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Warten in Corona-ZeitenWeshalb Männer mehr Mühe haben, Schlange zu stehen

Mit der Wiedereröffnung der Gartencenter bilden sich Menschenschlangen. Eine kurze Kulturgeschichte des Anstehens.

Kunden warten bei der Wiedereröffnung vor dem Eingang des Bau- und Gartencenters Bauhaus am Montag, 27. April, in Schlieren.
Kunden warten bei der Wiedereröffnung vor dem Eingang des Bau- und Gartencenters Bauhaus am Montag, 27. April, in Schlieren.
Foto: Keystone

Die Engländer beherrschen es so gut, dass man sagt: Wenn einer von ihnen stehen bleibt, dann bildet er eine Schlange, die aus einer Person besteht. In südlichen Ländern ist es üblich, zu fragen, wer als Letzter hinzukam, sobald man einen Raum mit Wartenden betritt. US-Amerikaner stehen pro Jahr rund 40 Milliarden Stunden an, aus New York kennt man die Dessert-Kolonne: Foodies, die sich um zwei Blocks schlängeln wegen eines Gebäcks, von dem gerade alle reden. Stehen für den Status.

Seit in der Schweiz Gartencenter und Hobbymärkte wieder geöffnet sind, sieht man auch bei uns imposante Menschenschlangen, wobei das Ziel etwas Profanes wie Blumenerde ist, schliesslich will man übers Wochenende das Hochbeet vorbereiten. Vor den Kassen mit den Plexiglasscheiben stauen sich die Besucher noch einmal, aber hier hilft immerhin die Verhaltenspsychologie.

So wird eine einzelne Schlange, die sich um Regale windet, als fairer wahrgenommen als ein System mit parallelen Schlangen, da alle davon ausgehen, dass die Person zuerst an die Reihe kommt, die zuerst da war. Jedenfalls, solange sich niemand vordrängelt.

Wirtschaftsnobelpreisträger wie Daniel Kahnemann beschäftigten sich mit der Psychologie des Anstehens. Es gibt Dissertationen darüber, auf welche Arten Menschen kalkulieren, ob es Sinn macht, in einer Schlange anzustehen oder nicht.

Laut Kahnemann erleben wir das Schlangestehen als widersprüchlich; die Desillusionierung angesichts des Stillstands steht der Befriedigung gegenüber, die sich einstellt, wenn sich etwas bewegt. Der Forscher geht davon aus, dass für die Erfahrung ausschlaggebend ist, welches der beiden Gefühle überwiegt.

Aus der Operationsforschung ist bekannt, dass sich die Toleranz gegenüber dem Schlangestehen proportional verhält zur Komplexität der erwarteten Dienstleistung. Wir warten also geduldiger, wenn wir sehen, dass die anderen auch vollgefüllte Einkaufswagen haben, während es uns rasend macht, wenn wir nur wegen zwei Artikeln anstehen müssen.

Historisch geht der Begriff der Menschenschlange wahrscheinlich auf «The French Revolution» des Historikers Thomas Carlyle zurück. Er schrieb 1837 über den Brotmangel in Paris nach dem Bürgerkrieg und beobachtete, dass sich vor Bäckereien «queues or tails» bildeten.

Anstehen musste man nicht nur in Kriegszeiten, Warteschlangen prägten auch den Alltag in sozialistischen Staaten. Winston Churchill verspottete 1950 als Kandidat der Konservativen die Wirtschaftspolitik der Labour-Partei als «queuetopia». In der DDR war es nicht unüblich, dass sich Leute in Schlangen stellten, ohne zu wissen, was es zu kaufen gab. Beim Anstehen bekam man auch die neusten Witze zu hören und konnte aussprechen, was man sich am Telefon wegen der Überwachung nicht zu sagen getraute.

Der Mann weiss, dass die Zeit stets zu seinen Gunsten verteilt wird.

Eine der reichsten Betrachtungen des Schlangestehens stammt von der sowjetischen Autorin und Literaturkritikerin Lydia Ginzburg. Während der Belagerung Leningrads von 1941 bis 1944 erlebte sie, wie sich die Bewohner in der finsteren Winterkälte um vier Uhr morgens vor Bäckereien anstellten, die nicht einmal so viel verkauften, wie die Ration vorsah.

In der «Agonie der Unbeweglichkeit» steige die Reizbarkeit, schrieb sie in «Notes from the Blockade», gleichzeitig teilen die Wartenden alle dasselbe Interesse. Die Schlange ist genauso beherrscht von Rivalität und Feindseligkeit wie vom Gemeinschaftsgefühl. Wurde irgendwo einmal Konfekt angeboten, war es nicht mehr möglich, zu «schlafen oder einfach nur zu existieren, ohne teilzunehmen an der Annäherung an die Süssigkeiten».

Mit dem Zustand der Untätigkeit haben laut Ginzburg besonders Männer Schwierigkeiten, weil sie sich daran gewöhnt haben, dass ihre Zeit wertvoll ist, während Frauen seit jeher wissen, dass es Zeitabschnitte gibt, die nicht berücksichtigt werden, zum Beispiel in der Haushaltsarbeit. Männer würden zudem oft vordrängeln, sie spürten bei diesem Tun eine «innere Richtigkeit» und seien der Meinung, Brot stehe ihnen zu, ohne dass sie dafür anstehen müssten – der Mann weiss, dass die Zeit stets zu seinen Gunsten verteilt wird.

Eine gute Nachricht

Ginzburg stellte übrigens schon damals fest, dass sehr wenig Leute in der Schlange lesen würden. Der Grund sei die Psychologie der Schlange, eine «angespannte Sorge» angesichts der Frage, wann man an die Reihe kommt. Ein Geisteszustand, der es den Wartenden nicht erlaube, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Selbst der Intellektuelle, der ein Buch mitbringe, werde doch lieber beobachten, was um ihn herum passiert.

Falls Sie trotz allem diesen Artikel lesen, während Sie anstehen, hier noch eine gute Nachricht: Fragt man Menschen, wie lange sie in einer Schlange gewartet haben, überschätzen sie die Dauer im Schnitt um 36 Prozent.

23 Kommentare
    Adam Schmid

    ....und Frauen schlecht einparken können.