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Sind wir verweichlicht?Weshalb sich Wut im Job lohnt

Aggression ist am Arbeitsplatz verpönt. Für Angestellte ist das angenehm, weil sich jetzt alle wohlfühlen. Doch verlieren wir zwischen Höflichkeit und Harmonie kollektiv den Biss?

Der Tonfall im Job müsse keineswegs immer höflich sein, sagen Experten: Ausschnitt aus «The Wolf of Wall Street» mit Leonardo DiCaprio.
Der Tonfall im Job müsse keineswegs immer höflich sein, sagen Experten: Ausschnitt aus «The Wolf of Wall Street» mit Leonardo DiCaprio.
Foto: PD

Es ist ja keineswegs so, als könne ein ordentlicher Wutausbruch nicht auch Sympathien bringen. Giovanni Trapattoni zum Beispiel lieferte als Trainer des FC Bayern einst vor laufenden Kameras eine fast vierminütige Schimpftirade auf seine Spieler. Er schlug mit der Hand auf das Pult vor sich, er brüllte. Die Satzfragmente, die er dabei von sich gab («was erlaube Strunz?», «wie eine Flasche leer!») kennen mehr als 20 Jahre später sowohl Menschen, die sich überhaupt nicht für Fussball interessieren, wie auch solche, die zum Zeitpunkt von Trapattonis Wutrede noch gar nicht geboren waren: Die Brüllerei hat Trapattoni zur Kultfigur gemacht.

Doch während im Sport verbale Aggression als Zeichen für Engagement und Siegeswillen entschuldigt wird, haben sich in der Arbeitswelt die Regeln dramatisch verändert: Keine andere Emotion ist heute so verpönt wie Aggression. Ob Mitarbeiter oder Vorgesetzte, das Anforderungsprofil ist für alle gleich – umgänglich, empathisch und teamfähig sollen sie sein.

Es stellt sich die Frage: Ist das gut, weil sich nun im Job endlich alle wohlfühlen? Oder verlieren wir zwischen Harmonie und Höflichkeit kollektiv den Biss?

Für Junge ist Unhöflichkeit inakzeptabel

Dass sich die Regeln verändert haben, liegt nicht zuletzt an den Erwartungen, die junge Leute heute an ihre Arbeitgeber haben. Die Generation Z achtet auf ihr persönliches Wohlbefinden wie vielleicht keine vor ihr – und weil Posten und Prestige für sie weniger Bedeutung haben, sind sie meist auch nicht bereit, sich für die Karriere von einem cholerischen Chef anbrüllen zu lassen. Unhöflicher Tonfall, ungerechtfertigte Kritik? Inakzeptabel.

Birgit Schyns ist Professorin für Leadership and Organisational Behavior an der Neoma Business School in Reims. Sie sagt, Aggression aus der Position autoritärer Macht heraus sei heute ganz grundsätzlich gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. «Das gilt für körperliche Gewalt von Eltern gegenüber Kindern, das gilt aber eben auch für negatives Verhalten von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern.»

Für Schyns ist das eine ausschliesslich positive Entwicklung, schliesslich könnten vor allem aggressive, unbeherrschte Vorgesetzte viel Schaden anrichten: Hat der Chef seine Emotionen nicht im Griff, erodiere oft das gesamte moralische Fundament in der Firma: «Manche Mitarbeiter spiegeln diese Verhaltensweisen, weil ihnen vorgelebt wird, dass es in dieser Firma eben so läuft. Andere schlagen auf andere Weise zurück, etwa indem sie bewusst oder unbewusst den Erfolg der Firma unterlaufen.»

Kurzfristig kann Druck durch die Vorgesetzten aus Mitarbeitenden mehr Leistung rausholen.

Aber treibt ein Terrorfürst im Chefsessel seine Leute nicht auch zu Höchstleistungen? Lebt er vielleicht einfach nur die Dynamik vor, die es für den Erfolg wirklich braucht? Schyns sagt, die Forschung komme zu anderen Ergebnissen. Kurzfristig könne Druck durch die Vorgesetzten aus Mitarbeitenden zwar mehr Leistung rausholen. Über einen längeren Zeitraum aber sei negative Führung immer wirtschaftlich schädlich: «Sie führt zu einem Leistungsabfall bei den Mitarbeitenden, das steht aus wissenschaftlicher Sicht ausser Zweifel.»

