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JobcoachWas wir in den neuen Büroalltag mitnehmen

Mehr Homeoffice und weniger Geschäftsreisen: Die Lockdown-Erfahrungen könnten unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern. Doch dazu müssten wir alle umdenken.

Pendeln und reisen? Muss nicht sein! Die Corona-Krise offenbart die Stärken und Möglichkeiten von Zoom & Co.
Pendeln und reisen? Muss nicht sein! Die Corona-Krise offenbart die Stärken und Möglichkeiten von Zoom & Co.
Foto: Getty Images

Viele von uns haben in den letzten Wochen gelernt, dass wir unsere Arbeit auch ohne Geschäfts­reisen und ohne Pendeln erstaunlich gut erledigen können. Gleichzeitig haben wir erfahren, dass mit dem Verzicht auf Reisen ganze Industriezweige in grösste Schwierigkeiten geraten. Dies führt drastisch vor Augen, warum die Bemühungen, den Klimawandel in den Griff zu bekommen, so schleppend vorankommen.

Wenn wir die Erderwärmung verlangsamen oder gar stoppen wollen, sind einschneidende wirtschaftliche Umstrukturierungen unumgänglich. Den momentanen existenziellen Risiken kommt zurzeit verständlicherweise aber mehr Aufmerksamkeit zu. Viele Unternehmen möchten möglichst schnell wieder dorthin kommen, wo sie vor der Krise waren. Darauf sind auch die nationalen Wirtschaftshilfeprogramme ausgerichtet.

Nun braucht es ein Umdenken von unten

Wenn also «top-down» eher kein fundamentales Umdenken zu erwarten ist, ist es umso wichtiger, dass dies «bottom-up» – das heisst bei uns allen – stattfindet. Welche Erfahrungen haben wir als Arbeitnehmende, aber auch als Arbeitgebende in unseren eigenen Unternehmen gemacht, die es sich lohnt, in die viel berufene neue Normalität mitzunehmen und in den zukünftigen Arbeitsalltag einfliessen zu lassen?

An erster Stelle steht da wohl bei den meisten: Arbeiten von zu Hause geht – sogar gut! Und zwar trotz widriger Umstände, die durch den abrupten Wechsel und die parallelen Anforderungen an Kinderbetreuung bedingt sind. Was in der Schweiz bisher eher ein Luxus weniger war, ist nun zur weitverbreiteten Arbeitspraxis geworden. Auch wenn wir uns sicher alle darauf freuen, die Arbeitskolleginnen und -kollegen wieder um einen echten Mittagstisch versammelt zu sehen, Teamzusammenhalt kann auch durch virtuelle Kaffeepausen via Zoom und ein wenig Small Talk auf Slack gefördert werden. Die Hersteller dieser Programme freut es, auch wenn es gilt, offensichtlich gewordene Sicherheitslücken noch zu schliessen.

Doch, die arbeiten wirklich

Neben dem geringeren Teamgefühl war bis anhin das wichtigste Argument gegen das Arbeiten von zu Hause der Kontrollverlust, den viele Chefinnen und Chefs befürchten. «Arbeiten die denn auch wirklich, oder surfen sie nicht noch mehr unnötig im Internet...?» Diesen Satz habe ich selbst von jüngeren Führungspersonen oft als Einwand gehört. Die Wissenschaft weiss schon lange, dass meist das Gegenteil der Fall ist: Die Arbeitsleistung und die Verbundenheit mit dem Unternehmen steigen, weil die Möglichkeit, im eigenen Rhythmus und ohne äussere Ablenkung zu Hause arbeiten zu können, geschätzt und dem Arbeitgeber mit erhöhtem Einsatz verdankt wird. Nun haben das viele Vorgesetzte direkt erfahren können und vertrauen ihren Mitarbeitenden in Zukunft hoffentlich mehr.

Zukünftig sollte in jedem Fall viel kritischer beurteilt werden, ob eine Geschäftsreise wirklich nötig ist.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Bei unserer derzeitigen Untersuchung der neuen Arbeits­formen an der ETH erwähnen viele, dass das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, gewachsen ist. Auch dies ist kein neues Thema. Aber aus meiner Sicht wird es noch dringlicher, wenn durch mehr Homeoffice von vielen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben für jeden Einzelnen, aber zunehmend auch für das ganze Team verschwim­men. Klare Regeln für «offline sein dürfen» sind unabdingbar.

Ein neues Klimaziel: Halb so viele Geschäftsreisen

Und wie steht es mit den Geschäftsreisen? Da wissen wir inzwischen: Es geht auch ohne! Videokonferenzen funktionieren immer besser, persönliche Nähe und informelle Kommunikation sind auch im virtuellen Raum möglich. Aber der eine und die andere haben sicher auch erlebt, dass Missverständnisse und Konflikte schwerer erkannt und behoben werden können. Und die zufälligen Begegnungen, die bei grösseren Geschäftsanlässen entstehen und sich später als zukunftsweisend herausstellen, sind virtuell schwer bis gar nicht denkbar.

Daher meine vorläufige Schlussfolgerung: Ganz ohne Reisen geht es nicht, aber wahrscheinlich mit viel weniger. Das freut diejenigen, die dem Aufenthalt in Flughäfen und Flugzeugen wenig abgewinnen können. Anderen geht damit ein wichtiges Statussymbol verloren. Aber das Streben nach zehn Millionen Frequent-Flyer-Meilen von George Clooney in «Up in the Air» ist ja eigentlich auch eher traurig mitanzusehen. Zukünftig sollte in jedem Fall viel kritischer beurteilt werden, ob eine Geschäftsreise wirklich nötig ist. Sie sollte sachlich und nicht egomanisch begründet sein. Leicht wird das aber sicher nicht.