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Der Röstigraben in Zeiten von CoronaWelsche Ressentiments

In der Corona-Krise bemüht die Westschweiz ihr liebstes Feindbild: das Bild des ignoranten Deutschschweizers, der die Restschweiz unterdrückt.

Philippe Reichen
Warum ist die Deutschschweiz gegen eine Ausgangssperre? Innenminister Alain Berset musste bei seinem Besuch der Genfer Universitätsspitäler erklären, warum die Schweiz nicht dem Vorbild Frankreichs folgt.
Warum ist die Deutschschweiz gegen eine Ausgangssperre? Innenminister Alain Berset musste bei seinem Besuch der Genfer Universitätsspitäler erklären, warum die Schweiz nicht dem Vorbild Frankreichs folgt.
Salvatore di Nolfi (Keystone)

Als Innenminister Alain Berset den Genfer Universitätsspitälern am Dienstag einen Höflichkeitsbesuch abstattete, war es, als wäre er in einem fremden Land. Berset informierte sich, wie Genf seine Corona-Patienten versorgt. Am Ende stand eine Frage im Zentrum: «Warum gilt für die Schweiz keine totale Ausgangssperre?» Ein Vorwurf stand im Presseraum. Die Deutschschweizer wollen partout nicht, dass die Menschen zu Hause bleiben. Damit bringen sie das ganze Land in Gefahr.

Die Frage nach Sinn und Unsinn eines «confinement total» wurde in Bern längst geklärt (zur Geschichte). Doch in Genf wurde Berset erneut dazu angegangen. Ein Journalist präsentierte Berset seine These, wonach dieser im Bundesrat doch eigentlich eine Ausgangssperre geforderte hatte, von den Deutschschweizern aber überstimmt wurde. Der Freiburger ging darauf nicht ein. Er strich heraus, dass die Lösung mit der Selbstverantwortung die beste sei und die Nachbarländer mithilfe der totalen Ausgangssperre ihre grossen Probleme auch nicht lösen könnten.

Man schiebt seine Freiheitsrechte plötzlich zugunsten des Wunsches nach einem Zentralstaat und dem personifizierten Ausüben von Regierungsmacht beiseite.

In der Corona-Krise zeigt sich: Gerade in Genf, aber auch in der Waadt und im Wallis ist man durchaus bereit, sich den Befehlen des Elysée-Palasts in Paris zu unterwerfen, statt sich an den in Bundesbern gemachten Überlegungen zu orientieren. Von Ärzten, Politikern und Journalisten angetrieben, schiebt man seine Freiheitsrechte plötzlich zugunsten des Wunsches nach einem Zentralstaat und dem personifizierten Ausüben von Regierungsmacht beiseite.

Weil dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht, wird ein beliebtes Feindbild hervorgeholt: das Bild des ignoranten Deutschschweizers. Der Deutschschweizer als Unterdrücker der Sprachminderheiten. Die vom Bundesrat geforderte landesweite Solidarität gerät in den Hintergrund.

Das Lachen ist verstummt

Anfang März war die Stimmung noch eine ganz andere. In der Westschweiz lachte man herzlich über die Deutschschweizer. Auslöser war die Einschätzung des Berner Immunologen Beda Stadler, wonach die Kehllaute der Deutschschweizer einer Corona-Ansteckung förderlich sein könnten. Das war für die Romandie eine Bestätigung für einen lange gehegten Verdacht, dass nämlich das Schweizerdeutsch keine eigentliche Sprache, sondern eine Halskrankheit ist. Man durfte also davon ausgehen, dass die Deutschschweiz mit dem Coronavirus mehr zu kämpfen haben würde als die Westschweiz.

Bei der Genfer Gesundheitsdirektion weigert man sich seit Tagen, die Frage nach den Gründen für die hohen Fallzahlen überhaupt zu beantworten.

Das Lachen ist verstummt. Die Kantone Genf und Waadt müssen heute mit der Tatsache umgehen, dass sie nebst dem Tessin die höchsten Fallzahlen aller Kantone aufweisen. Der Waadtländer Kantonsarzt sagt, das sei nur so, weil man mehr Corona-Tests als alle anderen durchführe. Doch in der Waadt liegen überdurchschnittlich viele Corona-Patienten in den Spitälern.

Die hohen Fallzahlen in der Waadt entsprechen demnach exakt der gesamtschweizerischen Realität und haben wohl weniger etwas mit überdurchschnittlicher Testerei zu tun. Bei der Genfer Gesundheitsdirektion weigert man sich seit Tagen, die Frage nach den Gründen für die hohen Fallzahlen überhaupt zu beantworten.

Freiheit für Kantone

Die Vorwürfe gegen die Deutschschweiz werden nicht so rasch verschwinden. Ein Waadtländer Unia-Gewerkschafter macht Deutschschweizer Bauunternehmer in der Zeitung «24 Heures» dafür verantwortlich, dass in der Waadt Baustellen trotz der Corona-Krise immer noch geöffnet sind. Unerwähnt liess er, dass die Genfer Kantonsregierung «ihre» Baustellen längst hat schliessen lassen. Auch Bundesrat Alain Berset machte bei seinem Besuch in Genf am Montag klar: Der Bund habe den Kantonen Handlungsspielräume gelassen. Diesen können sie nutzen, jeder Kanton für sich.

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