Dass ein Umfeld voller Harmonie und Höflichkeit zu Lethargie führen könne, glaubt sie nicht: «Eine positive Atmosphäre bedeutet ja nicht, dass alle die ganze Zeit Kaffee trinken. Sondern man arbeitet dann gemeinsam für ein Ziel, das alle kennen und verstanden haben.»

Aggression ist heute anders verpackt

Anders sieht das Monika Scheddin. Sie arbeitet als Business Coach in München – und sie findet, dass Aggression zu Unrecht einen so schlechten Ruf hat. «Zunächst ist Aggression ein Gefühl, und jemand, der Gefühle hat, bringt zumindest eine gewisse Lebendigkeit mit, dem ist nicht alles egal», sagt Scheddin. «Das ist schon mal gut, denn nichts ist schlimmer für ein Unternehmen als Mitarbeiter, die in völliger Gleichgültigkeit ihre Zeit absitzen.»

Der Tonfall im Job müsse keineswegs immer höflich sein, findet Scheddin, die Vorgehensweise auch nicht. Arbeitsleben bedeute schliesslich immer auch Konkurrenzkampf: «In der Wirtschaft geht es auch darum, sich gegenseitig Kunden abspenstig zu machen oder ein Projekt wegzuschnappen, da kann man nicht immer nur nett und freundlich sein.» Zudem sei Aggression eine natürliche Reaktion auf Stress – und die verschwinde nicht einfach nur deshalb, weil in der Arbeitswelt gerade demonstrative Höflichkeit angesagt ist. «Auf die eine oder andere Weise lässt jeder seine Aggressionen raus, sie sind nur vielleicht anders verpackt als früher.»

Sei etwa in den Achtzigerjahren ein Chef vom «Typus General» noch als führungsstark und charismatisch interpretiert worden, würde das gleiche Verhalten zwar heute als unreif und unbeherrscht gelten. Die Aggression bahne sich ihren Weg aber heute genauso, nur eben in einer subtilen Stichelei hier oder einem «unbeabsichtigten» Missverständnis dort.

Das sei aber nicht unbedingt die bessere Lösung. «Wer seine Gefühle kommunizieren kann, ist klar im Vorteil. Wenn ich sage, ich ärgere mich gerade wahnsinnig aus diesem bestimmten Grund, dann nimmt mir das schon einen Teil meiner Wut, und die Botschaft kommt bei meinem Umfeld an, ohne Verletzungen zu hinterlassen.»

In Experimenten waren jene, die zu Wut neigen, hartnäckiger und sie fanden zu kreativeren Lösungen.

Klar ist: Seine Aggression richtig zu kanalisieren, fällt manchen deutlich schwerer als anderen. Sie können sich vielleicht mit dem Blick auf ein Experiment trösten, das Heather Lench, Professorin für Psychologie an der Texas A&M University, und ihre Kollegin Linda Levine von der University of California durchgeführt haben: Die Forscherinnen konfrontierten Probanden mit einem vermeintlichen Intelligenztest, der zunächst aber nur unlösbare Aufgaben enthielt.

Auf den Misserfolg reagierten manche Menschen traurig, andere besorgt, wieder andere völlig unbeeindruckt. Aber jene, die mit Wut und Aggression reagierten, waren auch die, die mit jeder weiteren Aufgabe immer hartnäckiger wurden: Statt aufzugeben, stachelte sie ihr Ärger immer weiter an. Bei ähnlichen Experimenten fanden jene, die zu Wut neigen, zudem kreativere Lösungen – vielleicht ein Anreiz zu versuchen, bei nächster Gelegenheit den eigenen Ärger sinnvoll zu nützen.

Und wenn es nicht gelingt, die Aggressionen vorbildlich zu kanalisieren, sondern man explodiert wie Rumpelstilzchen? «Die Leute verzeihen eine ganze Menge, wenn man bereit ist, sich aufrichtig zu entschuldigen», sagt Coach Scheddin.

Und im Zweifelsfall bleibt immer noch der Blick auf Giovanni Trapattoni: Der hat 22 Jahre nach dem legendären Wutanfall erst kürzlich noch einmal einen Werbedeal mit einem Discounter abgeräumt. In dem Spot sagt er «Flasche leer!» und «Habe fertig», so wie damals – wenn auch mit einem sehr, sehr milden Lächeln.

13 Kommentare
    Ralf Schrader

    Echte Wut lohnt sich nie, aber gespielte schon. Echte Wut habe ich allerdings noch nie gesehen.