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Kultur im NetzWie überlebt Mozart im Internet?

«I Have A Stream»: In den letzten Wochen fand Orchestermusik fast nur digital statt. Klar wurde dabei eines: Das kann noch nicht alles sein.

Pianisten in Socken vor ihrem heimischen Klavier, in Zoom-Kacheln aufgelöste Orchester, Archivaufnahmen, noch mehr Archivaufnahmen: Die klassischen Musiker und Institutionen boten während des Lockdown alles, was sie in digitaler Form zu bieten haben. Viel war es, auch viel Gutes. Aber trotzdem fast nichts, was man nicht lieber analog gehört hätte.

Kein Zweifel, die Klassik hat es schwer im Netz. Denn Dirigenten sind in der Regel nicht so niedlich wie Katzenbabys, und eine Bruckner-Sinfonie taugt weder als Meme noch als Social-Media-Aufreger. Es fehlt also, was die Netz-Community mag.

Zahnplomben zählen

Es fehlt aber auch, was die Musikliebhaber mögen: die Nuancen des Klangs, seine Raumwirkung, der unter den Bässen vibrierende Boden. Aus dem Netz geht die Musik – nicht nur dank der Ohrstöpsel – direkt in den Kopf, ohne Umweg über den Bauch. Und was dürftig klingt, sieht auch selten gut aus: Denn entweder ist die Kamera so nah dran, dass man die Zahnplomben der Sängerin zählen kann, oder so weit weg, dass die Köpfe der Orchestermusiker auf Pixelgrösse schrumpfen. Kein Wunder, haben die Konzertveranstalter derzeit Wartelisten für ihr reduziertes Platzangebot.

Die restliche Hochkultur hat es kaum leichter. Die Kunst etwa: Auch da geht Wesentliches verloren, wenn von der gummibärchenkleinen Miniatur bis zur raumfüllenden Installation alles auf Bildschirmgrösse zurechtgezoomt wird. Die ästhetische Erfahrung, um die es gehen würde, bleibt beim jetzigen Stand der Technik begrenzt.

«I Have A Stream» ist zum Motto der Klassikszene geworden. Jetzt gilt es, von mehr zu träumen.

Soll man also aufgeben? Die Kraft des kulturellen Liveerlebnisses propagieren und das Netz den Katzenvideos überlassen? Aber nicht doch. Der Kalauer «I Have A Stream» ist zum Motto der Klassikszene geworden, und tatsächlich: Die Basis ist da. Jetzt gilt es, von mehr zu träumen.

Der Musikjournalist Holger Noltze, der mit «Die Leichtigkeitslüge» 2010 eine fulminante Attacke gegen die versimpelnde Musikvermittlung veröffentlicht hat und als Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund wirkt, hat bereits vor der Corona-Krise damit angefangen. Sein aktuelles Buch über die «World Wide Wunderkammer» war schon fast fertig, als das Virus auftauchte; nur im Schlusswort kommt er noch kurz darauf. Der Lockdown habe gezeigt, dass ästhetische Erfahrung «eine Möglichkeit der digitalen Welt ist und nicht deren Negation», heisst es dort einigermassen schwammig.

Das Vorwort ist weit griffiger: Wir seien «digital doof», schreibt Noltze darin. Weil wir die digitalen Möglichkeiten, die sich der Kultur bieten könnten, nicht nutzen oder noch nicht einmal sehen. Weil wir uns, siehe «Leichtigkeitslüge», nicht trauen, auch mal anstrengend zu sein. Und weil wir immer noch versuchen, im Netz Analoges einzufangen, statt alles ganz neu zu denken.

Im Netz findet sich alles, was in eine Klassik-Wunderkammer gehört. Aber wo ist der passende Schlüssel?

