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Nach der Olympia-AbsageWenn für die Sportler die Welt untergeht

Sportpsychologe Jörg Wetzel erzählt, wie sich Athletinnen und Athleten in der Krise nun neu finden müssen.

Philipp Rindlisbacher
Jörg Wetzel ist Sportpsychologe. Er sagt: «Die Zeit momentan ist für alle intensiv.» © Andreas Blatter
Jörg Wetzel ist Sportpsychologe. Er sagt: «Die Zeit momentan ist für alle intensiv.» © Andreas Blatter
BZ

Auch Jörg Wetzel hat Kurzarbeit angemeldet. Was auf den ersten Blick erstaunt, weil die Athleten doch nun Zeit en masse hätten, sich dem mentalen Training zu widmen. Doch dem Berner Sportpsychologen sind zuletzt viele Aufträge abhandengekommen, das Geld ist knapp, ein Handballteam etwa verzichtet momentan gezwungenermassen auf die Dienste des 51-Jährigen.

Doch gerade jetzt, wo die Sportwelt stillsteht und wegen des Coronavirus in ihren Grundfesten erschüttert wird, ist das Bedürfnis nach professionellem Coaching vorab bei Einzelsportlern gross. Wetzel verschickt Videobotschaften; er versucht, den Athleten vor Augen zu führen, dass die Krise eine Chance sein kann. Mit Meditations- und Entspannungsübungen sollen diese ihren Fokus nach innen richten. Wetzel sagt: «Wir sind eine freizeitliebende Ablenkungsgesellschaft, werden stark von äusseren Einflüssen diktiert. Jetzt gibt es für einmal keine Störfaktoren. Das gilt es zu nutzen.»

«Die Situation ist für alle intensiv: Einige haben Risikopatienten im Umfeld, zudem gilt es, die Kinder länger zu betreuen als üblich – man muss alternative Trainings organisieren.

Jörg Wetzel

Seit 2006 ist Wetzel Psychologe der Schweizer Olympiadelegationen. Er hat mit den Young Boys und dem SC Bern gearbeitet, derzeit betreut er auch die Nationalteams der Schützen und Segler. Aufgrund der abgesagten Wettkämpfe sei manch Athlet gestresst. Wetzel registriert auch Orientierungslosigkeit, einige seien gar in ein Loch gefallen, er spricht von einer Situation, die mit einem Trauerprozess vergleichbar sei. «Der Sportler hat auf etwas hingearbeitet, dass es nicht mehr gibt. Dem muss er sich stellen, er muss Wut, Ärger, Schmerz zulassen, darf das alles nicht gleich verdrängen.»

Sich neu orientieren

Wichtig sei, dass sich der Athlet nicht zu lange als Opfer sehe, sondern wieder in die Rolle des Gestalters schlüpfe. «Der Marathonläufer, der sich monatelang auf ein Rennen vorbereitete, darf sich ein paar Tage lang im luftleeren Raum befinden. Danach muss er sich neu orientieren.»

Daher war es höchste Zeit, die Olympischen Spiele zu verschieben, um die sich in diesem Jahr sehr vieles, für die Vertreter aus Randsportarten nahezu alles gedreht hätte. Wetzel sagt: «Findet ein Wettkampf statt, ist die Ungewissheit positiv, weil die Fühler des Athleten auf Empfang gestellt sind – das wirkt aktivierend.» Sei die Durchführung jedoch unklar, könne die Ungewissheit lähmen. «Sie ist dann energieraubend, es kommen viele negative Emotionen ins Spiel.»

Trainingszyklen, Wettkampfpläne, Strategien – vieles ist längst über den Haufen geworfen worden. Für manchen Athleten sei quasi die Welt untergegangen, sagt Wetzel, wobei ihn auch viele Funktionäre und Trainer um Rat fragen. «Die Situation ist für alle intensiv: Einige haben Risikopatienten im Umfeld, zudem gilt es, die Kinder länger zu betreuen als üblich – man muss alternative Trainings organisieren. Und, und, und.»

Nicht nur für die Schwimmer ist die Lage heikel, auch Tennisspieler haben Sorgen, weil keine Plätze verfügbar sind – mehrere Spieler haben Hilferufe ausgesendet. «Es gibt Leute, die befürchten schon, den Anschluss zu verlieren, wenn sie zwei Wochen lang nichts tun können», sagt Wetzel.

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