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Aufschrei wegen SonntagsverkaufWährend Läden schliessen müssen, bleiben Beizen offen

Das Weihnachtsgeschäft ist die umsatzstärkste Jahreszeit im Detailhandel. Nun verbietet der Bundesrat verkaufsoffene Sonntage. Das sei eine «Farce», kritisiert der Branchenverband.

Ein solches Gedränge wäre selbst mit Maskenpflicht gefährlich, meint der Bundesrat: Sonntagsverkauf im Dezember 2019 in Zürich.
Ein solches Gedränge wäre selbst mit Maskenpflicht gefährlich, meint der Bundesrat: Sonntagsverkauf im Dezember 2019 in Zürich.
Foto: Walter Bieri (Keystone)

Kurz vor Weihnachten hat der Bundesrat dem Detailhandel die Festtagsstimmung so richtig vermiest. Alle Läden müssen zwischen 19 und 6 Uhr schliessen. Zudem sind verkaufsoffene Sonntage vor und nach Weihnachten abgesagt. Das ist für die angeschlagene Branche eine weitere Hiobsbotschaft. Zudem kritisiert der Handel, ungerecht behandelt zu werden. Denn Restaurants und Bars dürfen an Sonn- und Feiertagen geöffnet sein.

Das sei «eine Farce», sagt Patrick Kessler, Geschäftsführer des Handelsverbands Swiss. Natürlich verstehe man, dass der Bundesrat sich zu weiteren Massnahmen genötigt sehe. Aber der Detailhandel trage schon lange viel härtere Massnahmen, und die Dauer des Kontakts mit Drittpersonen sei in den Läden sehr gering.

Wieso dürfen Restaurants am Sonntag öffnen, Läden aber müssen geschlossen bleiben? Eine schlüssige Begründung blieb Bundesrat Alain Berset an der Medienkonferenz am Freitag schuldig: «Ziel der Übung ist, die Kontakte und Menschenansammlungen zu reduzieren», sagte er. «Treffen in einem geschlossenen Raum sind sehr riskant.» Die Erfahrung zeige, dass man die Fälle eingrenzen könne, wenn man die Kontakte in Innenräumen begrenze.

Unter dieser Prämisse solle der Bundesrat die Gastronomie ganz schliessen und für den Ausfall entschädigen, argumentiert Kessler vom Handelsverband Swiss. Der Detailhandel sei nachweislich kein Ansteckungsherd, doch «das wird ignoriert».

Finanzminister Ueli Maurer gibt noch zu bedenken, dass die Weihnachtszeit mit die wichtigste Zeit in der Gastronomie sei und viele Restaurantbetreiber abends zwei Drittel ihres Umsatzes machen würden. Die Branche rechne Ende Jahr mit einem Umsatzverlust von 600 bis 800 Millionen Franken.

Umsatzverlust von rund 3 Prozent

Doch im Detailhandel ist die Situation vergleichbar. Der Weihnachtsverkauf sei für die Branche enorm wichtig, manche Händler generierten in der Adventszeit über ein Drittel ihres Jahresumsatzes, sagt Patrick Kessler. Besonders hoch dürften die Umsätze im Spielwarenbereich und im Bücherhandel sein.

Und welche Bedeutung haben die verkaufsoffenen Sonntage? Der Branchenexperte schätzt, dass die Sonntagsverkäufe vor und nach Weihnachten in diesen zwei Bereichen gut 3 bis 4 Prozent des Umsatzes ausmachen können. Auf den gesamten Detailhandel – ohne Lebensmittel- und Onlinegeschäft – hochgerechnet, dürfte das Sonntagsverbot einem Umsatzverlust von rund 3 Prozent entsprechen, das wären rund eine Milliarde Franken.

Zahlen von Monitoring Consumption Switzerland zeigen allerdings, dass die Sonntagsverkäufe im vergangenen Jahr, gemessen an den Debitkarten-Transaktionen, die schwächsten Tage des Weihnachtsmonats waren.

Angesichts dieser Zahlen könnte man meinen, der Protest sei ein Sturm im Wasserglas. Allerdings ist zu bedenken, dass der Handel im Corona-Jahr 2020 bereits stark gelitten hat. Daher hofften die Geschäfte, den Umsatzverlust durch das Weihnachtsgeschäft etwas abdämpfen zu können. Daraus wird nun nichts.

Die Verschärfungen der Massnahmen seien schwierig nachzuvollziehen, da der Detailhandel seit dem Frühling gut greifende und eingespielte Schutzkonzepte habe und sich bislang nicht als Ansteckungsherd erwiesen habe, sagt Dagmar Jenni, Geschäftsführerin des Detailhandelsverbands Swiss Retail Federation.

Gerade in gesundheitspolitischer Hinsicht wären die Sonntagsverkäufe neben wirtschaftlichen Überlegungen in diesem Jahr wichtig gewesen, sagt Jenni. Die Sonntage würden helfen, die Kundenfrequenzen über mehrere Tage zu verteilen. Die Streichung der Sonntagsverkäufe sei kontraproduktiv, heisst es auch beim Handelsverband Swiss: «Wir gehen davon aus, dass damit die Samstage viel stärkere Bewegungen auslösen», sagt Kessler. Zudem würden sich die Einkäufe wieder mehr in die Onlineshops verlagern, was auch die Post belaste. «Der Druck wird sich verschärfen», sagt Kessler.

Dieses Argument sieht auch Bundesrat Berset. Was den Bundesrat aber nicht davon abhielt, das Verkaufsverbot am Sonntag zu verhängen.

55 Kommentare
    Thomas Meier

    Das Geld (und die Lobbies) führten Regie bei diesen Massnahmen.

    Zwar haben viele Beizen grosse Anstrengungen unternommen, um nicht als Gefahrenherd durchzugehen.

    Das ändert aber nichts an der Tatsache, das Restaurants eine weitaus höhere Ansteckungsgefahr bieten als etwa Bäckereien. Das ist absurd - da haben die betreffenden Lobbies ganze Arbeit geleistet.

    Das ist allerdings nur eine von vielen unverständlichen Massnahmen. So dürfen z.B. persönliche Familienfeiern maximal 10 Personen beinhalten. Bei sportlichen Betätigungen allerdings sind nur maximal 5 Personen zulässig.

    Gemäss der Landesregierung sind 10 Personen in geschlossenen Räumen weniger gefährlich als 5 Sportler im Freien........Derart absurde Entscheidungen erwartet man von einem Donald Trump, aber nicht in der Schweiz vom Bundesrat.

    Nein, wir müssen mit der Tatsache leben, das in der Schweiz nicht alle Menschen gleich sind. Einige sind gleicher - und angeblich "ungefährlicher".