Dieses «neu denken» müsste für Noltze von der Struktur des Internets ausgehen. Er schwärmt von einem «digitalen Kabinett», einem Pendant zu jenen «Wunderkammern», in denen ab dem 14. Jahrhundert alles zusammengetragen wurde, was interessant war: «Strausseneier neben Elfenbeinschnitzereien, Prunkpokalen, SchrumpfköpfenEin geordnetes Durcheinander also, in dem ganz Unterschiedliches in Beziehung gesetzt wird – was im besten Fall neue Erkenntnisse und Ideen zutage fördert.

Nun ist es zweifellos wahr, dass sich auch in hochkultureller Hinsicht im Netz (fast) alles findet, was in eine digitale Wunderkammer gehört. Nur: Wo ist der passende Schlüssel?

 Das Nationalorchester von Lyon bei einem Videokonferenzauftritt, 28. März 2020.
Das Nationalorchester von Lyon bei einem Videokonferenzauftritt, 28. März 2020.
imago images/Hans Lucas

Noltzes Zauberwort heisst «Kuratierung», oder anders gesagt: «planvolle und intelligente Nutzung der Verlinkungslogik». Mit intelligent meint er dabei nicht didaktisch; weit eher ginge es darum, Perspektiven zu schaffen, «Sichtachsen auf anderes» zu öffnen. Also zum Beispiel eine Aufnahme von Liszts h-moll-Sonate mit einem Aufsatz zur Entwicklung des Klavierbaus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kurzzuschliessen: Wer erkennt, dass Liszts Musik erst möglich wurde, als die Instrumente einen Stahlrahmen und eine geläufigere Mechanik bekamen, wird sie anders schätzen.

Die Grundprobleme sind ungelöst

Das klingt gut, löst aber gleich drei Grundprobleme nicht. Das erste, technische, wurde bereits angesprochen: Selbst wenn man den Aufsatz über den Klavierbau gelesen hat, tönt Liszt aus dem Smartphone immer noch nach nichts.

Das zweite betrifft die Zugänglichkeit: Denn es gibt sie ja, die Angebote, von denen Noltze spricht. Er selbst hat die (kostenpflichtige) Plattform takt1.de mitbegründet, die Musik-Streams mit Hintergrundinformationen verlinkt. Andere Beispiele nennt er in seinem Buch: Das Frankfurter Städel Museum etwa, das einzelne Bilder thematisch, maltechnisch, historisch nach allen möglichen Richtungen vernetzt.

Aber um solche Ansätze breit sichtbar zu machen, müsste man das Netz neu erfinden. Es müsste Suchmaschinen geben, die nach qualitativen statt nach ökonomischen Kriterien funktionieren, die nicht von Algorithmen, sondern von Menschen gesteuert werden. Da kann man genauso gut auf den Samichlaus hoffen.

Das Problem Nummer drei schliesslich ist das grösste: Man kann verlinken, so viel man willentscheidend ist, was. Und da wird Noltze plötzlich genau so wortkarg und vage wie viele andere auch: Die Frage, wie Klassik digital attraktiv präsentiert werden kann, hat noch keiner beantwortet.

Immerhin, Ansätze gibt es. Manche orientieren sich an der (Netz-)Kunst, die ein paar Schritte voraus ist. Aber die überzeugendsten haben die Lektion der Katzenvideos verstanden. Es ist diese: Vertraut euren Inhalten, auch wenn manche die Nase rümpfen. Versteift euch nicht auf das, was analog besser geht (Büsi streicheln/Musik hören), sondern tut, was ins Netz passt: Momente herausgreifen, Pointen platzieren. Visualisieren, kritisieren, analysieren.

Beim Blick in die Arbeitspartitur einer Dirigentin, bei der Simulation historischer Akustiken oder einem Improvisations-Challenge über eine Bach-Basslinie wird die Ästhetik zweifellos eine andere sein als im Konzertsaal. Aber es wird eine sein.

Holger Noltze: Word Wide Wunderkammer – Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution. Edition Körber, Hamburg 2020. 256 S., ca. 32 Fr.