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Leser fragenWann wird aus einer Meinung eine Verschwörungstheorie?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Umgang mit Zweifeln am wissenschaftlichen Konsens.

Rund um das Coronavirus werden Verschwörungstheorien laut: Demonstrierende auf dem Berner Bundesplatz kritisieren die Corona-Politik der Regierung.
Rund um das Coronavirus werden Verschwörungstheorien laut: Demonstrierende auf dem Berner Bundesplatz kritisieren die Corona-Politik der Regierung.
Foto: Keystone

Wie viel braucht es, bis aus einer Meinung eine Verschwörungstheorie wird? Kommt es nicht vor, dass die Politik – von irgendwelchen Grosskonzernen abhängigen – Experten aufsitzt und sich von deren Interessen einspannen lässt? A.F.

Lieber Herr F.

Am einfachsten ist Ihre zweite Frage zu beantworten: Ja, das gibt es. Naomi Oreskes und Eric M. Conway nennen diese Experten in einem gleichnamigen Buch «Merchants of Doubt». Dessen Untertitel fasst den Inhalt gut zusammen: «How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming». Es handelt davon, wie Auftrags-Experten als Lobbyisten einen bestimmten Stand der Forschung als eine mögliche Meinung unter anderen darstellen. Sie inszenieren Kontroversen, die längst keine mehr sind, und werden dabei häufig von Medien assistiert, welche – im Sinne dessen, was man «false balance» nennt – auch einem weitgehend unbestrittenen Sachverhalt eine «Gegenmeinung» gegenüberstellen.

Die merchants of doubt handeln nicht hinter den Kulissen mit ihren Zweifeln am wissenschaftlichen Konsens, sondern auf der Bühne der Öffentlichkeit. Solche «Zweifel» werden von jenen Politiker*innen gerne aufgenommen, welche ihrerseits bestimmte Interessen vertreten. Diese Interessen werden zwar nicht unbedingt offengelegt und möglicherweise auch verschleiert; sie sind aber nicht die Interessen geheimer Strippenzieher und erst recht nicht die einer geheimen Verschwörung. Wer sich in den Qualitätsmedien informiert, weiss, dass es um Kohlekraftwerke und Tabak geht und wer warum welche Seite vertritt. Normaler Investigativjournalismus reicht aus, solchen Lobbyismus zu entlarven.

Verschwörungstheorien spielen in einer anderen Liga als irgendwelche isolierte Meinungen, seien diese auch noch so abstrus.

Damit nun wären wir bei den Verschwörungstheorien. Sie handeln von etwas anderem als von dem konkreten Interesse der Tabakindustrie, die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens so lange es geht als eine (unter anderen) wissenschaftlichen Ansichten darzustellen. Sie sind so etwas wie die Karikatur eines innigen religiösen Glaubens. An der Stelle eines guten Gottes waltet allerdings ein böser Geist, der uns über seine Existenz täuschen will, statt sich zu offenbaren (wie es eigentlich die Aufgabe jedes normalen Gottes wäre).

Verschwörungstheorien spielen in einer anderen Liga als irgendwelche isolierte Meinungen, seien diese auch noch so abstrus. Manche Verschwörungstheorien (wie die von den Reptiloiden) sind eher schlechte Science-Fiction. Gefährlich werden Verschwörungstheorien, wenn eine in ihnen enthaltene politische Komponente Anschluss an aktuelle Politik findet. So wie zurzeit in Deutschland, wo Reichsbürger, Querdenker, Nazis, Impfgegner, AfD gegen das neue «Ermächtigungsgesetz» kämpfen.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

68 Kommentare
    Hans Peter Marco

    Ich möchte einmal in die Runde fragen

    1. von was für Verschwörungstheorien reden gewisse Leute hier?

    2. sind denn alle alle Ideen oder Meinungen, die nicht Mainstream sind, so wirr?

    3. Ist denn alles, was nicht Mainstream ist, VT?

    4. Vor was haben denn die Leute Angst, wenn sie VT vorwerfen?

    5. Im Grunde genommen, wissen wir alle, mit wenigen Ausnahmen, die sich aber nicht in den Kommentarspalten tummeln, nur das, was wir hören. Ist es da nicht möglich, dass da manipuliert werden KANN?