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Das komplexe Sozialleben von BelugasWa(h)lfreundschaften

Belugas organisieren ihr Sozialleben vermutlich ähnlich komplex wie Menschen: Sie verbringen Zeit mit ihrer Familie und haben zusätzliche Freundeskreise.

Belugas sind soziale Tiere, die selten allein unterwegs sind.
Belugas sind soziale Tiere, die selten allein unterwegs sind.
Foto: Getty Images

Was haben bis zu sechs Meter grosse Weisswale mit kleinen gelben Kanarienvögeln gemeinsam? Beide gehören zu den Quasselstrippen im Tierreich. Ähnlich wie Kanarienvögel geben auch Weisswale, besser bekannt unter dem Namen Belugas, fast ständig Töne von sich. Die Meeressäuger brummen, quietschen und zwitschern, um mit ihren Artgenossen zu kommunizieren.

Die vorwiegend an den Küsten Alaskas, Kanadas und Russlands lebenden Belugas sind soziale und gesellige Tiere. Nur sehr selten sind sie allein unterwegs, fast immer schwimmen sie in Gruppen, deren Grösse von zehn bis zu mehreren Hundert Exemplaren variiert. In der Paarungszeit schliessen sich Belugas sogar zu riesigen Verbänden mit mehr als tausend Tieren zusammen. In einer Studie, die im Wissenschaftsjournal Scientific Reports erschienen ist, hat ein Team um den Meeresbiologen Greg O’Corry-Crowe von der Florida Atlantic University entdeckt, dass die sozialen Netzwerke von Belugas extrem komplex sind und denen von Menschen ähneln.

Anhand von genetischen Untersuchungen haben die Wissenschaftler festgestellt, dass Belugas sich anders als beispielsweise Schwertwale (Orcas) nicht nur mit Verwandten zusammenschliessen. Bei den Orcas, die wie Belugas zu den Zahnwalen gehören, stehen weibliche Tiere mit ihren Kälbern im Zentrum einer Gemeinschaft. Darum herum gruppieren sich vor allem ältere Söhne und Töchter dieser Weibchen.

Wer mit wem schwimmt, kann sich schnell ändern

Belugas haben gemäss der neuen Untersuchung ein sehr viel komplexeres Sozialleben. In ihren Gruppen finden sich sowohl Verwandte mütterlicher- als auch väterlicherseits. Oft schwimmen die Tiere aber auch gemeinsam mit nicht verwandten «Freunden». Dazu kommt, dass die Zusammensetzung der Gruppen nicht stabil ist, sondern sich öfter ändert.

Nach Ansicht der Forscher könnten diese Erkenntnisse darauf hindeuten, dass Belugas nach dem sogenannten Fission-Fusion-System organisiert sind, bei dem die Zusammensetzung von Gruppen variiert und es Untergruppen gibt, die sich zu bestimmten Anlässen zu einer grösseren Gemeinschaft zusammenschliessen (fusion) und dann wieder auseinandergehen (fission).

Wenn sich bestätigt, dass Belugas auf diese Art zusammenleben, hätten sie eine Gemeinsamkeit mit Menschen.

Sehr gut untersucht ist diese Form des sozialen Zusammenlebens beispielsweise bei Schimpansen. Die Menschenaffen brechen täglich in kleineren Verbänden mit unterschiedlicher Besetzung zur Futtersuche auf und kommen abends zum Schlafen wieder zusammen. Auch Grosse Tümmler leben in einer Fission-Fusion-Gesellschaft. Die Delfine haben enge Freunde, die sie sich in der Adoleszenz selbst aussuchen. Gleichzeitig sind sie Teil eines zweiten, grösseren Netzwerks, in dem die Tiere nicht ganz so eng verbunden sind, sich aber trotzdem regelmässig treffen.

Auch Menschen, die sich beispielsweise tagsüber mit ihren Arbeitskollegen treffen und abends zu ihrer Familie heimkommen, leben auf diese Art zusammen. Fission-Fusion-Gesellschaften gelten als besonders komplex und anspruchsvoll, unter anderem, weil individuelle Verhaltensweisen der ständig wechselnden Gruppenmitglieder unterschiedliche Reaktionen erfordern.

Wenn sich bestätigt, dass Belugas auf diese Art zusammenleben, hätten sie nicht nur eine Gemeinsamkeit mit Kanarienvögeln, sondern auch mit Menschen.