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Stark!Vorsicht Etikettenschwindel!

Der Gewerbeverband wirbt mit einer Mogelpackung. Anstatt für wahrlich unternehmerische Persönlichkeiten wirbt er vor den Grossratswahlen mit «Schreibtisch-Gewerblern».

Gewerbeverbandsdirektor Gabriel Barell bewirbt in einem Ranking angeblich gewerbefreundliche Grossratskandidaten.
Gewerbeverbandsdirektor Gabriel Barell bewirbt in einem Ranking angeblich gewerbefreundliche Grossratskandidaten.
Florian Baertschiger

Das Nudelfertiggericht Mirácoli ist von der Verbraucherzentrale Hamburg zur «Mogelpackung des Jahres 2019» gewählt worden. Der Hersteller Mars hat seinen Parmasello-Käse aus dem Tütenfrass verbannt und spart ausserdem an Tomatensauce und Würzmischung. Doch der Handel verkauft die Nudeln noch immer zum alten Preis.

Mit dem gleichen Trick empfiehlt der Gewerbeverband Basel-Stadt seine Kandidatinnen und Kandidaten für die Grossratswahlen in diesem Herbst: schrumpfender Inhalt, gleich bleibende Packungsgrösse. Ein klarer Favorit für die Mogelpackung des Jahres 2020.

Gabriel Barell, der Gewerbedirektor aus Binningen BL, setzt sich zum Ziel, in der Stadt «mehr unternehmerisch denkende Persönlichkeiten in die politische Verantwortung zu bringen», und propagiert deshalb eine Liste mit 50 Kandidatinnen und Kandidaten.

Darunter findet man berühmte «unternehmerische Persönlichkeiten» wie den SVP-Parteisekretär Joël Thüring, die Degenfechterin Gianna Hablützel-Bürki, den Detektiv Felix Wehrli, den pensionierten Gerichtspräsidenten Jeremy Stephenson, die Präsidentin der Jungen SVP, Laetitia Block, Patrick Erny, den Leiter Politik beim Gewerbeverband, oder auch Christian Meidinger, ehemaliger Polizeimajor bei der Kantonspolizei. Was für ein glücklicher Zufall – ein Schelm, der Böses dabei denkt –, dass alle diese tüchtigen «Schreibtisch-Gewerbler» einer bürgerlichen Partei angehören. Sozialdemokraten und Grüne fehlen vollständig. Grossratspräsidentin Salome Hofer (SP) steht erst auf Platz 56 des Gewerbeverband-Rankings.

Gerne nutze ich die Gelegenheit, die geschätzten Leserinnen und Leser über Kandidaten zu informieren, die tatsächlich einen echten unternehmerischen Leistungsausweis und nicht nur das passende Parteibüchlein präsentieren können.

Wer sich bei Wahlen von solchen Organisationen unterstützen lässt, darf über Misserfolge wahrlich nicht klagen.

Daniel Sägesser ist Unternehmer im Cleantech-Bereich. Arbeitgeber von weltweit 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, davon 80 in der Schweiz. Megasol ist der grösste Schweizer Solarmodulhersteller und europaweit Marktführer bei gebäudeintegrierter Fotovoltaik. Die solaren Baustoffe werden von Stararchitekten wie Renzo Piano oder Shigeru Ban eingesetzt. Seine Firmen gewannen immer wieder Innovations- und Unternehmerpreise. So zum Beispiel 2018 den Innoprix der Baloise Bank SoBa oder 2019 den Berner Unternehmerpreis von AEE Suisse. Im Gewerbeverband-Ranking qualifizieren ihn diese Auszeichnungen für Platz 71.

Alexandra Dill (Ranking Platz 78) ist Inhaberin des Kulturbüros Dill+Dill Kontor und Co-Geschäftsführerin der Markthalle AG. In der Markthalle arbeiten etwa 50 Personen mit unterschiedlichen Pensen. Dazu kommen noch etwa 120 Vollzeitstellen bei den Untermietparteien. 2019 lockten über 240 Anlässe (Kultur, Märkte) rund 50'000 Menschen in die Markthalle.

Jean-Luc Perret (Ranking Platz 62) ist Teilhaber einer Kommunikationsagentur im Nachhaltigkeits- und Energiebereich (Sinnform AG) und arbeitet für Ämter (VBS, Luftwaffe), Bildungs- und Forschungsinstitutionen (Tropeninstitut), private Firmen (Implenia), Vereine, Stiftungen und Verbände (CMS).

Immerhin schon auf Rang 58 findet man Semseddin Ylmaz. Selbstständiger Unternehmer, Geschäftsführer der Firma Gutknecht + Co. AG, Heizungen und Lüftungen. Gelernter Heizungsmonteur, Heizungszeichner und Heizungstechniker. Prüfungsexperte bei den Lehrabschlussprüfungen Haustechnikplaner.

Zwei weitere Kandidaten für Plätze zwischen 60 und 100 stehen auf der SP-Liste bereit und können vom Gewerbe(behinderungs)verband für 2024 vorgemerkt werden: Jakob Heval Kaya, Geschäftsführer einer Agentur für digitale Innovation (MindNow AG), und Martin Jenzer, Leiter Personentransport und Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Settelen AG.

Die Führung des Gewerbeverbandes ist offenbar wild entschlossen, auf dem Weg in die politische Bedeutungslosigkeit unbeirrt weiterzuschreiten. Ausgerüstet mit dichten ideologischen Scheuklappen und wirtschafts- und umweltpolitischen Positionen aus der tiefsten Steinzeit. Wer sich bei Wahlen von solchen Organisationen unterstützen lässt, darf über Misserfolge wahrlich nicht klagen.