Was die alles nicht mehr wissen

Spitzenmanager leiden auffallend häufig an Gedächtnisstörungen, wenn es darum geht zu wissen, was in ihren Unternehmen passiert.

Tidjane Thiam wusste nicht, dass sein Topmanager Iqbal Khan bespitzelt wurde.

Tidjane Thiam wusste nicht, dass sein Topmanager Iqbal Khan bespitzelt wurde.

Helmut Hubacher

Auf der Teppichetage der Credit Suisse (CS) herrscht dicke Luft. Das ist halt so, wenn der Konzernchef nicht weiss, was er wissen müsste. Iqbal Khan war Chef der Vermögensverwaltung bei der Bank. Und das sehr erfolgreich. Khan muss ein exzellenter Könner sein. Wenn so einer Knall auf Fall zur UBS überläuft, verschlägts der CS-Spitze den Appetit. Schliesslich schaufelt ein solcher Supermann Geld in die Kasse. Geld, das fehlt.

Ein derartiger Wechsel verläuft selten harmonisch. Die CS wird diesen Goldfisch nicht unterschätzt und entsprechend standesgemäss entlöhnt haben. Stichwort Boni.

Wenn er dennoch zur Konkurrenz geht, ist zum Beispiel eine Männerfreundschaft in Brüche gegangen. Aus Wut wird falsch reagiert. Item. Khan und seine Frau spürten beim Lädelen an der Bahnhofstrasse in Zürich ein mulmiges Gefühl. Schnüffler von Dienst sind ihnen auftragsgemäss gefolgt. Es ist die ganz grosse Blamage, wenn Detektive als Dilettanten entlarvt werden: Die, die auf Khan angesetzt wurden, waren Dilettanten. Wer hat die Überwachung angeordnet? Bei einem so «hohen Tier», wie der Vermögensverwalter eines ist, wäre bei der Credit Suisse CEO Tidjane Thiam zuständig. Der Öffentlichkeit wurde mitgeteilt, Thiam habe davon nichts gewusst.

In solchen Fällen ordnet der Verwaltungsratspräsident die obligate interne Untersuchung an. Das hat Urs Rohner auch getan. Sie endete mit dem vermeintlich unerwarteten Ergebnis: Tatsächlich, Thiam wars nicht. Wer dann? Der Sicherheitschef, ein langjähriger Freund von Thiam. Er landete mit dem goldenen Millionenfallschirm sanft im Ruhestand.

Sie wissen von nichts und erhalten dafür Boni

Urs Rohner ist ein alter Kutscher. Vor Jahren musste er sich mit dem damaligen CEO Brady Dougan vor dem US-Repräsentantenhaus für Steuer­betrug mit dem Bankengeheimnis verantworten. Beide schworen, davon nichts gewusst zu haben. Mitarbeiter hätten ohne ihr Einverständnis solche Geschäfte abgeschlossen. Ich sehe das Bild noch vor mir: «Wir haben eine weisse Weste.» Die von nichts wussten, zahlten später Milliardenbussen.

Vermögende aus aller Welt deponierten ihre steuerfreien Millionen oder Milliarden bei der UBS. Die Bank war in der Vermögensverwaltung weltweit die Nummer eins. Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel kassierte 2006 dafür 24 Millionen Franken Boni. Zwei Jahre später landete er als Bruchpilot.

Der UBS-Boss wurde für ahnungslos erklärt. Und musste sich auch nie vor Gericht verantworten. 

An einem Sonntag, am 16. Oktober 2008, klopfte eine UBS-Delegation in höchster Not im Bundeshaus an. Sie bat um Hilfe. Und zwar Nullkommablitz. Bund und Nationalbank schnürten im Tempo Teufel ein Rettungs­paket von 60 Milliarden Franken. Nur deshalb existiert die UBS ­überhaupt noch.

Was war passiert? Ospels Team endete, wohl in einem Anflug von Grössenwahn, mit faulen Hypothekarpapieren in einem Milliardengrab. Der Boss wurde für ahnungslos erklärt. Und musste sich auch nie vor Gericht verantworten. So ist das in der Schweiz. Taschendiebe jedoch werden bestraft. Ordnung muss sein.

Schriftsteller Lukas Bärfuss brauchte Zeit, «die Kränkung» zu überwinden: «Wenn ich zur grössten einzelnen Ausgabe der Eidgenossenschaft seit 1848 nichts zu sagen habe, dann ist es Kitsch, über einen Verkehrskreisel abzustimmen.» («Die Zeit», 19.9.2019)

Spitzenmanager leiden auffallend häufig an Gedächtnisstörungen. UBS und Credit Suisse zahlten dafür nur schon in den USA Milliardenbussen. Ganz verrückt ist, was der VW-Konzern auszubaden hat: «Für die Bewältigung der Dieselkrise hat VW inzwischen bereits rund 30 Milliarden Euro an Entschädigungen verbucht.» («Frankfurter Rundschau», 30.9.2019)

Auch VW-Chef war ahnungslos

In den USA und in Europa verkaufte VW rund zehn Millionen Dieselautos. Aufgeflogen ist der Skandal in den USA. Die Fahrzeuge sind mit manipulierter Software ausgerüstet worden. Um bewusst einen angeblich geringeren CO2-Ausstoss vorzutäuschen. Vermutlich ist das der grösste ­Betrugsfall eines Autokonzerns. In Braunschweig läuft gerade der ­Prozess gegen VW. Es geht um eine Sammelklage von 490'000 VW-Kunden. Der langjährige Konzernboss Martin Winterkorn behauptet, was für eine Überraschung, von allem nichts ­gewusst zu haben.

Stichwort Postauto-Skandal: Die Post musste 180 Millionen erschwindelte Subventionen zurückzahlen. Postchefin Susanne Ruoff schlief natürlich, ahnungslos. Oje.

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