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Studie zu scheinbarem Trick Von wegen ein Doping-Schlupfloch!

Sportler, Trainer oder Fans behaupten immer wieder, mittels therapeutischer Ausnahmebewilligungen werde breit und folgenlos betrogen. Nun sorgt eine Studie für Fakten.

Ermattet nach dem Olympia-Skiathlon von 2018 – darunter die Schweizerin Nathalie von Siebenthal (rechts).
Ermattet nach dem Olympia-Skiathlon von 2018 – darunter die Schweizerin Nathalie von Siebenthal (rechts).
Foto: Keystone

Überführte Doper inszenieren sich gerne als Anti-Doping-Experten – und erklären nach ihrer Überführung bizarrerweise oft, wie einfach es doch sei, mit Dopen davonzukommen. Zu diesen Sachverständigen zählt David Millar. Der Brite, vierfacher Etappensieger der Tour de France, wurde 2004 für zwei Jahre wegen Epo-Missbrauchs gesperrt.

Millar erklärte 2016 in einem Text in der «New York Times», wie sich ganz legal dopen lasse: indem man sich als Athlet eine sogenannte therapeutische Ausnahmebewilligung verschaffe. Diese Bewilligungen dienen bei Topathleten in medizinischen Notfällen dazu, dass sie dank Medikamenten oder bestimmter Methoden ihrer Arbeit nachgehen können. In ihrem normalen Alltag sind sie verboten.

Millar beschrieb, wie er und seine Radkollegen ein fiktives körperliches Problem angaben, um an leistungssteigernde Mittel zu gelangen. Folgerichtig lautete der Titel seines Textes: «Wie man trotz Dopen davonkommt». Damit befeuerte er ein ohnehin schon kontroverses Thema, das sich sehr oft um die Verwendung von Asthmasprays dreht.

Die verdächtigen Norweger

Die hitzige Debatte gipfelte im vorletzten Winter in einem Bericht des norwegischen Staatsfernsehens. Es vermeldete, dass das norwegische Olympiateam während der Spiele in Südkorea 6000 Dosen Asthmamittel für seine 121 Athleten und Athletinnen dabeihabe. Die (implizite) Schlussfolgerung vieler Beobachter lautete: Die Norweger, die Besten an den Spielen, hätten ihre Sportler breit legal gedopt.

Schon damals hatte dieses düstere Fazit ein grundlegendes Problem: Diese hohe Menge war gar nie eingesetzt, sondern bloss prophylaktisch mitgeführt worden. Und: Für die allermeisten Asthmamittel ist gar keine Bewilligung mehr nötig, weil sich die Experten inzwischen einig sind. Mit diesen allermeisten Mitteln kann die Leistung nie über 100 Prozent der Leistungsfähigkeit gehoben werden. Für die wenigen Asthmamedikamente wiederum, die tatsächlich beflügeln, sind weiterhin Bewilligungen einzuholen.

In welcher Olympiasportart wie viele Ausnahmebewilligungen zu therapeutischen Zwecken gewährt wurden. Lesebeispiel: Im Biathlon wurden 13 solcher Ausnahmebewilligungen ausgesprochen, davon 13 in Zusammenhang mit Asthma (B2A). Zeitraum 2010 bis 2018.
In welcher Olympiasportart wie viele Ausnahmebewilligungen zu therapeutischen Zwecken gewährt wurden. Lesebeispiel: Im Biathlon wurden 13 solcher Ausnahmebewilligungen ausgesprochen, davon 13 in Zusammenhang mit Asthma (B2A). Zeitraum 2010 bis 2018.
Wada

Nun haben Wissenschaftler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada das Bild zum Thema in einer Studie mit dem Titel «Prevalence of Therapeutic Use Exemptions at the Olympic Games and Association with Medals» geschärft. Sie schauten sich dafür die Spiele von 2010 bis 2018 an, also drei Austragungen im Winter und zwei im Sommer. 20’139 Wettkämpfe fanden an diesen fünf Spielen statt, 2062 Medaillen wurden vergeben. In 0,9 Prozent der Wettkämpfe starteten Athleten mit einer therapeutischen Ausnahmebewilligung. Im Schnitt verfügten 1,2 Prozent aller Olympiaathleten über ein solches Attest.

Bloss 21 Medaillen für die Sonderfälle

21 der 2062 Medaillen sicherten sich diese athletischen Sonderfälle, also rund 1 Prozent aller Medaillen. Die Studienautoren folgern: «Unsere Resultate lassen darauf schliessen, dass kein aussagekräftiger Zusammenhang zwischen einer gewährten therapeutischen Ausnahmebewilligung und der Wahrscheinlichkeit eines Medaillengewinns besteht.»

Die Studie schafft auch bezüglich 2018 und der Norweger klare Verhältnisse: Für die Südkorea-Winterspiele wurden gerade einmal 17 Ausnahmebewilligungen gewährt. Selbst wenn die Norweger also flächendeckend mit einem Asthmamittel hantiert hätten, das sie dem IOK auch hätten angeben müssen, wären bei einer Teamgrösse von 121 nicht bloss 17 Atteste herausgekommen.

Belastete Wintersportler

Die Studie listet zudem die Sportarten mit den meisten Ausnahmebewilligungen auf. Ski nordisch führt die Liste mit 41 Attesten an drei Spielen an, vor 36 Bewilligungen für alle anderen Skidisziplinen. Es folgt Biathlon mit 13. Die Autoren erklären sich diese höheren Zahlen im Vergleich mit fast allen anderen Sportarten damit, dass Skiathleten oft über einen längeren Zeitraum kalter Luft ausgesetzt seien, was die Lunge stark belaste.

Im Schnitt wurden darum mehr Wintersportler mit solchen Bewilligungen ausgestattet als Sommerathleten – aber in so geringer Zahl, knapp über einem Prozent, dass klar ist: Die Einschätzung von David Millar, gewonnen aus fernen Radzeiten, hat mit der aktuellen Situation olympischer Athleten wenig gemein.