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Klar FetzWas kostet das Wandern?

Warum gefällt das Wandern eigentlich den meisten Leuten? Es ist die langsame Bewegung in der Natur, wo es immer etwas zu betrachten gibt und man Zeit zum Denken, Träumen und Reden hat.

Wandern hält nicht nur körperlich fit, beim Wandern kommen einem auch Ideen.
Wandern hält nicht nur körperlich fit, beim Wandern kommen einem auch Ideen.
Foto: Copyright by Rhätische Bahn/swiss-image.ch/Christof Sonderegger

Auftrag erfüllt, Herr Bundesrat Maurer! Ich habe, wie die meisten, Ferien in der Schweiz gemacht, und zwar in den Bergen. Dort habe ich dem Schweizer Nationalsport Wandern in schönster Umgebung gefrönt. Warum gefällt das Wandern eigentlich den meisten Leuten – sogar mir, die weder ländliche Idylle sucht, noch über körperlichen Leistungsehrgeiz verfügt? Es ist die langsame Bewegung in der Natur, wo es immer etwas zu betrachten gibt und man Zeit zum Denken, Träumen und Reden hat.

Bei meiner Rückkehr lese ich, BAK Economics habe errechnet, dass dieses Jahr wegen Corona ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Region Basel von 1,5 Milliarden zu erwarten ist. Basel-Stadt hat ein Jahres-BIP von 37, Baselland von 20, die gesamte Schweiz von mehr als 700 Milliarden Franken. Ist das jetzt viel oder wenig? Was bedeutet dies konkret für die Bevölkerung? Wie tönte 1983 die Band Geier Sturzflug? «Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, steigern wir das Bruttosozialprodukt.» Heute hauen wir dafür eher in die Tasten.

Das BIP ist das Wohlstandsbarometer einer Volkswirtschaft und die wichtigste Kennzahl des Kapitalismus, nicht etwa der sozialen Marktwirtschaft. Da zählen nämlich auch Werte, die im BIP nicht vorkommen. Dieses erfasst den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer nationalen oder regionalen Volkswirtschaft erbracht werden. Es ist die ultimative Zahl für die Messung des Wohlstands eines Landes oder einer Stadt. Blöd dabei ist nur, dass dazu auch alle schädlichen Aktivitäten gehören. Wenn wir Waffen oder Munition exportieren und damit Leute umgebracht werden, steigert das unser BIP. Unfälle und Tote auf der Strasse, die Luftverschmutzung, Pestizide im Wasser – dies alles steigert unser BIP. Nicht enthalten ist alles, was für das Wohlbefinden einer Gesellschaft ebenso wichtig ist: die Familienarbeit, soziale Sicherheit, ehrenamtliches Engagement, wie Einkommen verteilt und Arbeit organisiert wird, der Schwund der Biodiversität – alles Dinge, die für die Lebensqualität der Bevölkerung essenziell sind. In den Worten von Robert Kennedy im Jahr 1968: «Das Bruttoinlandprodukt misst alles – ausser das, was das Leben lebenswert macht.»

Die Corona- und die Klimakrise zeigen, wie wichtig es ist, Wohlstand neu zu messen und Wirtschaft neu zu denken.

Längst gibt es Alternativen zu dieser eindimensionalen, BIP-fixierten Betrachtung von Wohlstand. Die bekannteste ist wohl das 1972 vom Königreich Bhutan eingeführte «Bruttoglücksprodukt». Es beinhaltet unter anderem Faktoren wie Bildung, Intensität des Zusammenlebens und physisches sowie psychisches Wohlbefinden der Bevölkerung. Oder der Human Development Index der Vereinten Nationen, der Daten zur Wirtschaftsleistung mit solchen der Lebensqualität, des Bildungsniveaus und der Gesundheit kombiniert.

Die Corona- und die Klimakrise zeigen, wie wichtig es ist, Wohlstand neu zu messen und Wirtschaft neu zu denken. Dazu braucht es ehrgeizige Ziele, Fachkompetenz und politischen Willen. Das fachliche Know-how ist an unseren Hochschulen und in innovativen Firmen vorhanden, die ehrgeizigen Ziele sind auch klar: Basel als klimaneutrale Stadt, mit einem rasch wachsenden Anteil von Kreislaufwirtschaft, stetiger Verringerung der Armut und einem bunten sozialen und kulturellen Leben, das «coronafähig» ist (kreative Knacknuss!). Krisen kann man nicht mit altem Denken und Handeln bewältigen. Die Universität entwickelt dafür den Basler Index für Lebensqualität und Wohlstand (BaLeWo) und erstattet den Steuerzahlern alle zwei Jahre einen (für alle lesbaren!) Bericht über den Stand der Zielerreichung. Daran wird gute Politikführung gemessen.

Auf solche Ideen kommt man beim Wandern. Die Kennzahlen des Wanderns in der Schweiz sind übrigens auch schon erfasst: Etwa 70’000 km Wegstrecke, Kosten pro Jahr gegen 55 Millionen, 10 Prozent der Leistung werden durch Freiwillige erbracht. Es entsteht eine Wertschöpfung von 1,5 Milliarden Franken pro Jahr mit einem Beschäftigungseffekt von etwa 13’000 Vollzeitstellen. BIP-mässig ist das wenig, für das Wohlbefinden von Menschen aber sehr viel.