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Leistungen der UnfallversicherungWann ein Suizid zum Unfall wird

Ist eine Selbsttötung ein Unfall, muss die Unfallversicherung zahlen. Die Bedingungen dafür sind jedoch streng. Zum Leidwesen der Hinterbliebenen.

Unfall oder Suizid? Die Abgrenzung ist oft nicht einfach.
Unfall oder Suizid? Die Abgrenzung ist oft nicht einfach.
Foto: Getty Images

Ein Unfall ist ein unfreiwilliges Ereignis. Und so erscheint es auf den ersten Blick paradox, dass auch ein Suizid ein Unfall sein kann. Denn wer Hand an sich legt, tut dies in der Regel nicht unfreiwillig. Dennoch kann eine Selbsttötung oder eine Selbstschädigung die Voraussetzungen für einen Unfall erfüllen. Dann muss die Unfallversicherung zahlen. Das ist der Fall, wenn eine Person im Moment, wo sie sich das Leben nimmt, nicht urteilsfähig ist und auch die übrigen Bedingungen für einen Unfall (siehe Kasten) erfüllt sind.

Wie schwierig es ist, eine solche Urteilsunfähigkeit zu belegen, musste unlängst der Wittwer Kurt Müller erfahren. Seine Frau Verena (Namen geändert) hatte in ihrem Leben mehrere schwere depressive Episoden, so auch vor ein paar Jahren. Sie war deshalb für einen Klinikaufenthalt angemeldet, dieser stand kurz bevor, erzählt Kurt Müller. Da sie nicht arbeitsfähig war, blieb Verena Müller zu Hause rund um die Uhr begleitet von Familie und Bekannten.

An einem dieser Tage war eine Freundin bei ihr. Nach einer Weile schickte Verena Müller die Freundin nach Hause, wobei sie ihr versicherte, dass alles okay sei. Sie habe dabei fröhlich gewirkt, weshalb sich die Freundin keine weiteren Gedanken gemacht habe, sagt Kurt Müller. Nachdem die Freundin weg war, verliess Verena Müller das Haus und warf sich vor einen Zug.

Die Arbeitgeberin von Verena Müller meldete den Fall der Unfallversicherung. Diese hielt sich für nicht zuständig, ihrer Ansicht nach handelte es sich um einen Freitod. Kurt Müller aber war überzeugt, dass seine Frau Verena wegen ihrer schweren Depression ausserstande war, vernunftmässig zu handeln. Und so liess die Versicherung schliesslich ein psychiatrisches Gutachten erstellen. Das sei zwingend, sobald strittig ist, ob ein Unfall vorliege oder nicht, sagt Ueli Kieser, Professor für Sozialversicherungsrecht an den Universitäten St. Gallen und Zürich.

Diagnose allein nicht massgebend

Ziel des Gutachtens ist es, retrospektiv die Urteilsfähigkeit der Person, die sich das Leben genommen hat, zu ermitteln. Dabei könne man sich nicht allein auf die Krankheitsdiagnose der Person stützen. Diese sei nur ein Element, sagt Michael Liebrenz, Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Bern. «Selbst eine schwere Depression reicht nicht, um automatisch davon auszugehen, dass der Patient oder die Patientin im entscheidenden Moment nicht urteilsfähig war.» Vielmehr gehe es darum, dass der Psychiater ein möglichst genaues Bild zeichne über das Verhalten und die Funktionsfähigkeit, welche die Person im Zeitpunkt der Tat gezeigt hat. Dazu dienten ihm die medizinischen Unterlagen der behandelnden Ärzte und Kliniken sowie Informationen aus dem Umfeld der Person, sagt Professor Liebrenz, der auch als Gutachter in versicherungsmedizinischen Fällen tätig ist.

«Selbst eine schwere Depression reicht nicht, um anzunehmen, dass ein Patient im entscheidenden Moment nicht urteilsfähig war.»

Michael Liebrenz, Psychiater

Kommt die psychiatrische Expertise zum Schluss, dass die Urteilsfähigkeit der Person im fraglichen Zeitpunkt vermindert war, so genüge dies nicht, um einen Suizid als Unfall zu qualifizieren, sagt Rechtsprofessor Ueli Kieser. Die Rechtsprechung verlange eine vollständige Urteilsunfähigkeit. Diese muss zudem mit überwiegender Wahrscheinlichkeit belegt sein.

