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Leser fragenWas ist eine gute Frage?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Floskeln und deren Anwendung.

«Hm, das ist eine gute Frage …»
«Hm, das ist eine gute Frage …»
Foto: Getty Images

Werde ich wohl der Erste sein, dessen Beantwortung seiner Frage Sie mit «das ist eine gute Frage» beginnen? Wohl kaum. Ich bin sogar froh darüber, wenn Sie diese Floskel nicht auch nutzen, denn Sie bezeugen mir damit, dass die Frage eine Antwort wert ist. Oder täusche ich mich? Meine Frage: Sind Fragen generell eher schlecht, oder sind welche, die eben zu den guten gehören, solche, auf die die Antwort erst erarbeiten werden muss, weil sie nicht schon anderweitig schlüssig beantwortet wurde? Oder ist diese Floskel einfach das «ehhhm», mit dem man sich die Zeit verschafft, die Gedanken zu bündeln? H.F.

Lieber Herr Fellmann

Die Floskel, dass etwas eine gute Frage sei, hat mehrere Funktionen. Zeit bei der Antwort herauszuschinden, gehört sicherlich dazu. Der Zeitgewinn, den man sich damit verschafft, ist allerdings höchstens geeignet, die erste Schrecksekunde zu überwinden, bevor man sich dann doch entweder eine Antwort zusammenbrösmelen oder seine Ahnungslosigkeit eingestehen muss.

Die Floskel kann aber diese schulmeisterliche Bedeutung haben: Schön, dass Sie fragen. Sie geben mir damit die Gelegenheit, genau das abzuspulen, was ich ohnehin immer schon einmal sagen wollte. Sie kann aber auch ein ungeschicktes, aber ehrliches Lob darstellen. «Das ist eine gute Frage» bedeutet dann: Das ist keine triviale Frage, da muss ich schon etwas länger überlegen. Oder: Ich habe den Eindruck, Ihre Frage betrifft einen wichtigen Punkt des Problems. Man kann sie darum nicht einfach beantworten, sondern muss zunächst vielleicht erst einmal das Problem selber neu formulieren.

Es gibt auch dumme Fragen

Dass man eine Frage als gut bezeichnen kann, heisst tatsächlich, dass es auch schlechte Fragen gibt. (Wobei wir die Fragen, die nur deshalb schlecht sind, weil sie demjenigen, der gefragt wird, nicht in den Kram passen, ausser Acht lassen wollen.) Es gibt eben nicht nur dumme Antworten, sondern entgegen dem Sprichwort – auch dumme Fragen.

Es existiert freilich kein trennscharfes Kriterium, das gute und dumme Fragen unterscheidet; es hängt immer vom Kontext ab. Fragen voll unhinterfragter Implikationen, besonders tiefsinnige oder vor allem der Selbstdarstellung der Fragenden dienende Fragen sind jedenfalls ziemlich sichere Kandidaten für die Kategorie der dummen Frage.

Oder Fragen, die vom Stolz des Fragenden auf die eigene Unvoreingenommenheit (vulgo: Uninformiertheit) getränkt sind und meist nicht dazu dienen, etwas Neues zu lernen, sondern die Aufrechterhaltung der eigenen Blödheit zu legitimieren. Natürlich sollte man als Gefragter in solchen Fällen nicht den Fauxpas begehen, ehrlich zu antworten und die Frage eine dumme zu nennen. Am besten, man antwortet: Hm, das ist eine gute Frage ...

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch