Einst Statistikerin, jetzt Hüttenwartin

Umsteigerin

Umsteigerin Simone Keller promovierte in Gesundheitskommunikation und erstellte für den Kanton Tessin Gesundheitsstatistiken. Dann hängte sie ihren Job an den Nagel und wurde SAC-Hüttenwartin.

«Ich bin immer im Austausch mit Menschen.» Für Simone Keller ist die Arbeit als Hüttenwartin trotz Strapazen ein Traumjob.

«Ich bin immer im Austausch mit Menschen.» Für Simone Keller ist die Arbeit als Hüttenwartin trotz Strapazen ein Traumjob.

(Bild: Davide Adamoli (Exploratorio.ch) / Simone Keller)

Weil man Kommunikationswissenschaften 2001 nur in Lugano studieren konnte, zog die Winterthurerin Simone Keller damals ins Tessin. Zehn Jahre später hatte sie den Doktortitel in Gesundheitskommunikation erworben und nahm eine Stelle beim Kanton Tessin an, für den sie fortan Gesundheitsstatistiken erstellte. Ab 2012 machte Simone ­Keller nebenbei erste Erfahrungen als freiwillige Hüttenwartin. An den Wochenenden zog sie auf die Capanna Albagno, eine kleine Hütte mit 28 Betten in den Bergen oberhalb von Bellinzona. «Verdienst gab es keinen, dafür nutzte ich die Tätigkeit als Spielwiese und hatte eine Menge Spass», sagt Simone Keller. Ihre Praxis­erfahrungen ergänzte sie 2014 mit dem SAC-Hüttenwartskurs, den sie an der Hotelfachschule in Thun ­absolvierte.

Ein Kindheitstraum wurde wahr

Als der SAC 2016 für die Adula-Utoe-Hütte im Bleniotal eine neue Hüttenwartin suchte, bewarb sich ­Simone Keller und erhielt den Zuschlag. Ihr Arbeitgeber gewährte ihr einen dreimonatigen unbezahlten Urlaub, da ausgerechnet zu dem Zeitpunkt Daten für eine Statistik fehlten. «So konnte ich den Ernstfall als temporäre Vollzeithüttenwartin proben, ohne die Sicherheit meiner Stelle aufgeben zu müssen. Für mich war das ein grosser Glücksfall», sagt Simone Keller. Überhaupt war für sie ein Traum in Erfüllung gegangen: Als Kind und Teenager hatte sie ihre Sommerferien jeweils bei ihrem Patenonkel im Berggasthaus Trift bei Zermatt verbracht, wo sie Hüttenwartsluft schnupperte und durch grossen Arbeitseinsatz auffiel. «Die Hüttenwartsfamilie und ihr Team waren prägende Vorbilder. Ich wusste schon mit sechs Jahren, dass ich selbst einmal eine Hütte führen wollte», sagt sie. Die Arbeit auf der Adula-Utoe-Hütte gefiel Simone Keller dermassen, dass sie unmittelbar nach Saisonende ihre Stelle beim Kanton Tessin auf den nächsten Sommer hin kündigte. «Ich wusste: Diesen Schritt muss ich sofort machen. Denn würde ich erst in den Büroalltag und das geregelte Leben im Tal zurückkehren, hätte mir dafür vielleicht der Mut gefehlt.» Nachdem sie 2017 den zweiten Sommer auf der Adula-Utoe-Hütte verbracht hatte, stand auf die nächste Saison hin bereits der nächste Schritt an: Simone Keller übernahm die frei gewordene Stelle als Wartin der Motterascio-Hütte. Dass diese ebenfalls im Bleniotal liege, sei bei der Bewerbung wahrscheinlich ein Vorteil gewesen, meint sie: «Viele Tageswanderinnen und -wanderer stammen aus dem Bleniotal. Deshalb wünschte sich der SAC eine Hüttenwartin, die den Einheimischen bereits bekannt war.» Für Simone Keller sprachen aber auch ihre Sprachkenntnisse: Italienisch ist längst zu ihrer zweiten Muttersprache geworden, sodass sie Gäste von beiden Seiten des Gotthards betreuen kann. Zudem spricht sie fliessend Englisch und Französisch.

Geld auf die Seite legen

Der Hüttenwechsel brachte nicht nur ein neues Arbeitsumfeld mit sich, sondern auch eine grössere wirtschaftliche Unsicherheit. Mit 70 Betten und durchschnittlich rund 3500 Übernachtungen pro Saison ist die Motterascio-Hütte eine der meistbesuchten im Tessin. Bleiben die Gäste wegen schlechten Wetters aus, sinken zwar die Ausgaben für Lebensmittel, nicht aber die Personalkosten. Diese sind bei Simone Keller ohnehin leicht erhöht: «Ich stelle genügend Mitarbeitende an, sodass wir trotz 16-Stunden-Tagen noch Zeit zum Lachen haben. Ansonsten wären wir bereits zur Halbzeit der Saison ausgelaugt, nicht erst am Ende.» Simone Keller hatte Glück: Der schier endlose Sommer 2018 füllte die Kassen. Das Geld legt sie auf die Seite, damit sie auch eine Regensaison verkraftet. Zudem verdient sie sich bis zur nächsten Hüttensaison in einer Wechselstube, als Barkeeperin, Buchhalterin, Kuchenbäckerin und Website-Gestalterin etwas hinzu. Die nächste Herausforderung zeichnet sich bereits ab: Simone Keller denkt darüber nach, die Motterascio-Hütte als Veranstaltungsort für Seminare und Workshops bekannt zu machen.

Quelle: Tages Anzeiger, Beilage BILDUNG

Weiterführende Informationen: www.bildung-schweiz.ch

baz.ch/Newsnet

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