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Drei Nobelherbergen in der RomandieWelsch ein Luxus

Von Walliser Sonnenterrassen zum Genfersee: Eine Reise zu edlen Hotels, die in der Deutschschweiz wenig bekannt sind. Und deren Besitzerfamilien die Corona-Krise meistern.

1. Hotel Victoria, Glion VD: Villa mit Tradition und Aussicht

Unvergleichlich: Die Aussicht vom Hotel Victoria auf den Genfersee und die Alpen.
Unvergleichlich: Die Aussicht vom Hotel Victoria auf den Genfersee und die Alpen.
Foto: PD

In den Salons hängen Werke von Impressionisten. Stilmöbel und Bronzestatuen würden die etwas museale Ambiance verstärken, checkte unter Gelächter nicht gerade eine Truppe junger Damen ein.
Irgendwo im weitläufigen Park mit dem geheizten Pool soll Queen Victoria unbewegt auf die Bucht von Montreux blicken. «Sie war aber nie hier», sagt Hotelchefin Barbara Mittermair über die Namensgeberin des Hauses.

Britische Royals fehlen in der Gästeliste des Hotels Victoria in Glion. Dafür haben Barbara Mittermair und ihr Mann Toni schon mit Gorbatschow diniert. Auch Gérard Depardieu war Gast – einer von unzähligen Franzosen. «Sie bilden unsere Hauptkundschaft», sagt die Hotelière, eine gebürtige Rheinländerin mit Luzerner Mutter. Als die Grenzen wegen Corona geschlossen blieben, war das Art-déco-Haus fest in Schweizer Hand. «Bündner, Zürcher, Schaffhauser», erzählt Barbara Mittermair, «nahmen bei uns eine Auszeit.»

Das Hotel Victoria in Glion: Das beeindruckende Jugendstilhaus blickt auf 131 bewegte Jahre zurück.
Das Hotel Victoria in Glion: Das beeindruckende Jugendstilhaus blickt auf 131 bewegte Jahre zurück.
Foto: PD

Die Villa mit den 58 Zimmern und drei Appartements gehört nicht zu den ganz grossen Namen der Schweizer Hotelbranche. Sie hat Patina angesetzt, überlebte in der 131-jährigen Geschichte Krisen und Stürme. Doch das Victoria ist mehr als ein Geheimtipp: Die Aussicht auf Alpen und Genfersee bleibt unvergleichlich. Wer Sinn für Kunst, feine Lebensart und Tradition hat, verliebt sich in diesen besonderen Ort. Toni Mittermair, Gastwirtssohn aus Lindau am Bodensee, ist seit 1966 hier, hat das Hotel 1985 gekauft und auf Auktionen, nicht immer zur Freude seiner Gattin, 500 Bilder, Statuen und andere Kunstgegenstände erstanden.

Längst hat der Patron das Rentenalter überschritten. In der Küche überlässt er den Herd der französischen Crew, die 14 Punkte im «Gault Millau» verteidigt und Chateaubriand, Wildhase oder Fisch vom Genfersee auf den Teller bringt. Als Amuse-Bouche oder Dessert winkt auf der Bellevue-Terrasse gratis die Aussicht auf einen fantastischen Sonnenuntergang. Barbara und Toni Mittermair wagen keine Zukunftsprognosen: «Im Herbst und Winter leben wir vor allem von Seminaren und Events. Vieles wurde wegen Corona gestrichen.» Ob Individualgäste, die im Sommer das Haus oft bis aufs letzte Bett füllten, die Löcher stopfen, wird sich weisen. Und in zwei Jahren zieht die Familie Bilanz: Sohn Antoine, 22-jähriger Student an der Ecole hôtelière de Lausanne, soll das Victoria übernehmen.

2. Le Chalet dAdrien, Verbier VS: Alpen-Refugium mit Stil

Erholsam: Bad im Pool des Chalet d’Adrien.
Erholsam: Bad im Pool des Chalet d’Adrien.
Foto: PD

Die Chefin sieht alles: Während eine gut gelaunte Männerrunde auf der Terrasse im Fonduetopf rührt, weist Brigitte de Turckheim-Cachart eine Mitarbeitende diskret auf einen Zigarettenstummel am Boden hin. Sie eilt einem Gast hinterher, der eine Jacke vergessen hat, und steckt einer Kellnerin ein Couvert mit einem Nötli zu: «Danke für den tollen Einsatz am Wochenende.»

