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MimpfeliVon politischen Gedanken und korsischer Eiersuppe …

Roland Stark, ehemaliger Basler SP-Grossrat und heute BaZ-Autor, veröffentlicht ein Buch mit seinen Kolumnen. Das weckt bei -minu Erinnerungen an seine Kindheit.

Pfefferkörner waren das «Korsische» in Vaters Suppe.
Pfefferkörner waren das «Korsische» in Vaters Suppe.
Illustration: Rebekka Heeb

Roland hat mir sein Buch geschickt. Stark! So heisst e s. Und so heisst e r. Es sind Kolumnen eines Politikers. Und natürlich sind sie subjektiv aber jeder Politiker redet und schreibt aus seiner Sicht. Alle Kolumnen sind subjektiv. AUCH DIE NICHT POLITISCHEN.

Mein Vater war ebenfalls Politiker. Vollblut. Nun gut er war auch Vollblut-Alpinist. Vollblut-Frauenheld. Und Vollblut-Eiersuppen-Koch. Ich kann nicht beurteilen, ob er ein guter Lover seiner Freundinnen oder ein passabler Links-Politiker war. Aber eines weiss ich: Seine Eier-Suppe war unschlagbar. Er nannte sie «die korsische Art». Als kleiner Bub habe ich sie die «Korsett-Suppe» genannt.

«Korsisch» war mir noch kein Begriff – Korsett aber schon. Die Frauen in unserer Familie trugen solche. Unten wurden die Nylons drangeknüpft oben die Brüste hochgestemmt. Trotzdem hat keine ausgesehen wie Marlene Dietrich im «blauen Engel». Sie hätten alle gerne – aber das Korsett alleine brachte es nicht.

Vaters Brühe

Die korsische Eiersuppe kochte Vater nur, wenn wir mit dem Zelt unterwegs waren. Da baute er den Gaskocher auf. Vermengte Wasser mit Bouillonwürfeln. Und schlug dann ein halbes Dutzend Eier ins Nass. Schliesslich griff er zu drei Handvoll Pfefferkörner, die er mit einem Stein zu Staub zerquetschte. Der Pfeffer war das «Korsische» in der Suppe.

Mutter würgte bereits unter einem Baum. Die Omama bestellte einen Tisch im nächsten Restaurant. Aber Vater und ich hockten auf Klappstühlen und löffelten den pfeffrigen Zauber im Kamellen-Pfännchen bis zum letzten Tropfen aus.

Ich war schon damals ein Vielfrass, der ausser Sauerkraut mit Bananen alles verschlang. Auch diese Brühe. «Bub – du weisst, was gut ist!», strahlte mein Erzeuger dann stolz. Und strich mir über den Kopf. Nie war ich ihm näher als bei diesem korsischen Suppen-Moment.

Natürlich war mein Vater nicht der Typ, der irgendwann am Herd stand. Ich meine: Er war der Macho-Alte vom Schlag «wann kommt das Essen endlich auf den Tisch!». Oder: «Das Maggifläschlein fehlt »

Partei-Propaganda im Briefkasten

Süppchen kochte er nur politisch. Und, wie mir Menschen, die das alles durchgemacht haben, immer wieder beteuerten: Er kochte auch politisch pfeffrig. Also: auf korsische Art. Meine Mutter war ebenfalls politisch auf Draht. Nicht aktiv. Oder zumindest nur im Hintergrund: Wenn Vater vor den Wahlen die Partei-Propaganda-Zettel mit seinem Namen darauf in die Briefkästen steckte, polierte die Mamma mein Sackgeld um den doppelten Betrag auf, wenn ich die Zettel wieder rausnehmen würde.

Mutter war das, was man heute in die Schublade «emanzipierte Frau» deponiert. Sie legte sich für Frauenfragen ins Zeug – etwas, das dem korsischen Suppenkoch Bauchschmerzen bereitete. Denn sein Credo war: «DIE FRAU AM HERD BRINGT UNS DEN WERT!»

Damals konnte man mit solchen Gedanken noch Grossrat werden. Und er wurde. Obwohl ich alle seine Wahlpropaganda aus den Briefkästen gezupft hatte.

Die Diskussionen am Familientisch ähnelten einem heissen Tennis-Match: Federer – Djokovic am Suppentopf quasi. Die politischen Parolen flogen von links nach rechts. Von rechts nach links . Das waren in etwa auch die politischen Richtungen, die es zu schlagen galt: «Dein verdammtes Kapitalistenpack ist schuld, dass das Staatspersonal noch immer keinen dreizehnten Monatslohn hat » «Ich höre nur Lohn wofür denn? Um auf dem Trämlersitz den Weibern nachzugaffen!»

Wortlos vor dem Spinat

Das Kind sass mitten im Spiel. Tag für Tag. Niemand erkundigte sich, ob es ihm gut gehe. Keiner fragte: Hast du Bedürfnisse? Oder: «Weshalb hast du für den Aufsatz ich bin eine Biene nur eine -2- bekommen?»

Ich war das Kleinvolk, für das sich die Politik bis heute nicht interessiert. Natürlich wurde der Bub auch nie nach seiner Meinung gefragt – die beiden politischen Seiten bestimmten den Match. Sie machten das Spiel. Ich sass wortlos vor dem Spinat. War die grüne Mitte. Und musste die schmutzigen Teller abräumen

In einem waren sich beide Elternteile IMMERHIN einig: Der Bub muss in die Politik! Vater kündigte mich in seiner Partei bereits als zukünftiger Bundesrat an: «Der Junge hat das Werkzeug: Er ist rhetorisch u n d schauspielerisch Spitze – ihr solltet ihn mal als Rotkäppchen sehen!» Mutter aber erklärte in ihren politischen Zirkeln: «Wir machen ihn zum Sekretär der Frauenbewegung – so sensibel, wie er ist. Und welche politische Bewegung hat schon einen Sekretär, der stricken kann – links und rechts »

Natürlich haben die beiden damals meine Aversion gegen Politik und Politisches gesät. Ich meine: Ich wollte mit Politik nie etwas zu tun haben. Der grüne Spinat in der Mitte und die endlosen Kampfreden links und rechts davon haben mich ein für alle Mal geimpft.

Es ist nicht so, dass ich keine politischen Gedanken hätte. Aber ich denke mir immer, das interessiert keine Sau. Schliesslich macht sich jeder von uns seine eigene politische Meinung. Oder man kann die politischen Gedanken in Büchern nachlesen. Wie jetzt bei meinem Kolumnisten-Kollegen Roland. Und das ist dann: STARK.