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Neue Serie «Barbaren»Was für ein schönes Latein

Netflix hat die Geschichte der Schlacht im Teutoburger Wald verfilmt – und «Barbaren» ist beinahe richtig gut geworden.

Die deutsch-französische Schauspielerin Jeanne Goursaud spielt eine Hauptrolle unter den Netflix-Barbarinnen.
Die deutsch-französische Schauspielerin Jeanne Goursaud spielt eine Hauptrolle unter den Netflix-Barbarinnen.
Foto: Netflix

Als Arminius ins Gebiet der Cherusker einreitet, trägt er eine Maske. Es ist nicht irgendeine Maske, sondern die, deren etwas leidenden Ausdruck man heute sofort vor Augen hat, wenn man das Wort «Varusschlacht» hört: Sie ist silbern, die Augenschlitze stehen etwas schräg.

Im Jahr 1990 wurde genau so eine römische Reitermaske in der Erde des Osnabrücker Landes gefunden – dort, wo Archäologen den Schauplatz jenes gewaltigen Gemetzels vermuten, an dessen Ende drei römische Legionen vernichtet waren, mehr als 15’000 Männer tot und einer der erfahrensten Feldherren Roms sich in sein Schwert stürzte. Varus wollte neben der Schmach der Niederlage nicht auch noch die der Gefangenschaft erleiden müssen. Es war nämlich hier, im kalten Schlamm Germaniens, etwas Undenkbares geschehen: Die Barbaren hatten das grosse Rom besiegt.

Lesen Sie dazu auch: War Thusnelda wirklich eine Kriegerin? Der Faktencheck zu «Barbaren»

Arminius spürt unter den alten Eichen seine Wurzeln – und wendet sich gegen Rom.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Arminius seine eigene Netflix-Serie bekommt. Seine – historisch belegte – Geschichte ist einfach zu gut: Arminius war der Sohn eines cheruskischen Stammesführers und wurde in seiner Kindheit als sogenannte Fürstengeisel, als Pfand für den Frieden, aus Germanien nach Rom gebracht, dort aufgezogen und ausgebildet.

Später kommandierte er als römischer Ritter cheruskische Hilfstruppen. Dann, und hier setzt die Handlung der Serie ein, kehrt er an der Seite des Statthalters Varus zurück nach Germanien. Arminius soll seinem römischen Ziehvater helfen, die Stämme endgültig zu unterwerfen, die manchmal noch aufmüpfig sind und ihre Steuern nicht zahlen wollen. Aber es kommt anders. Der Urwald spricht zu ihm, Arminius spürt unter den alten Eichen seine Wurzeln – und wendet sich gegen Rom.

Unter der Rüstung steckt ein Barbar: Laurence Rupp als Arminius.
Unter der Rüstung steckt ein Barbar: Laurence Rupp als Arminius.
Foto: Netflix

Die Showrunner Jan-Martin Scharf und Arne Nolting, die zusammen mit Andreas Heckmann auch das Drehbuch geschrieben haben, formen aus diesem famosen Stoff recht souverän eine historische Serie, die Häkchen hinter alles setzt, was man von diesem Format im Jahr 2020 erwartet. Es gibt eine Dreiecks-Liebesgeschichte, mit Thusnelda (Jeanne Goursaud), einer «starken Frau», die nicht einfach den Mann heiratet, den ihr Vater ihr aussucht. Und die Ästhetik ist erwartbar düster: Das Licht im Germanendorf ist schlecht, die Leute sind ein wenig schmuddelig. Natürlich spritzt andauernd Blut, wird jemand hinterrücks erstochen oder öffentlich von den Römern gekreuzigt.

Die Schauspieler sind grandios. Der Österreicher Laurence Rupp hadert als Arminius glaubhaft mit seinen zwei Identitäten.

Klar, es geht schliesslich um Barbaren und Krieg. Aber das schamlose Draufhalten auf jede Brutalität, selbst gegen Kinder, ist, wenn Serien wie «Game of Thrones» und «Vikings» es schon hundertfach vorgemacht haben, nicht mehr mutig und schockierend, sondern uninspiriert. Es trägt dazu bei, dass «Barbaren» trotz seiner Qualitäten einen Eindruck von konventionellem Übereifer hinterlässt.

Das ist schade, denn so vieles stimmt hier: Die Schauspieler etwa sind grandios. Der Österreicher Laurence Rupp hadert als Arminius glaubhaft mit seinen zwei Identitäten. Eine kaum erkennbare Sophie Rois ist wunderbar witzig als abgeklärte Waldhexe.

Hier wird Latein gesprochen: Szene aus «Barbaren».
Hier wird Latein gesprochen: Szene aus «Barbaren».
Foto: Netflix

Die Dialoge fliehen angenehm nach vorn, weil die Germanen oft wie junge Leute aus Kreuzberg reden, anstatt irgendwie ausgedacht erdig zu grunzen. Und indem sie die Germanen als zerstrittenen, bösartigen, Met-seligen Haufen zeigt, entgeht die Serie geschickt der Gefahr, hier mit zu viel Heldenpathos einen nationalistischen Mythos neu zu beleben.

Das Schönste aber ist das Latein, das die Römer in «Barbaren» sprechen. Es ist so glaubwürdig, weil man zwar hier und da ein Wort aus dem Schul-Wörterbuch erkennt, aber die italienischen Schauspieler dieser Schriftsprache mit ihrem Zungenschlag unerhörtes Leben einhauchen.

Am Ende, als die Varusschlacht geschlagen ist, klingt die Möglichkeit einer Fortsetzung an. Mit etwas weniger Blut und dafür mehr Mut, sich von den Konventionen der Historienserie zu lösen, wäre das gar keine schlechte Idee.

«Barbaren», sechs Episoden, auf Netflix.

21 Kommentare
    Efraim Litvak

    Ich liebe Latein! Siehe dazu auch die kürzlich hier erschienene Kolumne von Mikos Gimes.

    Ich muss mir die Serie des Lateins wegen anschauen. Ich möchte es mit dem Latein in Mel Gibsons „Passion Christi“ vergleichen. In diesem Film wurden der Authentizität willen (wo möglich) Muttersprachler eingesetzt, also sprachen z.B. Jesu Jünger usw. Aramäisch, das damals gesprochene Sprache war (und nicht mehr Hebräisch). Das Latein erschien mir da sehr authentisch in dem Sinn, dass ich mir mit meiner Kenntnis dieser Sprache und unter Berücksichtigung der Linguistik sehr gut vorstellen kann, dass Latein damals so geklungen haben mag.