bella Monaca lebten.» Sie waren nicht die Einzigen. Bis in die Achtziger lebten in Rom Zehntausende Menschen in den Bögen antiker Aquädukte, in Verschlägen unter Brücken, in Zelten. Einfach irgendwie. Mehr Mumbai als Rom. Petroselli liess die Baracken abreissen und siedelte die Bevölkerung um.

Doch wie so oft in der Geschichte der Römer Stadtplanung ging man viel zu hastig vor, unterliess es dabei, die nötigsten Infrastrukturen zu bauen. In anderen grossen Städten, etwa in Paris, bauten sie zunächst die Strassen zu den neuen Banlieues, die U-Bahn, die Schulen, legten die Leitungen für Wasser und Strom, die Abwasserkanäle. Dann erst kamen die Wohnhäuser. In Rom lief es meistens umgekehrt. Und es lief nie gut. Die Arbeiten wurden immer an die gleichen Familien vergeben, an die Römer Bauunternehmer Caltagirone und Toti, an die Scarpellinis und Bonifacis, die das Hinterland mit feinem Sinn für die eigene Bereicherung und mit hässlichen Zweckbauten zubetonierten. Sie gingen immer gleich vor, kauften billiges Ackerland an zweitklassiger Lage, liessen es von ihren befreundeten Politikern im Stadtrat in Bauland umzonen. Und bauten, bauten, bauten für die Stadt. «Bäume und Plätze planten sie nur selten ein», sagt Boccacci, «die trugen nichts ein. Doch ein italienisches Viertel ohne Piazza ist ein Ort ohne Identität. So wachsen nur Ghettos, Dormitorien am Stadtrand.» Und gebaut wurden sie so billig wie nur möglich. Fürs Subproletariat da draussen.

Waren die Häuser mal fertig, überliess man sie der Anarchie, den Besetzern. Auch die Musumecis besetzten ihre Wohnung fast zehn Jahre lang, ohne Miete zu bezahlen. Wie die meisten. Nun haben sie einen Vertrag, «ganz regulär», zahlen 30 Euro im Monat. Don Francesco, der Pfarrer, erzählt von alten Menschen, die Angst hätten, ihre Wohnung zu verlassen, etwa für einen Besuch im Krankenhaus, weil sie ihre Möbel bei der Rückkehr im Hausflur wiederfinden könnten. Verdrängt von Besetzern, die jede Bewegung belauern.

Verzogen vom sorglosen Staat

Manche Häuser in Tor Bella Monaca haben so tiefe Risse in den Fassaden, dass man beim blossen Hinschauen um ihre Stabilität fürchtet. In den meisten sind die Aufzüge kaputt. Und da in TBM auch viele behinderte Menschen leben, die sich nichts Besseres leisten können als eine Sozialwohnung in TBM, steht oft nicht nur die Würde auf dem Spiel, sondern auch das Leben. Es ist, als wäre Tor Bella Monaca der Stadt egal, ein Nichtort mit unverbesserlichem Ruf, schade um die Investition. So jedenfalls kommt es den Bewohnern vor. Sie fühlen sich verlassen, vernachlässigt. Und so geben sie sich auch: resigniert, verzogen vom sorglosen Staat, auch ein bisschen selbstmitleidig. Beinahe ginge da ver­gessen, dass die Tristesse, in der sie leben, auch selbst gemacht ist.


Silvio Berlusconi versprach hier am Stadtrand einst die Renaissance. Sie blieb aus. Foto: LUZphoto, Fotogloria

Auf dem quadratischen Platz an der Via Brandizzi, vor dem «R3», steht der Abfall knöcheltief. Ihr Abfall. Flaschen und Papier, Plastikteller, Essensreste, Zigarettenstummel. Eine Matte, flächendeckend. Die städtische Müllabfuhr ist schon lange nicht mehr vorbeigekommen. Und mittendrin in diesem Dreck, in diesem Elend aus einer anderen Welt, spielen kleine Mädchen in ihren rosa Kleidchen, die ihnen die Eltern in den chinesischen Läden von Tor Bella Monaca gekauft haben, im «Extasy» oder im «Vogue», im «Strike» oder im «Queen Elena» und fahren auf ihren rosa Fahrrädern. Vanessa schaut ihrer Noemi zu, die da über den Platz rennt, immer wieder hinfällt, in den Müll greift und weiterläuft. «Sie nimmt die Hände in den Mund», sagt die Mutter, «manchmal liegen da auch Spritzen. Das macht mich sprachlos vor Wut und Angst.» Drei Jungs, vielleicht zwölf Jahre alt, donnern mit Motorrädern für Erwachsene vorbei. Kümmert niemanden. Sie fahren auch noch ohne Helm. Hier fahren alle ohne Helm Motorrad. Die Polizei, und das ist vielleicht die Höchstform der staatlichen Verachtung, teilt keine Bussen aus. In den Bars wird geraucht, trotz Rauchverbot, ebenfalls straflos. Das Monster, es ist egal.

«Es könnte so schön sein»

Die Anwohner haben einen jungen Mann angestellt, dem sie einige Euro geben, damit er ihren Müll auf der Piazza wegkehrt. Heute ist sein erster Arbeitstag. Sie zogen ihm eine orange Jacke über, damit es offiziell aussieht. Er steht schon seit zwei Stunden auf der anderen Seite des Platzes, aufgestützt auf seinen Besen – und redet. Die Matte bleibt. Auch der erbärmliche Keller im «R3» ist ja nicht wirklich die Schuld der Stadt. Oder der Müll auf der antiken Strasse, 2000 Jahre alt, am Rand des Viertels. Wäre sie hübsch hergerichtet, könnte sie der Jugend von TBM zum Stolz gereichen. Antikes, hier! «Es könnte so schön sein», sagt Massimo Musumeci.

Die Klingeltafel am Eingang von «R3» wurde so oft herausgerissen oder angezündet, dass die Bewohner ein Gitter mit einem Schloss anbringen liessen. Zerstört hatten sie Nachbarn, die der Polizei erschweren wollten, sie zu finden. Leute der «mala», der Mafia. Aber darüber spricht man nicht. Die Omertà, das Gesetz des Schweigens, wie man es aus Sizilien kennt, ist auch in Tor Bella Monaca stärker. In Rom, VI. Bezirk. Vor einer Woche hat ein Bewohner des «R3» die Eingangshalle frisch gestrichen. Er wählte Rosa. In der Ecke neben den verkohlten Briefkästen haben sie eine grosse Statue in kitschigen Farben von Padre Pio hingestellt, dem Volksheiligen, die sie mit dem Geld aus einer Kollekte gekauft hatten.

Es ist 21 Uhr. Auf dem Grande Raccordo Anulare staut sich der Verkehr. Zurück in die Stadt, nach drinnen. Musumeci schickt ein SMS: «Danke fürs Kommen, von Herzen», schreibt er, «es schadet nicht, an die Auferstehung zu glauben.»

baz.ch/Newsnet

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