Waldökologe warnt vor Aktivismus

ETH-Professor Harald Bugmann stellt die Notwendigkeit vom absolut sicheren Wald infrage und lanciert die Debatte über einen neuen Umgang mit trockenheitsbedingten Risiken.

Soll jeder abgestorbene Baum im Wald gefällt werden oder soll sich der Mensch anpassen müssen? Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Soll jeder abgestorbene Baum im Wald gefällt werden oder soll sich der Mensch anpassen müssen? Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Thomas Gubler

«Der Klimawandel ist eine Realität, und er beginnt, den Wald zu erfassen.» Dies erklärte am Freitag Harald Bugmann, Professor für Waldökologie an der ETH Zürich, in seinem Referat an der Fachtagung «Der Wald im (Klima-)Wandel» des Verbands Schweizer Forstpersonal. Sinnigerweise fand die Veranstaltung im Werkhof der Bürger­gemeinde Basel in Birsfelden am Eingang zum massiv von der Trockenheit geschädigten Hardwald statt. Dies und die Aus­sage, dass an der Notwendigkeit einer drastischen Reduktion der CO2-Emissionen kein Weg vorbeiführen könne, gehörten zu den Gewiss­heiten, die der Wissenschaftler präsentierte.

Ansonsten gestand Harald Bugmann ein, dass bei den Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald zurzeit noch vieles unklar ist. Man wisse nicht, wie der Wald der Zukunft zu gestalten sei. «Wir verfügen noch nicht über die nötigen Entscheidungsgrundlagen», sagte Bugmann. So sei es einigermassen unwahrscheinlich, dass es mit den trockenen Jahren einfach so weitergehe. Denn es sei die fehlende Feuchtigkeit und nicht primär die Temperaturen, die den Bäumen zusetze. Zudem passiere derzeit in der Politik sehr viel Interessantes, das sich positiv auswirken könne. «Die Annahme, dass die Buche im Mittelland keine Zukunft mehr hat, könnte ich jedenfalls so nicht unterschreiben», sagte der ETH-Professor.

Ganz grundsätzlich warnte er «vor zu viel Aktivismus im Wald» in dem Sinn, dass jetzt auf Baumsorten umgestellt würde, die hitze- und trockenheitsresistenter seien als die Buche, wie beispielsweise die Eiche. «Tief Luft holen und überlegen ist jetzt ­angesagt. Denn zehn bis zwanzig Jahre haben wir noch Zeit.»

Zwei Extremszenarien

Im Zusammenhang mit der Problematik, wie mit den Trockenheitsschäden im Wald umgegangen werden soll, stellte Bugmann zwei Extremszenarien einander gegenüber. Das eine bezeichnete er als «harte Tour», bei der alle abgestorbenen Bäume aus Sicherheitsgründen abgeholzt würden. Das berge nicht nur ein hohes Gefahrenpotenzial für das Forstpersonal, es sei auch mit hohen Kosten und mit Schäden am verbleibenden Bestand verbunden. Die bestehende Rechtslage und die herrschende Auffassung vom Wald als Erholungsraum führt allerdings im Hardwald zu einer gewissen Annäherung an diese «harte Tour». Dies, weil der Sicherheit im Wald eine hohe Priorität eingeräumt wird und der Waldbesitzer nach Möglichkeit Haftungsfälle vermeiden will.

Diesem Szenario stellte Harald Bugmann die «sanfte Tour» gegenüber, nämlich dass die abgestorbenen Bäume und der Wald quasi sich selbst überlassen werden. Diese würde ein geringes Gefahrenpotenzial für das Forstpersonal bergen und sei mit geringen Kosten verbunden. ­Allerdings würde der Waldbau eingeschränkt, was in der Forstwirtschaft mit Skepsis aufgenommen werde. Und schliesslich würde unbestrittenermassen die Gefahr für die Erholungssuchenden zunehmen.

Neue Risiko-Toleranz

Zwingend verbunden mit der «sanften Tour» wäre unter Umständen eine grossflächige Absperrung von Waldteilen, wie dies im Moment beim Hardwald der Fall ist, oder ein neuer Umgang mit den Risiken im Sinne einer Erhöhung der Risiko-­Toleranz der Waldgänger.

Vor allem Letzeres würde laut Bugmann eine Anpassung der einschlägigen Gesetze und der Rechtssprechung erfordern. Der schöne Satz im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (ZGB) «Der Zugang zu Wald und Weide ist frei» könnte unter diesen Umständen kaum aufrechterhalten werden. Für den Waldökologen ist klar, dass sich in der Schweiz weder das eine noch das andere Extremszenario rein verwirklichen lässt, und auch, dass sich nicht für jede Region die gleichen Massnahmen aufdrängen.

Die Diskussion über eine veränderte Risiko-Toleranz aber hält Bugmann für dringend notwendig. Es stehe nicht einfach fest, dass der Wald als Erholungsraum zur Verfügung stehen und sicher sein müsse. «Man kann das Sicherheitsholzen auch übertreiben. Im Yellowstonepark gibts das nicht. Und gegen Pumas muss man sich bei Wanderungen in amerikanischen Wäldern auch selber schützen.»

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