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Wissenschaftler rätselnWarum bleibt Afrika von Corona verschont?

Es kann nicht nur an falschen Zahlen liegen: Forscher haben verschiedene Erklärungen für die bisherige Entwicklung von Covid-19 auf dem afrikanischen Kontinent.

Nur 5 Prozent der weltweit 20 Millionen Fälle wurden in Afrika verzeichnet: Übersicht zu Corona-Infektionen (gelb) und -Toten (rot).
Nur 5 Prozent der weltweit 20 Millionen Fälle wurden in Afrika verzeichnet: Übersicht zu Corona-Infektionen (gelb) und -Toten (rot).
Grafik: sbr

Grassierende Armut, überfüllte Metropolen, vergleichsweise wenig Ärzte und Spitäler: Die Voraussetzungen für Afrika waren zu Beginn der Corona-Krise denkbar ungünstig. Der Kontinent müsse sich «auf das Schlimmste vorbereiten», warnte WHO-Chef Ghebreyesus im März. Zahlreiche Epidemiologen befürchteten, dass Afrika zu einem Epizentrum der Pandemie werden könnte. Und Bill Gates prognostizierte mehr als 10 Millionen Tote, wenn nicht rasch gehandelt werde.

Doch die düsteren Prophezeiungen sind bis heute – auf den Tag genau ein halbes Jahr nach dem ersten offiziellen Fall auf dem Kontinent – nicht eingetroffen. Afrika verzeichnet erst gut 1 Million Infektionen und 24’000 Opfer. Das sind dreimal weniger Fälle als in Europa und sogar achtmal weniger Tote.

Wenn man die Zahlen ins Verhältnis zur Bevölkerung setzt, ist die Differenz von Afrika zu Europa und vor allem zu Nordamerika noch grösser. Während dort die Neuinfektionen bereits im März exponentiell anstiegen, war das Virus in Afrika noch kaum ein Thema. Auch hier nahmen die Fälle kontinuierlich zu, aber viel langsamer und auch auf deutlich tieferem Niveau.

Erst als die 55 Länder des Kontinents im Juli kumuliert über 100’000 bestätigte Neuinfektionen pro Woche verzeichneten, sprach die WHO von einer «besorgniserregenden Beschleunigung». Es schien, als stünde Afrika gerade am Anfang eines wirklichen Ausbruchs der Pandemie. Doch seither ist die Kurve wieder abgeflacht.

Bleibt Afrika tatsächlich weitgehend vom Coronavirus verschont? Und wenn ja, warum? Über diese Fragen diskutieren derzeit Experten auf der ganzen Welt. Sie haben verschiedene Erklärungsansätze.

Am naheliegendsten ist es, die Zuverlässigkeit der offiziellen Corona-Statistiken anzuzweifeln. Diese könnten lückenhaft, vielleicht sogar frisiert sein. Zudem wurde vielerorts wenig getestet. Nur einige Länder wie Botswana, Ghana und Südafrika kommen auf eine Testrate, die mit Europa vergleichbar ist. Und just in Südafrika, das am meisten Tests durchgeführt hat, ist auch die Zahl der bestätigten Infektionen mit Abstand am höchsten.

In vielen Ländern dürfte es eine Diskrepanz zwischen den bestätigten Fällen und der tatsächlichen Zahl der Infizierten geben. Eine hohe Dunkelziffer wird aber auch in Europa und anderswo vermutet. Und auch sonst greift die Erklärung, dass das Phänomen allein auf fehlerhafte Daten zurückzuführen ist, aus Sicht vieler Gesundheitsfachleute zu kurz.

Ein internationales Team aus afrikanischen und europäischen Forschern machte noch andere mögliche Gründe aus, die es kürzlich im angesehenen Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentlichte. Demnach haben viele afrikanische Länder sehr früh Massnahmen wie Grenz- und Schulschliessungen, Reisebeschränkungen, Ausgangssperren und Abstandsgebote eingeführt sowie mit Tests begonnen – oft zu einem Zeitpunkt, als sie offiziell noch gar keine Corona-Fälle hatten.