Diese strengen Voraussetzungen waren im Fall von Verena Müller nicht erfüllt. Der von der Versicherung beauftragte Gutachter stellte zwar fest, dass Verena Müllers Fähigkeit, vernunftmässig zu handeln, beeinträchtigt gewesen sei. Eine gänzliche Urteilsunfähigkeit lasse sich aber nicht zweifelsfrei belegen. Dies lag laut dem Gutachter auch daran, dass es keine medizinischen Informationen gab für den Zeitpunkt unmittelbar vor der Tat. Verena Müller hatte offenbar zwei Tage vor ihrem Suizid ein letztes Mal ihren behandelnden Psychiater konsultiert, danach nicht mehr.

Für die Unfallversicherung war damit erwiesen, dass sie keine Leistungen für den hinterbliebenen Ehemann und dessen Kinder gewähren müsse. Dies teilte sie dem Witwer Kurt Müller im vergangenen März mit.

55 anerkannte Fälle pro Jahr

Der Entscheid, ob Unfall oder nicht, ist für die Hinterbliebenen eines Suizidopfers von Bedeutung. Denn mit den Leistungen der Unfallversicherung fahren sie in der Regel finanziell deutlich besser als mit den Leistungen der Pensionskasse, die ihnen sonst zustehen. Die AHV haben die Berechtigten indes in jedem Fall zugute, unabhängig von der Todesursache.

Die strengen Voraussetzungen für die Anerkennung eines Suizids als Unfall spiegeln sich auch in der Statistik wider. Von den rund 400 Suiziden und Selbstschädigungen, die den Versicherern pro Jahr gemeldet werden, haben sie in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 55 Fälle als Unfälle anerkannt. Dies teilt die Suva auf Anfrage mit. Wie viele Fälle die Versicherer erst nach einem Gerichtsurteil gutheissen, ist nicht bekannt. Juristische Auseinandersetzungen in dieser Thematik seien jedenfalls relativ häufig, sagt Rechtsexperte Ueli Kieser. Allein das Bundesgericht behandle pro Jahr rund vier Fälle. Hier ein paar ausgewählte Beispiele.

Suizid durch Messerstich ins Bein:

Ein Mann wurde von seiner Ehefrau und seiner Tochter leblos in der Garage seines Hauses aufgefunden. Er war an einer tiefen Stichwunde im Oberschenkel verblutet. Da der Mann wegen eines kurz zuvor erlittenen Burn-outs verschiedene Medikamente einnehmen musste, hielt der Hausarzt einen Suizid für möglich. Vor allem gab es laut Untersuchung keinerlei Hinweise, wonach der Mann versucht hätte, die massive Blutung zu stoppen, sich ins Freie zu begeben, um sich bemerkbar zu machen oder mit seinem Mobiltelefon Hilfe anzufordern. Für das Bundesgericht war daher erwiesen, dass er sich die tödlichen Verletzungen absichtlich zugefügt hatte.

Im Bahnhof durch einfahrenden Zug getötet:

Ein 48-jähriger Mann wird auf dem Gleis eines Bahnhofs vom einfahrenden Zug tödlich verletzt. Persönliche Probleme waren keine dokumentiert, und der Gutachter fand auch keine Anhaltspunkte für eine Bewusstseinsstörung im entscheidenden Moment. Das Bundesgericht stützte deshalb vornehmlich auf die Aussagen der Augenzeugen ab. Diese würden keinen anderen Schluss zulassen, als dass der Mann Suizid begangen habe. Demnach war er weder gestolpert oder gestürzt, vielmehr sei er aufs Gleis hinuntergestiegen. Er habe nicht auf die Warnsignale des Zugs reagiert und sich auch nicht mit Schreien bemerkbar gemacht oder versucht, sich in Sicherheit zu bringen.

Sprung aus dem fahrenden Auto:

Während einer Autofahrt geriet eine Frau mit ihrem am Steuer sitzenden Mann in eine heftige Auseinandersetzung. Um aus der für sie unerträglichen Situation zu fliehen, stürzte sich die Frau aus dem fahrenden Auto, wobei sie sich erhebliche Verletzungen zuzog. Der Gutachter beurteilte die Tat als Kurzschlusshandlung: Die Frau sei sich der Folgen nicht bewusst gewesen, weshalb kein Suizidversuch und auch keine absichtliche Selbstschädigung vorliege. Dem folgte das Bundesgericht und entschied, dass die Unfallversicherung die Leistungen nicht wegen Suizidversuchs ablehnen dürfe. Hingegen werde sie prüfen müssen, ob der Frau die Leistungen wegen Fahrlässigkeit zu kürzen sind.