Die gebürtige Französin hat das Gastgeberhandwerk erst vor 20 Jahren erlernt, als sie zusammen mit ihrem zweiten Mann Eric Cachart, einem TV-Journalisten, ein heruntergekommenes Dreisternhotel ins Chalet d’Adrien verwandelte, in ein luxuriöses Alpen-Refugium mit 29 Zimmern und Indoor-Pool. «Geschäft ist Geschäft», sagt Brigitte, die einst eine florierende Beratungsfirma zugunsten des Hotels verkaufte. «Entscheidend ist, dass man den Job mit Herzblut macht.» Die Cacharts waren die ersten auswärtigen Hotelinvestoren im Walliser Ferienort. Sie seien mit offenen Armen aufgenommen worden, sagen sie. Laune des Schicksals: Ein Vorfahre fand schon Gefallen an dem Haus. Baron Adrien de Turckheim, verstorben 1948, war Industriepionier und Autonarr.

Der Corona-Sommer änderte einiges im stilvollen Chalet d’Adrien. «Erstmals begrüssten wir viele Deutschschweizer», sagt Eric, «hoffentlich kommen sie im Winter zurück nach Verbier.»

Auch wenn man keinen Hang zum Frankofonen hat, fühlt man sich wohl bei Brigitte und Eric. Die Aussicht auf den Viertausender Grand Combin ist umwerfend, das diensttuende Personal freundlich und kompetent, die Einrichtung gleichermassen gediegen wie rustikal. Und der mit 17 «Gault Millau»-Punkten dekorierte Küchenchef Sebastiano Lombardi vereint auf dem Teller Italianità mit Walliser Produkten. Roger Federer ass jeden Abend hier, als seine Kinder im Sommer ein Tennis-Camp besuchten. Die Skilegenden Philippe Roux und Roland Collombin sind Freunde des Hauses. Womit wir bei der Wintersaison wären: Le Chalet d’Adrien schliesst dieser Tage. «Was uns erwartet, wenn wir Anfang Dezember wieder öffnen, weiss niemand», sagt Brigitte de Turckheim. «Es ist für alle ein kompliziertes Jahr.»

3. Hostellerie du Pas de lOurs, Crans-Montana VS: Klein, aber sehr fein

Grosszügig: Eine von 15 Suiten in der Hostellerie du Pas de l’Ours.
Grosszügig: Eine von 15 Suiten in der Hostellerie du Pas de l’Ours.
Foto: PD

Als Franck Reynaud vor einem Vierteljahrhundert auf die Sonnenterrasse über dem Rhonetal kam, war er ein junger Meister der mediterranen Küche. «Längst arbeite ich zu 90 Prozent mit Schweizer Produkten», sagt der Chef im Restaurant L’Ours in Crans-Montana. Reynaud hat einen «Michelin»-Stern und 18 Punkte im «Gault Millau» erkocht.

«Mit dem üppigen Einsatz von Butter und Rahm konnte ich mich aber nie anfreunden, ich verwende lieber dosiert Öl», erzählt der gebürtige Franzose, der mit seiner Frau Séverine Bestenheider-Reynaud die Hostellerie du Pas de l’Ours führt. Das Chalet hat zwar zwei Restaurants, aber nur 15 Suiten, alle mit Cheminée und Whirlpool ausgerüstet. «Ein grosses Hotel käme für mich nie infrage», sagt Chefin Séverine. «Ich möchte die Details selber pflegen können und jeden Gast persönlich begrüssen.»

In normalen Jahren fliegt Franck nach Sardinien, um im berühmten Forte Village die Küchenbrigade zu beraten. «In diesem Sommer ist alles anders», erzählt der Chef. «Erstens beschäftigen wir weniger Personal, und zweitens buchen unerwartet viele Gäste. Wir erleben eine wirklich gute Saison.» Die Kundschaft reist für einen gediegenen Abend in Reynauds Gourmetlokal aus Zürich oder Genf an.

Ab Dezember stehen den verwöhnten Gästen noch mehr luxuriöse Bleiben zur Verfügung. Séverines Eltern Christiane und Armand bauen gerade das Stammhaus der Familie um. Im Hotel Aida-Castel in Montana entstehen 17 Suiten. Die Eröffnung ist für Dezember geplant. Und Franck, der mehrmals wöchentlich auf Kräutersuche im alpinen Gelände unterwegs ist, wird im Aida ein kleines Bio-Restaurant einrichten.