Hier hat auch die Erfahrung mitgespielt: Der Kontinent weiss von anderen Epidemien wie Ebola, wie Infektionskrankheiten effektiv bekämpft werden müssen. Die Menschen sind sich entsprechende Kontrollen und Einschränkungen besser gewöhnt als beispielsweise in Europa. Afrika war also relativ gut vorbereitet und hat sich damit Zeit verschafft, um sich auf höhere Fallzahlen einzustellen.

Ebenfalls eine Rolle könnten demografische Faktoren spielen: Afrika hat mit einem Durchschnittsalter von 19,7 Jahren eine viel jüngere Bevölkerung als alle anderen Kontinente. Und jüngere Menschen sind gemäss den bisherigen Erkenntnissen von Covid-19 weniger stark betroffen und sterben auch deutlich seltener daran.

Das allein erklärt aber nicht, weshalb die Todesrate durchschnittlich 40-mal niedriger ist als in Europa und den USA. Einige Experten vermuten, dass die viel jüngere Bevölkerung Afrikas womöglich schon (unbemerkt) bis hin zu einer möglichen Herdenimmunität durchseucht wurde. Die bisher veröffentlichten Antikörperstudien lassen zumindest vermuten, dass deutlich mehr Menschen die Infektion durchgemacht haben, als die offiziellen Daten angeben.

Zunehmend gelangen auch mögliche biologische Ursachen ins Blickfeld. Laut dem besagten Forscherteam könnte es sein, dass die Afrikaner durch dauerhaften und intensiven Kontakt mit verschiedenen Erregern über ein «trainiertes Immunsystem» verfügen, das sie vor schweren Covid-19-Verläufen schützt.

Es gibt aber auch Experten, die solche Erklärungsversuche als Spekulation bezeichnen und damit rechnen, dass Afrika die befürchtete medizinische Katastrophe erst noch bevorsteht. John Nkengasong, der Direktor der afrikanischen Centers for Disease Control and Prevention, glaubt zum Beispiel nicht, dass sein Kontinent verschont bleiben wird. In verschiedenen Interviews sprach er von einer «verzögerten Pandemie».

176 Kommentare
    Alejandro Galan

    «Warum bleibt Afrika von Corona verschont?» Diese identische Frage wurde auf Grund der Spanischen Grippe in 1918 in Chile (nur mit 0,7 % von 4,5 Millionen), die speziell die oberen Schichten der chilenischen Gesellschaft infizierte (Marcelo López und Miriam Beltrán, Universidad Católica de Chile, Santiago, ISSN 0716-1018) und im Gegenteil die unteren Schichten fast nicht kontaminierte oder schneller geheilt wurden. Der Arzt Carlos Camus Luco (1865 – 1923) behandelte seine Patienten mit Medikamenten und Sirups typisch der Urbevölkerung. Es ist zu bemerken, dass damals gab es nicht so viele Möglichkeiten in Südamerika. Zum Beispiel er empfahl den Kranken 4 SL einer Mischung aus 8 g Tolubalsam (Balsamum tolutanum) verwendet (auch bekannt im Falle von chronischem Asthma in Südamerika verwendet) schon von den präkolumbianischen Völker, mit 20 g von Terpentinöl (auch als Balsamterpentinöl bekannt bei den Ureinwohner Südamerika auch von alten Ägypter). Seine Patienten wurden mit Chinin im Falle von Fieber behandelt und mit Koffein im Falle von Lungenkollaps. Es wurde sich lohnen zu forschen, ob nicht in Afrika die armen Schichten der Gesellschaf traditionelle Medizin anwenden, vielleicht mit besseren Resultaten als die UNI Medizin. Camus Luco empfahl seine Patienten kräftige Hünerbouillon, warme alkoholisierte Getränke (!) und Milch (!). Camus Luco versuchte zu bestätigen, dass die traditionelle Medizin in einigen Fällen mehr Chancen hat als die UNI Medizin und günstiger.