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Frauenstreik in Basel«Wenn wir streiken, steht die Welt still»

Am Sonntagnachmittag demonstrierten Hunderte von Frauen für Geschlechtergerechtigkeit – tanzend, schreiend oder durch die Strassen laufend.

Auch dieses Jahr gingen zahlreiche Frauen am 14. Juni für ihre Anliegen auf die Strasse.
Auch dieses Jahr gingen zahlreiche Frauen am 14. Juni für ihre Anliegen auf die Strasse.
Foto: Pino Covino

Es ist kurz vor halb vier Uhr nachmittags. Genauer gesagt: 15.24 Uhr. Sowohl bei der Schifflände und als auch in der Rheingasse haben sich Hunderte von Frauen versammelt und laufen schreiend und lärmend von beiden Seiten her über die Rheinbrücke.

Auf ihrem Weg blockieren sie mehrere Minuten lang ein Tram der Linie 14. In der Mitte angekommen, machen die Demonstrantinnen erst mal einen Stopp, setzen sich und horchen den Reden, die aus dem Megafon ertönen. Mehrere Polizistinnen und Polizisten beobachten die Situation aus Distanz.

«Fight like a girl» – der Slogan war am Sonntagnachmittag auf mehreren Transparenten zu sehen. Die Frauen jeglicher Altersklasse kämpften für etwas, was im 21. Jahrhundert eigentlich selbstverständlich sein sollte: Geschlechtergerechtigkeit.

Mit Lärm und Tanz für die Geschlechtergleichheit.
Video: Pino Covino

Zeitpunkt mit Ansage

Übrigens ging das Ganze nicht per Zufall um sechs Minuten vor halb vier los. Ab diesem Zeitpunkt arbeiten Frauen nämlich aufgrund des Lohnunterschieds im Grunde genommen bis zum Feierabend umsonst. Schon letztes Jahr hatten die Frauen um diese Zeit ihre Arbeit niedergelegt, um auf die Strassen zu gehen.

Heuer fiel der Frauenstreiktag auf einen Sonntag – die Demonstrantinnen protestierten also um 15.24 Uhr mit Lärm. Sei es mit Geschrei, Parolen, Trillerpfeifen oder sogar mit Kochtöpfen, Kellen oder Besen.

Nach Aufforderung der Polizei verliess die Masse nach einer knappen Stunde die Mittlere Rheinbrücke und lief weiter in Richtung Schifflände, Universitätsspital und Johanniterbrücke. Im Gegensatz zu der illegalen Aktion auf der Brücke versammelten sich auf den fünf für den Frauenstreik bewilligten Plätzen (Theaterplatz, De-Wette-Park, Petersplatz, St.-Johanns-Park und Claramatte) deutlich weniger Menschen, aber immer noch mehrheitlich Frauen.

Ziemlich gemütlich und friedlich ging es etwa am Theaterplatz zu und her: Zu anatolischer Musik tanzten Frauen von der Partei der sozialistischen Wiedergründung Türkei (SYKP) im Kreis, andere Frauen sassen auf der Theatertreppe und unterhielten sich.

Am Petersplatz lief zwar keine Musik, dafür aber Podcasts rund um das Thema «fraulenzen und queerstellen» – dem Motto des diesjährigen Frauenstreiks. Im St.-Johanns-Park war sogar etwas für die sportlichen Streikerinnen dabei: feministisches Kickboxen und Joggen.

Der diesjährige Frauenstreik hat offensichtlich aufgrund der Pandemie eine andere Form angenommen. «Wir brauchen Aktionsformen, welche die Grenzen anderer nicht verletzen. Deshalb ist in diesem Jahr die Kreativität von uns allen gefragt», erklären Franziska Stier und Olivia Borer, Mitglieder des Feministischen Streiks Basel. Der Protest komme vielleicht in der aktuellen Pandemie gerade richtig, denn: «Wenn wir streiken, steht die Welt still.»

Die Corona-Krise habe gezeigt, welche Berufe tatsächlich systemrelevant seiennämlich jene im Pflegebereich, im Detailhandel oder in den Kindertagesstätten. Diese würden hauptsächlich von Frauen ausgeübt und seien schlechter bezahlt als viele andere Tätigkeiten.

«Das zeigt, dass in Sachen Lohngleichheit einfach noch zu wenig passiert ist», so Stier und Borer. Festgehalten sind die Forderungen der Feministinnen übrigens auch im «Careona-Manifest», das anlässlich des diesjährigen Streiks verfasst und auf allen fünf Plätzen vorgetragen wurde.